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sonderbehandlung | von stefan knecht
 
       
  rudasbad  
     
 

Kein einziger Gegenstand, keine Kachel, kein Stein, keine Kante ist heil. Jedes Ding, jeder Fußbreit Boden zeugt von jahrhundertelangem Gebrauch. Fehlende Kacheln sind von grobem Zement ersetzt. Stromkabel aus Jahrzehnten drängen sich wirr monströsen Verteilschränken entgegen. Ein leichter Schwefelgeruch geht vom Wasser aus. Umso intensiver und fast unangenehm, je näher die Nase einem der Zuflüsse kommt.

In Richtung der Umkleidekabinen spült aus einem angestückelten Gummischlauch eiskaltes Wasser in ein winziges, auf Brusthöhe aufgestelltes Becken. Männer treten auf einen glitschigen Steinquader am Boden, trinken, wischen mit dem Handrücken über den Mund.

Drei rundum geklinkerte Räume bilden die Heißräume. Holzroste auf dem Boden verhindern schwere Verbrennungen. Riesenhafte Heizkörper strahlen bullige Wärme ab. Die Wände messen gut einen Meter und verjüngen sich auf ein kleines Fenster. Durch eine geborstene Scheibe blickt man ins Bad. Ich löse den Schurz und setze auf die oberste Stufe einer Holzbank. Heiß und trocken ist die Luft, schmerzt beim Einatmen an den Nasenrändern. Die Poren öffnen sich, und kleine Wassertropfen formen sich. Eine Uhr tickt. Gedämpft dringen Geräusche in die Glutwärme.

Auf der Steinliege muß schon Hadrian gelegen haben. Sie ist gerade so lang, daß der Körper angenehm Platz findet, so breit, daß man nirgendwo anstößt. Ein menschliches Maß. Eine Nackenrolle aus Granit stützt den Kopf. Wider Erwarten ist der Stein angenehm hart und paßt sich genau in die Biegung von Hals zu Hinterkopf. Die Bank steht erhaben am Rand der Becken und kühlt die Glieder. Das Wasser fließt langsam ab. Liegend übersieht man den ganzen Raum. Die Becken dampfen unterschiedlich stark: die heissen umgeben sich mit einem dichten Schleier aus dem Arme und Köpfe hervortreten und verschwinden. Bei den kälteren ziehen vereinzelte Schwaden über die Oberfläche. Wie bei ruhenden Geysiren. Der Dampf zieht in die Kuppeln ab, läßt die Glasscherben ganz oben blinken.

Mit dem Schlüssel kann man eine kreisrunde Alumarke mit windschief eingeprägter Zahl erwerben. Die Marke berechtigt zu einer Massage. Der Massageraum schließt an den Beckenraum und ist durch Oberlichter hell erleuchtet. Er erinnert an den Autopsiesaal eines baufälligen Krankenhauses. Beige Fliesen, Reste einer Lüftung, verrostete Rohre teilen sich den Luftraum. Kalte Luft fällt an den Wänden herab. Aus einem Ventil zischt Dampf. Vier hüfthohe Massagetische aus Nirosta stehen einander gegenüber auf durchweichten Holzfüßen. Die Oberflächen der Liegen sind leicht abfallend und münden in einem Loch, durch das Wasser auf den Boden tropft.

Ein massiger Mann nimmt die Münze entgegen, hängt sie an ein Brett mit verrosteten Haken und murmelt etwas unverständlich ungarisches. Er erkennt, daß ich nicht verstehe und bedeutet mit aufgeweichter Hand eine fünf. In fünf Minuten kehre ich zurück. Meinem fragenden Blick entgegnet er mit einen Griff, der mich in einem Schwung um die Achse dreht und auf die Pritsche zwingt. Lauwarmes Wasser rinnt über Hals und Oberkörper, eine Pranke packt eine Schulter. Er bedeutet mir, mich auf den Rücken zu drehen. Laut mit seinem Massagekollegen palavernd, beginnt er mich mit einem kalten Stück Kernseife einzuschmieren.

Unvermutet werden die Füße von roher Gewalt gequetscht und in alle Richtungen verbogen. Er steht am Fußende und zupft jeden einzelnen Zeh zielstrebig vom Körper. Die Knorpel knacken. Nie gehört: knackende Zehenknorpel. Die Achillessehne schlägt hart am Rand der Stahlpritsche auf, als er zum linken Fuß wechselt. Am Wadenbein schiebt er seinen Handballen so fest auf und ab, daß mir ein stilles Stöhnen entkommt. Er witzelt zu seinem Partner und verdoppelt seine Anstrengungen. Das Bein wird gegen die Hinterbacken gedrückt, noch mal und noch mal und ich phantasiere, welcher unmenschliche Druck wohl ausreicht um den Oberschenkel reissen zu lassen. Er murmelt etwas, ich scheine unkooperativ, er wuchtet meine schmerzenden Restkörper auf den Bauch, mein Kinn schlägt in eine erkaltete Pfütze, ins Nasenloch rinnt Seifenlauge. Dann der Rücken. Mit beiden Fäusten versucht er mein Rückgrat aus dem Körper zu lösen. Er gibt auf und versucht zuerst meine Arme zu brechen.

Meine Gegenwehr erlahmt. Neben mir erkenne ich einen Kopf mit geschlossenen Augen. Eine gute Idee, vielleicht ist das ein Ausweg. Der Schinder verlegt sich auf den Rücken und bearbeitet mit Klauenfingern das Rippenfleisch. Ich spüre die vom Wasser aufgeweichten Fingerspitzen und beschließe, meine Angst versuchsweise in Wollust zu verwandeln. Eine schwierige Übung, als die Tortur auf den Nacken wechselt. Als der Kopf weit überdreht wird, stockt der Atem. Ein kleines Stückchen weiter, und er bricht mir das Genick. Sinnlose Gegenwehr: seine Klauen packen die Kopfhaut. Ein warmer Strahl aus dem Gummischlauch, er beendet sein Werk. Benommen wanke ich in den Nebenraum, finde Halt an einem Emaillegriff und verbrühe den geschundenen Leib mit einer Schwallbrause.

Linderung im Tauchbecken. Ein Eisberg kalbt. Bevor ich ohnmächtig werde, suche ich meine Schlappen und steige aus.

Der eiskalte Ruheraum hat den Charme einer Jugendherberge. Beim Eintritt wird ein Laken gereicht. Ich suche eine freie Liege im Eck, wickle mich ein und werde von einer stacheligen, seit den Türkenkriegen unveränderten Decke zur Mumie gestreckt. Die Füße glühen, wohlige Wärme verströmt durch den Leib. Nebenan schnarcht jemand. Die Gedanken treiben, ich schlafe ein

Rudas Gyógyfürdö, Budapest I, Döbrentei tér 9,
Montag - Samstag 6.00 - 18.00 Uhr, Sonntag 6.00 - 16.00 Uhr, Bus Nummer 7, Trams 9, 19 und 18.


stefan knecht auf dem sofa
obernkirchen chronicles. 
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