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passage nach indien 12 | von stefan knecht
 
       
     
 

Indische Bahnhöfe sind ein Mikrokosmos, exterritoriales Gelände außerhalb wahnsinnig gewordener Städte. Herden khakibedreßter Beamter wuseln über die Bahnsteige. Die höheren Chargen tragen weiße Hemden und Zivilkleidung, die kleinen Eisenbahn-Wallahs eine schlichte, gnadenlos verdreckte Kluft. 

Die Offiziere haben Schlappen, die Wallahs sind barfuß. Die Bahnpolizisten sehen aus wie die Japaner in der "Brücke am Kwai", Tropenhüte mit einer keck nach oben gezogenen Schlappe. Stolze Männer! Was machen die den ganzen Tag?

Sie haben Bambusstäbchen, die beim Schreiten majestätisch auf den Boden klickern. Damit keiner aus der nicht vorhandenen Reihe tanzt. Einsteigen, ja ... 

Schlangestehen im englischen Sinne gibt es nicht mehr. Wer drückt, gewinnt. Zuerst raus, dann rein ist fad, geht auch alles gleichzeitig, und der Kleinkram wird durch die vergitterten Fenster gereicht. Das könnte auch ein Argument für die Vergitterung sein, fällt mir eben auf: Säcke und Ziegen sind weit schwieriger durch die engen Einstiege zu wuchten als durchs Fenster. Geht aber auch.

Für jeden Handgriff gibt es einen Menschen. Bei dem einen kauft man ein Gepäckaufbewahrungsticket, ein weiterer wird lautstark herbeizitiert, um ein ausgefülltes Zettelchen mit einem dicken Leimpinsel an die Tasche zu kleben, ein dritter wuchtet überkopf das Gepäck auf ein unsinniges hohes Regalbrett.

bahnhof

Auf dem Bahnhof wird für den ersten und wichtigsten Zug des Tages alles vorbereitet. Wallahs schleppen halbe Bananenstauden an, die an jedem Pfosten der Überdachung befestigt werden. 

Die Dachkonstruktion ist aus massiven Eisenbahnschienen gefertigt, Leichtbaurecycling quasi. Tonkübel mit Pflanzen werden in Halterungen befestigt, antike Ventilatoren drehen ihre Runden. Passage to India. Weiß nicht, ob die Deko nach dem letzten Zug wieder verschwindet ... kann schon sein, Arbeitskräfte sind billig.

noch ein ticket Der Hampi Expreß verspätet sich ein wenig. Was ist schon eine Stunde, ich habe Leute getroffen, die harrten in Bombay 22 Stunden aus. Der Zug dieselt ein, die Spannung steigt, hektisches Treiben, Männer und Jugendliche mit Tabletts und vierrädrigen Rollwagen flitzen auf und ab, verkaufen gesüßten Chai und Kaffee, pappsüße Limca-Limonade (macht süchtig!) und allerlei in Zeitungspapier gewickelte Köstlichkeiten aus der Ölpfanne.

Auf dem Ticket steht kein Sitzplatz, die Organisation ist ein wenig komplizierter: an jedem Wageneingang hängt eine Computerliste, auf der Name des Fahrgastes und Sitzplatz notiert sind. Meine Karte lautet auf "34, male" (weshalb dann die Inquisition und die vielen Formulare?), der Zugchef findet meine Koje, mir gelang es nicht.

Erste Klasse. Jaaa. Alles relativ. Der Waggon muß einer Anti-Terroreinheit als Trainingsobjekt gedient haben. Kann nicht anders sein. Alles massiv und dennoch kaputt, angestossen, schwer benutzt.

Die Fenster sind von außen mit Querstäben vergittert, innen alles ton-sur-ton in maschinenfarbenem Industriedunkelgrau lackiert. Nicht lackiert, mit dicken Pinseln lieblos bemalt. Und zwar ohne Abkleben. 

Generationen von Malern konnten sich nicht einig werden, wo welches Accessoire beginnt oder endet. So sind die Grenzen zwischen einer dunkelgrauen, hellgrauen und schwarzen Bemalungszone fließend. Dunkelgrau dominiert, so ein trübes, gar nicht lustiges Dunkelgrau. Wie Heizungsbodenbemalung (ölfest) in bundesdeutschen Reihenhäusern. 

Vier Bänke, zwei oben, zwei unten, mit klebrigem Plastik in einer dunkelgrau-taubenblau Mischung überzogen. Leicht rötliches Finish. 

zug Die Unterseiten der Schenkel kleben in Sekundenschnelle an und sind nur mit einem schmatzenden Geräusch wieder zu lösen. Es hat gut 30 Grad, die Luft steht. Weitere Ausstattung: für jeden Platz ein grober Flaschenhalter aus Baustahl, ein in die Wand eingelassener Aschenbecher (Brandflecken außenrum, Nikotinvorkommen abbauwürdig), vier einzeln zu schaltende halbmetergroße und vergitterte Ventilatoren unter der Decke (taubenblau, passend zu den Kojen), zur Gangseite rechts und links je eine nach oben zu schiebende Blende (mit sinnlosen Lüftungsschlitzen verblendet, weil es draußen wie drinnen gleich heiß ist, wiederum vergittert) und unter den Pritschen tatsachlich drei mächtige Ösen. Vermutlich für die Fußketten.

An der Innenseite der schweren Stahlschiebetür ein Riegel und noch einer und ein dritter, um ganz sicher zu gehen. Die Riegel sind innen, das heißt, man kann aus-, nicht aber einbrechen. Spricht eigentlich gegen einen Gefängniszug, aber was soll´s, die Überschrift bleibt.

Die Ablagen an der Außenseite sind aus 6 mm starkem Stahllochblech gefalzt und könnten ebensogut aus Beton sein. Tragkraft ungefähr 2 Tonnen, wie praktisch, wenn man mal schwerere Getränke dabei hat. Quecksilberdaiquiri oder Whisky on lead.

Über allem liegt rötlicher mikroskopisch feiner Staub. In jeder Ritze und in jede Pore dringt der Staub. Laufen die Ventilatoren (vergessen: die stufenlose Regelung ist kompletter Unfug, es gibt ON = "6 Beaufort, kleine Äste werden geknickt" und OFF = aus), dann verteilt sich der Staub nur, laufen sie nicht, legt sich eine weitere Schweißfilmschicht auf die verstaubte, verschweißte, verstaubte usw. Haut.

"... entspannen Sie sich in unserer ersten Klasse." Aber man kann schon irgendwie schlafen, ja, kann man. Alles kann man, wenn man nur will, wenn man nur will, wenn man nur will, wenn man nur will ...


stefan knecht auf dem sofa
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