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passage nach indien 13 | von stefan knecht
 
       
     
 

Bangalore ist ein Vorhof zur zivilisierten Hölle. Einer, weil es wahrscheinlich mehrere Seiteneingänge gibt. Eine grauenhafte Stadt: der Gestank der Zweitaktmotos, Laster, Busse vermischt sich penetrante mit dem Unrat der Straßen. Unmengen von Mopeds, Autos, Rikschas. Röcke und Jeans, keine Saris mehr.

Das Zentrum gibt sich westlich, wie ein grün lackierter Baum den Frühling spielen will. Seven Up gegen Cola gegen Pepsi, klimatisierte Malls (die Mittelklasse-Inder LIEBEN Malls) im halbfertigen oder schon wieder heruntergewirtschafteten Zustand, Computerläden und ein Überangebot an Cybercafes. Dennoch sind alle voll, zu jeder Tageszeit. Eine öst-westliche Kakophonie, ein Alptraum.

Schnell wieder weg, das kann ich nicht gebrauchen.

Im Handumdrehen im Tageszug nach Mysore gezweiterklasselt. Eine reizende Frau teilt ihr Mittagessen aus dem Henkelmann mit mir. Köstliche Reismehlküchlein mit einer scharfen grünen Soße mit ordentlich viel grünem Chilli drin. Beides wird aus dem Deckel getunkt und mit Wasser gelöscht. Achte sorgsam darauf, alles mit der rechten Hand zu machen. Die Linke ist die Arschabwischhand und würde meine temporäre Ernährerin beleidigen. 

Da gibt es noch viel zu schreiben, zu den guten und den bösen Händen, zum Gebrauch von Schuhen und dem Waschen der Füsse und so fort. Kommt noch.

Sie spricht kein Englisch, wir können uns nicht unterhalten. Ende dreißig mag sie sein, eine Mutter vielleicht. Auf der Backe hat sie ein übles Muttermal, die Wange ist mit gelblichem Pulver bestaubt, vielleicht Medizin. Ihr Stirnpunkt ist besonders kunstvoll: ein kleiner weißer Strich zu oberst, dann ein geklebter dunkelroter Punkt, dann ein mit Pigment aufgetragener, leuchtendroter. Bereue, mich nicht revanchieren zu können, danke mit Blicken, sie ist peinlich berührt. Ich auch.

Die Frau hat zwei silberne Zehenringe. Das sieht schön aus und macht auch Sinn hier. Bei uns kaum, weil die Zehen vor der Kälte in Strümpfen versteckt werden. Hier leuchtet das Silber, auch wenn die Füße staubig sind. Viele Frauen haben Zehenringe. Und kleine blitzende Nasenstecker.

Es ziehen vorbei: Verkäufer aller Art (pro Station mindestens 4 neue, verkaufen entweder Erdnüsse oder etwas, was wie gekochte Kartoffeln aussieht, aber eine Frucht ist, eine Feige vielleicht), Blinde Losverkäufer (4), Wanderprediger samt tragbarem Tempel und Glocke (1), verkrüppelter Bettler alt (3), jung (1), Frau mit Kind bettelnd (1), singende Familie mit Zimbeln, geführt von sehendem Sohn (1), bodenwischender Bub (1, mit Schal, der danach wieder um den Hals kommt).

Kaufe getrocknete Bananenschnipsel, die wie Pappe schmecken und am Ende ungenießbar liegenbleiben. Gebe Kleingeld und fettige, zerrupfte 5 Rp-Scheine weg, werde von den indischen Reisenden beäugt, milde belächelt, weil ich immer wieder gebe. Habe keine Strategie für das Geben. Gebe immer dann, wenn ich meine, daß die Person ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft nicht verdienen kann. Blinde, Lepröse, Lahme (bis auf die organisierten Profi-Lahmen mit den absichtlich gebrochenen Knöcheln, denen geben die Einheimischen auch nichts), sehr alte und gebrechliche Menschen. Die kriegen Geld. Mal 2 Rp, mal 10 -- für mich Pfennigbeträge, für die vielleicht eine Hilfe. 

Heute ging mich fast schon aggressiv ein dreadlock-Priester an, in zerlumpten Kleidern und gebeugt. Nur mich ging er an, den einzigen Westler. Seine Landsleute hat er keines Blickes gewürdigt. Von denen wollte er nichts. Dann gebe ich auch nichts, weil es mich fuchst, daß er sich den doofen Europär krallt. Auch bettelnde Schulkinder ärgern mich, die dem Anschein nach keine Not leiden, nur spaßeshalber versuchen, ein paar Scheine zu machen und nicht ahnen, was sie damit anrichten.

Es sind nicht alle arm. Viele sind arm und leben. Nicht gut, auch nicht gut nach indischen Mitteklasseverhältnissen und völlig inakzeptabel nach unseren Standards. Aber es geht nicht um unsere Standards, nicht um unsere Moral, nicht darum, wie WIR meinen, daß Umstände lebenswürdig sind.

Ganz schwieriges Thema, das. Die Armut, der Dreck, die Not und wie der gepinselte Reisende sie sieht. Muß ich noch ein wenig nachdenken. Kann grob danebengehen, wenn man nicht vorsichtig ist.


stefan knecht auf dem sofa
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