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arusha | von stefan knecht
 
       
  arusha  
     
 

In Ruanda kamen 1994 während des Bürgerkrieges (Was in Ruanda geschah) zwischen Hutus und der Tutsi-Minderheit mehr als achthunderttausend Menschen ums Leben. Sie wurden mit Macheten zerhackt, verbrannt, erschossen und verstümmelt. UN-Truppen konnten das Morden nicht verhindern. Im benachbarten Tanzania urteilt ein Tribunal über die Verfolgung von Kriegsverbrechen. Das ITCR spricht angelsächsisches Recht in Schwarzafrika.

Auf vierzehnhundert Metern Seehöhe ist Arusha ein unansehnliches, staubiges Meer von flachen Häusern. Eine grob geteerte Überlandstrasse führt im Norden nach Nairobi, Kenia, nach Osten in Richtung Moshi. Auf halber Strecke nach Moshi ist der Kilimanjaro International Airport in die Ebene betoniert. Bei klarer Luft blitzt der Schneekopf des Kilimanjaro in der Ferne. Eine trockene, rostbraune Ebene, gesprenkelt von Akazien und ziegenzerfressenen Büschen. Kleine Kuhherden trotten die Strasse entlang. Die Kühe sind gross wie Kälber bei uns, werden von Jungen mit Stöcken in Schach gehalten. Kurz nach sechs wird es hell, die Strassen dröhnen von Sammeltaxis, durch deren Schiebetüren müde Menschen zusteigen. Schwere Laster stinken durch die Stadt und ziehen Staubwolken nach.

Tanzania ist ein fruchtbares Land, auf den Hängen der Berge wachsen Kaffee, Bananen, Mais und Blumen. Tanzania ist auch ein Entwicklungsland, eines der ärmsten dieser Erde. Einen Dollar pro Tag verdienen Tanzanier im Durchschnitt. Ein Besucher kann damit nicht einmal Kaffee kaufen. Der Kaffee kommt in Pulverform, von Nestle, aus zehntausend Kilometern Entfernung.

Nichts, was es zu berichten gäbe aus Arusha, Tanzania, Ostafrika. Eine gewöhnliche, schnell wachsende Kleinstadt, an den Rändern ausfransend in windige wasser- und stromlose Hütten. Unter der Dunstglocke sollen eine Million Einwohner leben, ein Drittel davon arbeitslos. Wegen des internationalen Flugplatzes ist Arusha Drehscheibe zwischen Kapstadt und Kairo. Touristen fallen ein, buchen Safaris in die Serengeti oder versuchen sich an der Besteigung des Kilimanjaro. Dutzende "Flycatcher", Drücker und Agenten versuchen, jedem alles zu verkaufen. Die übliche Abfolge ist eine organisierte Kili-Besteigung, danach ein paar Tage Safari. Die Geschäfte laufen gut. Wer freiwillig nach Arusha kommt, will auf den Berg und in die Naturreservate. Zu sehen gibt es nichts ausser einem kläglichen Naturkundemuseum, der letzte Besucher war vor zehn Tagen da.

Auffallend viele blitzblank weisse Allrad-Limousinen fahren mit verdunkelten Scheiben durch die Innenstadt. An ihren Türen prangt das blaue Logo der UN. Sie sammeln sich um das staatliche Arusha International Conference Centre (AICC), einem mehrstöckigen Betonbau europäischen Zuschnitts. Hier tagt das ITCR, hier wird Recht gesprochen über einen Völkermord.

Die Verhandlungen sind öffentlich. Ein Ausweis reicht, um die Sicherheitskontrollen zu passieren. Schwarzafrikaner in UN-Uniform durchsuchen Taschen, ein Stempel, eine Besucherkennung, bitte hier entlang.

Eine andere Welt öffnet sich im Inneren. Der Lärm und das Gewusel der Stadt sind ausgeblendet. Halbherzige Sicherheitskontrollen und schläfrige Soldaten mit blankgewetzten Karabinern gammeln in engen Fluren. Es riecht nach scharfen Reinigungsmitteln, die Luft steht unbeweglich, die Wände sind mehrfach übermalt, doch tropischer Schimmel ist hartnäckig.

Besucher sitzen in einem klimatisierten Raum, durch doppelwandiges Glas vom Gerichtssaal getrennt. Teppichboden dämpft das Schrittgeräusch. Zwei Monitore übertragen das Bild aus dem Gerichtssaal hinter den Scheiben, man kann Infrarot-Ohrhöhrer ausleihen und der Simultanübersetzung folgen. Es passiert wenig in den ersten Minuten. Hinter den Scheiben ordnen schwarz livrierte Gerichtsdiener Papiere, ein Anwalt mit weisser Halskrause erscheint. Dann das Gericht, die Zuschauer werden gebeten, sich zu erheben, die Verhandlung wird eröffnet. Drei ältere Herren nehmen auf den Richtersitzen Platz. Ein graumelierter Grandseigneur hat den Vorsitz. Gemächlich wird die Tagesordnung verlesen, ein Zeuge betritt unsichtbar den Raum und wird in einer verhangenen Kabine versteckt.

