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im rudasbdas | von stefan knecht
 
       
  rudasbad  
     
 

Auftauchen. Wenigstens mit den Ohren wieder raus aus dem Wasser. Die Hitze wird unerträglich. Der Lendenschurz treibt nach oben, verliert seine Bestimmung. Eine paar blaurotgrüne Löcher in der tiefschwarzen Kuppeldecke geben diffuses Licht. Die Mauern des achteckigen Bades kann man nur erahnen. Eine einfache Lampe befunzelt zwei Treppenstufen. Grobe Steine mit längst aufgelösten Fugen. Ab und zu wanken aufgelöste Gestalten aus dem Dunst, vor die Scham leinerne Lappen geschnürt. An der Seite baumelt an einem Ring ein Schlüssel, altertümlich groß und schwer. Beim Gehen schlägt der Schlüsselbart vom Oberschenkel ins Gemächt. Schnell lernt man, langsam zu gehen.

Ich kann kaum weiter sehen als bis zum Beckenrand. Wo mein Körper endet, wo das Wasser beginnt, habe ich vergessen. Kaltes Wasser tropft auf die Stirn. Unregelmäßige, schwere Tropfen. Ist schön so.

Wenn ich länger bleibe, wird mich der gurgelnde Abfluß verschlucken. Ich versuche den Rhythmus zu erkunden, der das Wasser schwappend abfließen läßt. Hat keinen Zusammenhang mit den dicken Männern, die ins Becken treten. Vier Säulen gliedern den Raum, bilden ein inneres Quadrat. Ein größeres umschreibt den inneren Raum. In den Ecken, dreieckig-abgerundete Bassins. Jeweils rechts und links ein großer Durchbruch, dahinter Licht.

Im Becken wird nicht gestanden. Die paar Dutzend Gestalten im Halbdunkel treiben, dümpeln im hüfthohen Wasser. Manche richten sich am Rand ein und schlagen die Arme überkreuz. Der Lendenschurz wird abgenommen, gefaltet und liegt unter den Unterarmen. Als ob der Schurz sauberer wäre als der Beckenrand. Läßt sich jemand ins Becken, schabt die Schulter leise an der Treppenstufe. Meine Hand läßt den Handlauf fahren und treibe mit geschlossenen Augen im Becken. Leise Gespräche, ich verstehe kein Wort. Ungarisch ist eine wundersame Sprache, melodisch und sehr fremd.

Das mittlere Becken erhält den Zustrom heissen Wassers durch einen monumentalen Stein. Eine behauene Nase ragt ins Becken und entläßt einen wuchtigen Strahl. Darunter stehend schlägt das Wasser gerade noch erträglich auf Schulter, Nacken und Hinterkopf. Hinter dem Wasservorhang Rauschen im Kopf. Ohne Zeit. Unter Wasser liegt ein Vorsprung genau so, daß man die Wasserschläge im Sitzen entgegennehmen kann.

Männer mit nur einem Bein, einem Arm, absurd vernarbten Verletzungen und absonderlicher Körperfülle folgen ihren privaten Riten. Ihre Bewegungen greifen ineinander wie Zahnräder und Zylinder einer Maschine. Ich bin nicht eingeweiht, versuche, den Weg freizugeben. Immer wieder kommt Bewegung in kleine Grüppchen. Sie sortieren sich um, wechseln Position und Haltung, schneuzen zwischen den Fingern hindurch in eine veralgte Rinne außerhalb des Beckens. Eine Boulevardzeitung treibt vorüber und wird von einem Arm herausgefischt.

Ein sehr alter Mann, krumm und gichtverwachsen tastet sich mit dürren Beinen und riesigen Kniescheiben der Wand entlang in sein Becken, ein Bassin von 38 Grad. Langsam stakt er, die Hand an der Reling, Stufe um Stufe ins Wasser. Er muß neunzig sein, unwesentlich jüngere Männer machen ihm Platz. Sein Brustkorb tritt knöchern hervor, seine Hoden sind seltsam verlängt. Die letzte Stufe läßt er aus und gleitet unter Wasser, hält die Luft an, um leise prustend aufzutauchen. Seine einzige lange Haarsträhne klebt quer über der Nase. Er bläst aus und seine Gesichtszüge lösen sich. Am knotigen Unterarm ist eine Nummer tätowiert.


stefan knecht auf dem sofa
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