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im rudasbdas | von stefan knecht
 
       
  nacht  
     
 

Da schreit jemand. Passt nicht in den Traum. Schon wieder Schrei. Drei geteilt durch dreissig funzelt der Radiowecker.

Logikmodul bootet. Dreidreissig kann nur ernsthaft sein. Zwei läufige Katzen? Katzen schreien manchmal wie Menschen. Vielleicht ist jemand in Not, und ich bin als Einziger wach? Helfen! Würde ich tun, keine Frage, heldenhaft, sofort, halbnackt.

Nichts zu sehen.

Kurz vor vier ist die Nacht am tiefsten, die Stadt schläft. Windstille, kein Laut. Da schreit eine Frau. Wache nie auf, von nichts. Man könnte mich mitsamt Bett aus der Wohnung tragen, würde weiterschlafen.

Wieder Ruhe. Nichts zu orten. Stehe auf. Im Hinterhof sind Fenster offen. Da wieder: sie keucht nicht, sie schreit. Vielleicht kriegt sie ein Kind und braucht einen Arzt. Laut und immer wieder, rythmisch. Die vögelt. Holla! Wer?

In der Wohnung unter dem Dach sitzt manchmal ein jüngerer Mann im Fenster und hört unangemessen laut schlechten Westcoast-Rock. Kein Licht. Da ist es nicht. Darunter wohnt der alte Mann mit dem rosa Bademantel. Letzte Woche versuchte er, an seiner Wäscheleine Strippen einzuziehen. Wäre leicht gewesen aber er gab auf. Das Fenster neben der undichten Stelle der Dachrinne wo bei Regen die Sturzbäche abgehen ist es auch nicht. Nebendran funkelt der blaue Widerschein eines Fernsehers. Warum sieht man in der Mitte der Nacht fern? Vor allem: was? Bei der Frau mit dem Etagenbett im Erdgeschoss (Studentin?), ist es finster. Schade, sie scheint einsam, hat selten Besuch. Hätte ihr eine schöne Nacht gewünscht.

Pause. Die beiden scheinen am Ende. Ausgeschrieen.

Bin hellwach. Schwierig, mit Lustschreien im Ohr einzuschlafen. Vielleicht schreit sie, weil er es gerne mag. Oder weil sie erst in Fahrt kommt, wenn sie schreit wie am Spiess. Oder sie haben sich seit ein paar Tagen nicht gesehen und sind ganz verrückt vor Sehnsucht. Vielleicht schreit sie pro forma und hat dabei gar nicht so arge Lust. Oder sie schreit, weil er tatsächlich ein überirdischer Pfundsliebhaber ist und sie nicht anders kann als schreien. Vielleicht sind es zwei Frauen, könnte sein. Wieder schreit sie. Ganz schön schnell jetzt. Wenn er sich so schnell bewegt wie sie schreit ... puuh, Respekt. Wippe im Dunklen auf dem Hinterhofbalkon mit den Hüften in ihrem Takt. Mein lieber Scholli, das ist schnell. Oder sie schreit, damit er endlich kommt und es zu Ende ist. Weil er sie beim Heimkommen weckte, aber sie keine Lust auf Sex, doch keine Chance zu entkommen hatte. Vielleicht wollte sie nur in Frieden schlafen. So wie ich. Warum haben die auch Sex mitten in der Nacht? Halbvier! Zerreisst ja die ganze Nacht.

Sie keucht und schreit und stöhnt. Immer schneller immer schneller. Bin neidisch. Keiner weiss doch, wie es geht. Der Kerl scheint es raus zu haben. Ist immer Glückssache. Mal passt es, mal passt es nicht. Im anderen Haus geht ein Licht an. Was für ein Spektakel! Schreie! Finale! Ja! Haut rein, rammelt wie die Hasen! Macht ein Ende! Sie schaffen es, röhrendes Gebrüll (sie), Stille (er). Wäre jetzt der Moment zu klatschen, verkneife ich mir. Gespräch. Sie reden ganz normal, man hört jedes Wort. Sie ist überdreht, giggelt, lacht. Italienisch. Ach die Beiden. Hatten sich kürzlich laut gestritten. Scheinen sich versöhnt zu haben. Schlaft schön, ihr Süssen. Keine Rekorde, bitte.


stefan knecht auf dem sofa
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