Die Verhandlung beginnt mit endlosen Anträgen zur Geschäftsordnung. Der Angeklagte zur Linken scheint ein mächtiger Mann im heutigen Ruanda zu sein. Drei Anwälte sitzen vor ihm, der Sprecher, ein massiger Mensch, verheddert sich zunehmend in formalen Widersprüchen, ergeht sich in blumiger französischer Rhetorik und wird vom väterlichen Vorsitzenden zur Ordnung gemahnt. Ein junger Ankläger mit silbrigblitzender Designerbrille demontiert in geschliffenem Englisch die Auslassungen mit wenigen, scharfgesetzten Worten. Der Anwalt ist beleidigt, sortiert seine Akten, faucht die Hilfsanwälte an.

Was genau verhandelt wird, ist ohne Hintergrundwissen kaum auszumachen. (Audio - mp3) Ein aufmerksam teilhabender kenianischer Journalist erwähnt die Verwicklung des Angeklagten in einen sogenannten "Media Case". Sprecher des Staatsfunks hätten vor dem Ausbruch der Greuel über Radio zum Genozid an den Tutsi aufgefordert. Der Angeklagte sei als damaliger Vorgesetzter darin verwickelt, streite aber jegliche Beteiligung ab. Der Name "Laurent Semanza" fällt. Semanza war Bürgermeister einer Provinzstadt nahe Kigali, Ruanda. Er wird in vierzehn Fällen des Mordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Vergewaltigung beschuldigt. Semanza wurde im März 1996 in Kamerun festgenommen und steht seit Februar 1998 vor Gericht.

Ein Zeuge berichtete, der Hutu Semanza habe einem Mann die Tötung seiner Tutsi-Frau befohlen. Als dieser sich weigerte, habe ein Milizionär das Baby der Frau aus der Rückentrage genommen und es gegen eine Wand geschleudert. Das Baby überlebte, Semanza befahl einem anderen, "to finish off the child". Dieser spiesste das Kind auf einen Speer und lief damit herum.

Der Angeklagte ist nicht Semanza.

Er sitzt da in einem Anzug, erscheint wohlgenährt und uninteressiert. Er nimmt an den Verhandlungen nicht teil. Er ist nicht Semanza. Er ist irgendein Kriegsverbrecher, der vielleicht auch Kinder ermordet, Frauen vergewaltigt und zerstückelt hat. Er ist nicht Semanza. Er hat böse Augen, fühlt sich sicher in der zivilisierten Ordnung eines holzgetäfelten Gerichtssaales. Er ist nicht Semanza aber er könnte es sein.

Ein anderer Zeuge berichtet, Semanza habe den Angriff auf eine Kirche in Musha befohlen, in der viertausend Tutsi Schutz suchten. Semanza und ein Milizionär hätten Handgranaten in die Kirche geworfen und Kinder mit Prügeln zu Tode geschlagen. Eine Hutu-Frau erzählt, sie sei mit den Opfern aus der Kirche in ein Massengrab geworfen worden. Als man bemerkt habe, dass sie noch lebte, hätte man ihr die Kleider vom Leib gezogen und ihr auf den Kopf geschlagen. Sie und ein anderes Opfer seien aus dem Grab gekrochen, ein Dorfbewohner habe ihre Wunden versorgt. Die Verteidigung Semanzas wies auf Widersprüche im schriftlichen Protokoll hin. Die Zeugin habe habe behauptet, Semanza hätte mit einer Macheten die Arme vom Leib der Opfer getrennt. Vor Gericht habe sie aber gesagt, Semanza habe "Arme und Beine" abgeschnitten. Ein wesentlicher Formfehler.

Völkermord, innere Widersprüche, Kreuzverhöre. Sehr verwirrend.

Der "Media Case" umschreibt auch den Fall des italo-belgischen Rechtsextremen Georges Ruggiu, der als ehemaliger Entwicklungshelfer und Programmberater mithalf, Anti-Tutsi-Hetzsendungen in einen nationalen ruandischen Radiosender zu verbreiten. Zwanzig Jahre Haft forderte der Ankläger. Das Tribunal verurteilte Ruggiu zu zwölf Jahren Haft. Diese Strafe darf er als Europäer in Italien absitzen.

Im Mai 1998 wurden in Kigali durch die RPF-Regierung zweiundzwanzig überführte Mörder vor dreissigtausend Zuschauern in einem Fussballstadion hingerichtet. Ein ruandischer Minister widersprach damals den Gnadengesuchen der UN und des Papstes mit der Begründung, die Todesstrafe würde seit einem Jahrhundert für schwerste Verbrechen verhängt, zuerst von der belgischen Kolonialmacht, dann durch die Hutu-Regierung. Die Verurteilten standen an Pflöcke gebunden. Auf ihren Brustkörben waren schwarze Markierungen befestigt, um den Exekutionskommandos das Zielen zu erleichtern. Weitere 130.000 Internierte warten auf ihre Prozesse.


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