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alpentreten | von stefan knecht
 
       
  Über die Krimmler Tauern  
     
 

Von München aus sind es drei schnelle Stunden nach Italien, an den Lago. Münchner sagen Lago. Weil es nur einen gibt, zum Lago Maggiore fährt kein Mensch, zu weit und kein Wind zum Surfen. Ausserdem sprechen am Gardasee alle deutsch, und das halbe Stadtviertel ist da. Jedenfalls alle, die surfen oder bergradeln.

Traditionsgemäß trinkt man den ersten Espresso am AGIP-Autogrill, die erste raus nach dem Brenner.

Mit dem Rad fährt man sechs Tage.

Ohne Asphalt und Autogrill. Von Wörgl sechs Tage über Säumerpfade, Militärstrassen und schmale Wege. Sechs Tage lang jeden Tag radeln, von früh bis spät.

Mit dem Rad zum Lago hat man jeden Tag zwei Pässe, zweitausend Höhenmeter, zehn Stunden Schlaf und vier Stunden Essen und Pflege für Mensch und Maschine. Die Tortur heisst Transalp und ist ein kleines Abenteuer mitten in Europa.


Man muss nicht radeln, man kann. Man kann sich auch ein Loch ins Knie bohren und Marmelade reinschmieren. Aber warum sollte man das.

Einmal über die Alpen radeln, von Nord nach Süd, über die Tauern, Südtirol und die Dolomiten ins Trento und zum Gardasee, das macht Sinn. Einmal irgendwo ankommen und sich jeden Meter verdient haben. Sehr belohnend ist das. Nicht einfach aus dem Auto fallen und da sein. Mitkriegen, wie sich die Landschaft ändert und sich jeden Übergang erkämpfen.


Bei Bergen geht es es an einer Seite steil rauf und an der anderen steil runter. Und steil heisst wirklich steil. Wenn es nicht steil hinaufgeht, dann langwierig.


Bergauf ist man mit dem Fahrrad kaum schneller als ein Fussgänger. Das Abwärtsreiten ist brachiale Lust und knapp an der Grenze der bewussten Kontrolle. Nur kein starrer Blick und ja nichts Bestimmtes fixieren. Der Weg findet sich von alleine, das Rad lebt. Etwas Diffuses im Schwerpunkt des Körpers übernimmt die Kontrolle, steuert, tariert, läßt bremsen und Schläge ausgleichen. Den Kopf ausschalten, gleiten lassen. Alles geht, lass´ laufen, Mut!

Rosenfürzchen ölt für zwei.Bergauf radeln ist vor allem Quälerei. Für jeden und ohne Ausnahme. Wer das Gegenteil behauptet, lügt. Ein Meter ist ein Tritt, jede Radumdrehung verlangt willentlichen Druck durch Waden und Schenkel. Nach ein paar Stunden drücken die Muskeln von alleine. Die Maschinenbeine folgen tiefen Atemzügen.

 

Wenn man nicht mehr ans Treten denkt, dann hat man es geschafft. Instant Karma, andere Umlaufbahn, Geist siegt. Plötzlich machen Schmerzen Freude, und die sachten Schmerzen euphorisieren. Am Abend fühlt man sich sauwohl, blickt vom Berg ins Tal und hat dem Berg jeden Meter ehrlich abgehandelt.

Mein Berg. Alles meins, bis zum Horizont.


Viel trinken muss man, jeden Tag sechs Liter Wasser. Vier davon verliert man wieder. Der Körper als Durchlauferhitzer. An heissen Tagen bilden Schweisstropfen kleine Salzflecken auf dem Oberrohr. Alle zwei Sekunden ein Tropfen, wie eine Wasseruhr. An kalten Tagen merkt man die Kälte nicht, weil der ganze Leib dampft wie ein frischer Toast.


Der Körper entwickelt sanfte Visionen. An den Schläfen rauscht das Blut. Spätestens am dritten Tag kreisen die Gedanken um Nudelberge, Speckbrote und Bratenscheiben. Man beginnt sich zu erzählen, was man jetzt essen würde. Und irgendwann denkt jeder an Sex. Warum, weiss keiner. Anstrengung, Essen und Sex scheinen in archaischer Beziehung zu stehen.

Das gibt zu denken. Eine ungenannt bleibende Freundin liefert die kongeniale Begründung:

Man besinnt sich auf seine Ur-Bedürfnisse:
Bewegung, Essen, Trinken, Schlafen und Sex.
Weil man sich eben (...) durch nichts ablenken kann. Die Körpermaschine funktioniert auf Hochtouren, der Kopf ist irgendwo im Nirwana, alle primären Bedürfnisse sind befriedigt, außer dem einem.

