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Von München aus sind es drei schnelle Stunden nach Italien, an den Lago. Münchner sagen Lago. Weil es nur einen gibt, zum Lago Maggiore fährt kein Mensch, zu weit und kein Wind zum Surfen. Ausserdem sprechen am Gardasee alle deutsch, und das halbe Stadtviertel ist da. Jedenfalls alle, die surfen oder bergradeln. Traditionsgemäß trinkt man den ersten Espresso am AGIP-Autogrill,
die erste raus nach dem Brenner. Mit dem Rad fährt man sechs Tage. Ohne Asphalt und Autogrill. Von Wörgl sechs Tage über Säumerpfade, Militärstrassen und schmale Wege. Sechs Tage lang jeden Tag radeln, von früh bis spät. Mit dem Rad zum Lago hat man jeden Tag zwei Pässe, zweitausend Höhenmeter, zehn Stunden Schlaf und vier Stunden Essen und Pflege für Mensch und Maschine. Die Tortur heisst Transalp und ist ein kleines Abenteuer mitten in Europa.
Einmal über die Alpen radeln, von Nord nach Süd, über die Tauern, Südtirol und die Dolomiten ins Trento und zum Gardasee, das macht Sinn. Einmal irgendwo ankommen und sich jeden Meter verdient haben. Sehr belohnend ist das. Nicht einfach aus dem Auto fallen und da sein. Mitkriegen, wie sich die Landschaft ändert und sich jeden Übergang erkämpfen.
Wenn man nicht mehr ans Treten denkt, dann hat man es geschafft. Instant Karma, andere Umlaufbahn, Geist siegt. Plötzlich machen Schmerzen Freude, und die sachten Schmerzen euphorisieren. Am Abend fühlt man sich sauwohl, blickt vom Berg ins Tal und hat dem Berg jeden Meter ehrlich abgehandelt. Mein Berg. Alles meins, bis zum Horizont.
Das gibt zu denken. Eine ungenannt bleibende Freundin liefert die kongeniale Begründung:
Morgens startet man gemeinsam. Das ist wichtig für die Gruppendynamik.
Das Sechserfeld zieht nach ein paar Kilometern in kleine Fahrergruppen
auseinander. Jeder findet seinen Tritt. Fährt man schneller als man
sollte, dann übersäuern die Muskeln. Ein kleinerer Gang oder
ein paar Zähne weniger auf dem Kettenblatt addieren sich, der Vordermann
zieht davon, und bald ist man allein, die anderen ausser Sicht und ein
paar Serpentinen oberhalb. Dann kann man nachdenken. Stundenlang. Ganz ruhig wird man und zufrieden.
Wenn man denn denken will. Das Treten an sich ist entspannend. Beim Surfen
kommt man ins Gleiten, beim Radeln ins Nichtdenken. Nichts denken und
die Natur zieht vorbei. Die Serpentinen spulen ab wie eine Theaterdekoration.
Eine nach der anderen, ganz mühelos. Doch irgendwann kommen Zweifel, der Hintern schmerzt, im Knie sticht
es. Warum das alles? Seit vier Stunden schabt das Schambein auf dem Sattel
und noch 1800 Höhenmeter zu treten. Ein Paß und noch ein zweiter,
auf der Karte nur zwei Fingerbreit und enggestaffelten Höhenlinien.
Vielleicht muss man noch tragen. Vielleicht auch abwärts tragen.
Zwölf Kilo Rad plus Wasser, Rucksack, Helm, der Rahmen scheuert auf
der Schulter. Nach einer Stunde werden auch zwölf Kilo schwer. Die Natur. Anders als bei Tagestouren oder zu Fuss ändert sich beim Bergradeln die Landschaft schneller. Man muss abends nicht mehr zurück zum Auto, fährt von Hütte zu Hütte. Jede Wegbiegung eröffnet neue Blicke. Hinter jedem Kamm warten atemberaubende Aussichten. Immer neue Berge glitzern in der Ferne. Keiner weiss die Namen. Ist auch nicht so wichtig.
Ein paar Täler weiter ist Südtirol. Noch ein wenig voraus, wo nadelspitze Zypressen den Himmel kitzeln, da ist der Lago.
Nie schmeckte Prosecco besser als in der Winds Bar. Verdreckt, mit Salzrändern und Teilabdrücken des Kettenblattes an den Waden, sonnenverbrannt und unendlich stolz. Nur leider interessiert das keinen, kann man doch in drei Stunden auch mit dem Auto fahren. Einmal über die Alpen radeln. Müsst ihr mal machen.
Mehr Bilder und Informationen auf den TRANSALP-Serviceseiten. Wer die Transalp nachradeln will, findet hier Karten und Roadbook als PDF und JPG und eine Packliste. Als besonderes Schmankerl für Euch Nordlichter und Hauptstädter, die Ihr Gipfelglück nur aus der Milkawerbung kennt: ein 360°-Rundumblick vom Astjoch bei strahlendem Spätsommerwetter. Man sieht die grossen Gebirge der Zentralalpen. Ahnen kann man sie, wenn man weiss, wo sie wären. Das Laden dauert je nach Leitung ein wenig und der Browser muss JAVA verstehen. lesen Sie auch: passage nach indien |
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