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passage nach indien 10 | von stefan knecht
 
       
     
 

Ein knotiger Schuster lebt mitsamt seinen drei Werkzeugen in einer fahrbaren Wohnung, einer schuhschachtelgrossen Kiste, außen mit Coca-Cola-Bemalung. Eine gar nicht tote Stadt - selbst inmitten der aktiven Grabungsarbeiten hausen Familien in den Granithäusern, als ob die Akropolis Teil eines Campingplatzes wäre. Kuran meint, die Familien wären seit hunderten von Jahren dort, und er sähe keinen Grund, das zu unterbinden. Vielleicht hat er recht. So lebt das Ensemble wenigstens. Ohne Menschen wäre es Disneyland und tot. 

Den einzig wirklichen Schaden bringt die staatliche Elektrizitätsgesellschaft. Einem Strommasten stand ein Tempel im Weg. Der wurde kurzerhand abgeräumt und nebendran aufgeschlichtet.

Kumar wird nicht müde zu betonen, daß die "Muselmani" anno 1565 alles zu Klump hauten und es danach mit den guten Zeiten Hampis vorüber war - bis die Touristen kamen und einen zweiten Frühling brachten. Viel merkt man nicht davon. 

main basarWenn die Sonne untergeht und die Kochfeuer geschürt werden, die Kühe und Ziegen aus den Felsen zurück in den Bazar trotten und beißender Qualm in schlierenden Schichten über der Szenerie liegt, bleibt die Zeit stehen. Nicht viel anders muß es vor 500 Jahren gewesen sein. Bis auf die Details natürlich: In der untergehenden Sonne spielen ein paar Buben Cricket, ein Mopedtaxi knattert an heimkehrenden Arbeitern vorbei, aus einer Hütte dröhnt indische Popmusik. Am Stand einer zahnlosen Frau gibt es frisch frittierte Chillis für eine Rupie zu kaufen. Gnadenlos scharf, den Dünnschißbakterien bleibt keine Chance.

Ein sonderbares Erlebnis war der Ohrenreiniger: ein Zwetschgenmännchen mit einem selbergebastelten Köfferchen im Stile eines Medizinschränkchens und einem unbeschreiblich versifften Lappen über der Schulter schielte mir in die Augen und behauptete mit ernstem Gesicht, meine Ohren wären komplett verschmutzt und bedürften einer dringenden Reinigung. Drohend zeigte er mir seinen Ohrenschaber: ein ehemaliger Teelöffel, grob in Form gedengelt. Schlagartiges Grausen, die Erinerung an Torturen der Kinderzeit und schmerzhaft tief eingeführte Q-Tips. Alarmstart, und im Laufen ein "... no Sir, I do not need any cleaning!"

Ich beobachte den Medizinmann aus der Ferne und komme ihm nur durch die Hilfe des (später noch auftretenden) Buchhändlerarztes auf die Schliche. Bei westlichen Ohren wird kunstvoll ein ekelerregendes Stückchen Schmierfett, gespickt mit Ziegenhaaren IN das Ohr hinein befördert und zum Beweis der dringend notwendigen Reinigung, dem Patienten dramatisch vorgeführt. Glück gehabt.

Der Guide ist mit dem Besitzer des Reisebüros und dieser wiederum mit dem Betreiber des wirklich guten Bookshops verwandt. In diesem kann man täglich von 11 bis 1 einen Aryuveda-Arzt konsultieren. Ich nutze ihn für eine Diagnose meines (harmlosen) Schnupfens. Für 100 Rupees kriegte ich nach einer Reihe wundersamer Fragen und wahrheitsgemäßer Antworten ein kleines Tütchen (3 x täglich je zwei) und ein Röhrchen (alle halbe Stunde auch zwei, bis sie alle sind). 

Hab´ mir dann ein Schnupftuch gekauft, wird schon werden.  

Jedenfalls, der ehrwürdige und belesene Buchhändler Mr T.T. Guthi (BA, LLB) ist Anfang siebzig, Ex-Anwalt, politischer Aktivist und erklärt einige Zusammenhänge.