Vielleicht macht es einfach nur der Sauerstoffmangel, oder die Verbundenheit mit der Natur, das erdige, urige, deftige, zivilisationsfremde. Normale Konventionen und Regeln gelten nicht.
Man ist in einem körperlichen, geistigen und emotionalen Ausnahmezustand.
Die urbanen Dressuren, die wir uns zugelegt haben, wirken lächerlich, angesichts der Gewalt, der Macht der Natur. Balzsignale wie knallroter Lippenstift oder hohe Hacken haben keinen Platz.

Oder vielleicht sind wir alle nur kleine Schweinderln.

Morgens startet man gemeinsam. Das ist wichtig für die Gruppendynamik. Das Sechserfeld zieht nach ein paar Kilometern in kleine Fahrergruppen auseinander. Jeder findet seinen Tritt. Fährt man schneller als man sollte, dann übersäuern die Muskeln. Ein kleinerer Gang oder ein paar Zähne weniger auf dem Kettenblatt addieren sich, der Vordermann zieht davon, und bald ist man allein, die anderen ausser Sicht und ein paar Serpentinen oberhalb.

Dann kann man nachdenken. Stundenlang. Ganz ruhig wird man und zufrieden. Wenn man denn denken will. Das Treten an sich ist entspannend. Beim Surfen kommt man ins Gleiten, beim Radeln ins Nichtdenken. Nichts denken und die Natur zieht vorbei. Die Serpentinen spulen ab wie eine Theaterdekoration. Eine nach der anderen, ganz mühelos.

Doch irgendwann kommen Zweifel, der Hintern schmerzt, im Knie sticht es. Warum das alles? Seit vier Stunden schabt das Schambein auf dem Sattel und noch 1800 Höhenmeter zu treten. Ein Paß und noch ein zweiter, auf der Karte nur zwei Fingerbreit und enggestaffelten Höhenlinien. Vielleicht muss man noch tragen. Vielleicht auch abwärts tragen. Zwölf Kilo Rad plus Wasser, Rucksack, Helm, der Rahmen scheuert auf der Schulter. Nach einer Stunde werden auch zwölf Kilo schwer.

Die Natur.

Anders als bei Tagestouren oder zu Fuss ändert sich beim Bergradeln die Landschaft schneller. Man muss abends nicht mehr zurück zum Auto, fährt von Hütte zu Hütte. Jede Wegbiegung eröffnet neue Blicke. Hinter jedem Kamm warten atemberaubende Aussichten. Immer neue Berge glitzern in der Ferne. Keiner weiss die Namen. Ist auch nicht so wichtig.


Je höher man kommt, desto karger wird die Natur. Bis schliesslich nur noch Fels und Flechten bleiben, bis ein Schneefeld mit geschultertem Rad überquert wird und auf der anderen Seite Italien ist. So müssen sich die Säumer gefühlt haben. An manchen Stellen scheuerten sich die Karrenspuren tief in den Fels. Weiter in der kalten Stille Schritt um Schritt nach oben, die Murmeltiere verschwinden in Verstecken, eine Dohle krakeelt, und Wolken schieben sich vor die Sonne.


Auf der anderen Seite der Krimmler Tauern beginnt Italien. Bergab im Tal sprechen die Menschen ein hartes Italienisch, es gibt in Butter schwimmende Fingernudeln zu essen. Das ist schön.

Ein paar Täler weiter ist Südtirol.

Noch ein wenig voraus, wo nadelspitze Zypressen den Himmel kitzeln, da ist der Lago.


Ankommen ist wunderbar.

Nie schmeckte Prosecco besser als in der Winds Bar. Verdreckt, mit Salzrändern und Teilabdrücken des Kettenblattes an den Waden, sonnenverbrannt und unendlich stolz.

Nur leider interessiert das keinen, kann man doch in drei Stunden auch mit dem Auto fahren.

Einmal über die Alpen radeln.

Müsst ihr mal machen.

 


Mehr Bilder und Informationen auf den TRANSALP-Serviceseiten. Wer die Transalp nachradeln will, findet hier Karten und Roadbook als PDF und JPG und eine Packliste.

Als besonderes Schmankerl für Euch Nordlichter und Hauptstädter, die Ihr Gipfelglück nur aus der Milkawerbung kennt: ein 360°-Rundumblick vom Astjoch bei strahlendem Spätsommerwetter. Man sieht die grossen Gebirge der Zentralalpen. Ahnen kann man sie, wenn man weiss, wo sie wären. Das Laden dauert je nach Leitung ein wenig und der Browser muss JAVA verstehen.


stefan knecht auf dem sofa
anderswo. 
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Auf dem SAäumerpfad zum Krimmler Tauern.
Vor 10 Tagen wäre der Pass noch unpassierbar gewesen, wir hatten Glück.
Kurz vor dem Krimmler Tauern Sattel
Auf der anderen Seite geht es steil hinunter,. Gerade noch fahrbar.
Nach der Seiser Alm.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Am letzten Tag. Ich.