Unweit des Dorfes steht unvermittelt und völlig sinnlos das Skelett einer Brücke, zwei gut 40 Meter hohe Stahlbetonpylone. Dazwischen nichts, nur der Fluß Anagandi. 

bruecke ins nichts Für 2 Rp wird man in einem kreisrunden, mit Teer kalfaterten Weidenboot in kleinen Kreisbahnen schlingernd übergesetzt. Zwei Familien verdingen sich als Fährleute und leben ganz gut davon. Keine Straße hier, keine Straße dort. Nur ein Pfad, der in eine Bananenplantage führt. 

Fast vergessen: Innerhalb der Plantage gibt es das ganz famose Restaurant MANGO TREE. Hier kann man fein essen, auf Bastmatten liegend, den Sternenhimmel und den ausladenden Mangobaum über sich, im Lichte einer Petroleumlampe und inmitten eines Vogel- und Froschkonzertes.

Auf der anderen Flußseite liegt ein anderer Distrikt und das moderne Gomorrha. Hier gibt es Alkohol und Ganja, beides verachtungswürdig in Nähe einer heiligen Stätte. Entsprechend hart ist die Kritik der eingesessenen Dörfler auf der guten Seite.

Hampi wurde von der UNESCO bereits 1986 in die Liste der vordringlich schützenswerten Weltkulturgüter aufgenommen. Die indische Regierung wurde aufgefordert, einen konkreten Aktionsplan zur Rettung des Ensembles zu formulieren. Passiert ist freilich nichts. 

Ein korrupter Likörfabrikbesitzer und Abgeordneter der regierenden Kongresspartei besitzt auf der gegenüberliegenden Halbinsel ein Resort und Hotel, das ohne Anbindung an die historischen Stätten nur halbsoviel wert ist. Dicke Europäer gruseln sich vor der wackeligen Überfahrt im Binsenboot. Also liess Mr Bad Guy seine Verbindungen spielen und drückte den Brückenbau in Rekordzeit durch. 

Die Bürgerschaft von Hampi schlug Alarm bei der UNESCO, damit der wahnwitzige Plan aufgegeben würde: nicht nur müssen alle Strassen entweder gebaut oder verbreitert werden, was einen Abriss oder die Verlegung einiger historischer Tore und Tempel bedingen würde, sondern auch ebenjene aktiven Bazarteile geraumt werden, in denen der Anwalt, sein Neffe mit Reisebüro und Cybercafe sowie dreierlei weitere Marketender ihren Lebensunterhalt verdienen. 

Je zwei Kilometer ober- wie unterhalb Hampis stehen bereits zwei Brücken, die die Gegend ausreichend erschließen. Ferner würden ein Vogelschutzgebiet, seltene Heilpflanzen sowie einzigartige Höhlenmalereien gefährdet.

Eine Abordnung der UNESCO inspizierte den Ort des Verbrechens und forderte die indischen Behörden zur umgehenden Einstellung der Bauarbeiten auf. Bislang geschah nichts, gar nichts - und die Einheimischen fürchten, den Interessen des üblen Likörfabrikanten zum Opfer zu fallen.

Was fehlt, ist massiver Einspruch und Öffentlichkeit. Das Bürgerkommittee will eine Website bauen und allen Touristen Flugblättern aushändigen. Am allerbesten wäre, die Hampianer hätten einen Ex-Greenpeace oder Amnesty International-Aktivisten bei der Hand, die wissen, wie man so etwas auf Touren bringt. Kurz war ich versucht, noch ein paar Tage dranzuhängen, aber dann hat doch der Schweinehund gesiegt. Bin ja auf Reisen.

Wir können ein Fax schicken an:

UNESCO World Heritage Centre
7 Place de Fontenoy
F-75352 Paris 07 SP
FRANCE
fax +33 1 4568 5570

... und darin um schleunigste Aktion bitten.

Und ohne viel Mühe kann man dem Neffen von Herrn Guthi eine eMail schreiben, in der man ihm Mut zuspricht.

Jeden Tag eine gute Tat: laßt uns edel und hilfreich sein.


stefan knecht auf dem sofa
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