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Namenstag | Von Gaby Hauser
 
       
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Ich stehe in einer kleinen Schlange und warte. Die Aprilnacht ist so kalt, dass der Atem den Mund weiß dampfend verlässt. Vor dem jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße steht ein kleines Podest mit einem Mikrophon. Auf einem Stehpult liegt das Buch mit den 55 696 Namen der von den Nazis ermordeten Berliner. Es ist Holocaust-Gedenktag Jom HaShoa. Ein unscheinbares Transparent am Zaun vor der Synagoge nennt als Motto der Gedenkaktion "Jeder Mensch hat einen Namen". Es ist einem Gedicht der israelischen Lyrikerin Selda entnommen.

Fünf Menschen warten vor mir. Ich habe Zeit, viel Zeit zu hören und zu schauen. Mein Blick klettert elf Etagen hoch. Ganz oben angekommen, unter dem blauschwarzen Berliner Nachthimmel thronen riesige grüne Buchstaben - Kempinski. Findet sich dieser Name auch im Buch, aus dem nun schon seit mehr als zwei Tagen und Nächten vorgelesen wird? Ich weiß es nicht. Die Toten, deren Namen mit K beginnen, wurden irgendwann in der ersten Nacht verlesen; mittlerweile ist man beim Buchstaben S angelangt.

Die Fasanenstraße ist geschäftig. Vierspurig überqueren Eisenbahngleise an der Galerie Springer die eleganteste Straße des alten West-Berlins. S-Bahn-Züge und Eisenbahnwaggonketten wechseln sich zischend und quietschend in schöner Regelässigkeit ab. Für Dauerlärm sorgen die Autos, zwar kann die Straße nur in einer Richtung befahren werden, doch verkehrsberuhigend wirkt das nicht. Die Taxen vor dem Nobelhotel sind begehrt. Es ist ein Kommen und Gehen auf dem roten Teppich der Hotellerie.

In dem Moment, als ich mich hinten anstelle, betritt ein weißhaariger Mann mit Kippa die kleine Bühne. "Silberstein Mara, Silberstein Marlene, geb. Benario, Silberstein Max", ruhig und mit feiner Betonung setzt er an, Namen aus dem Gedenkbuch der jüdischen Opfer vorzulesen. Einer Beschwörungsformel gleich trägt er all die Familiennamen vor, die mit Silber beginnen. Die trockene Kälte klettert den Wartenden in die Körper. Es sind noch so viele Namen zu nennen bis zum Z. Ich ertappe mich bei dem Wunsch, endlich an die Reihe zu kommen und habe gleich ein schlechtes Gewissen.

Der ältere Herr ist wie in Trance. Ich bin sicher, er wird nie wieder aufhören zu lesen. Als er bei Simson angelangt ist, sehe ich sie aus dem gegenüberliegenden Haus kommen. Eine unscheinbare Frau Mitte Fünfzig. Unheilvoll breitbeinig nähert sie sich leicht torkelnd dem Podest. Baut sich vor dem Lesenden auf und ruft lallend. "Was soll die Scheiße hier?" Irritiert hebt er seinen Kopf, wendet ihr den Blick zu, stammelt "Wie bitte?" und setzt dann seine Namenskette mit fester Stimme fort. Ich kämpfe mit aufkommenden Wutgefühlen, die schließlich in Mitleid verwässern. Ein junger Mann aus der Reihe der Wartenden versucht die Betrunkene zu beruhigen und sie zum Gehen zu bewegen. Es gelingt ihm nicht. Schließlich kommt ihm ein bulliger, kleiner Polizist in einer grünen Lederjacke zu Hilfe. Es sieht so aus, als würde er sie mit seinem Brustkorb in Richtung Kurfürstendamm schieben.

Die Szene ist gespenstisch. Die Namen der Deportierten hallen durch die Aprilnacht. Im Hintergrund nehmen abwechselnd ICE, rote Regionalzüge und S-Bahn Kurs auf den Bahnhof Zoo. Der weißhaarige Alte liest und liest weiter. Nach den ersten dreißig Namen stellt sich auch bei ihm die Monotonie ein, die zwangsläufig mit dem Vortragen von Listen einhergeht. Ich versuche mir zu den Namen Gesichter vorzustellen. ,,Sobottka Lise". War sie brünett und sportlich? Sommersprossen oder Oliv-Teint? Es gelingt mir nicht, kaum hat ein Name mein Gehör erreicht, wird er vom nächsten zugedeckt. Waren es Kinder, Alte, Liebespaare oder Eltern, die an unseren Ohren vorbeiziehen? Plötzlich stockt der endlose Strom aus dem Munde des älteren Herrn. Er hält inne, seine Stimme versagt. Zuerst denke ich, er braucht etwas zu trinken. Doch da ist ein Schluchzen. Erst ganz leise, dann deutlicher. Er ist bei seinen Angehörigen angekommen im Verzeichnis des Todes. Sein Schmerz ist stärker als der Versuch sich zu sammeln. Er dreht sich um und weint in sein weißes Taschentuch.

Wie die böse Fee taucht die Betrunkene wieder aus dem Nichts auf. Unruhe entsteht. Keiner scheint mehr den Namen zu lauschen. Der Polizist ist wieder zur Stelle und fordert sie erneut behutsam zum Gehen auf. Wie alle Alkoholiker wehrt sie sich theatralisch und wendet sich unter lautem Gekeife dem livrierten Hoteldiener auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu.

"Sommerfeld, Anna". Die junge Frau spricht konzentriert. Kein Mensch macht sich eine Vorstellung, wie viele Sommerfelds es vor dem Krieg in Berlin gab. Sie nennt sie alle. Schöne Vornamen wie Lucie, Alice, Simonetta und Netty. Aber auch fremdartig klingende wie Gittel, Moische oder Rifka. Als sie bei Max anlangt, wird die Stimme ganz leise und stockt. Sie nennt den Namen einmal, zweimal. Ohne Zweifel war es ein geläufiger Name an der Spree und ob mit "d" am Schluss oder ,,dt", erschließt sich beim Hören nicht. ,,Sommerfeld, Max", die Kehle krampft sich zusammen, und Trauer überwältigt die Frau mit den feinen Gesichtszügen. Im Hintergrund fährt ein Bummelzug im Kriechgang stadtauswärts. Das extrem langsame Tempo macht mich aggressiv. Der Lärm der Diesellok begräbt alles unter sich. Es ist mir unerträglich, dass auch nach rund fünfzig Jahren gegen rollende Züge nichts auszurichten ist. Ich beschließe, so laut ins Mikrophon zu sprechen, dass die Namen von den Hausfassaden widerhallen.

Vor mir tritt eine Nonne ans Mikrophon. Mit ihrer ausdrucksvollen Altstimme versucht sie, jedem Namen einen besonderen Klang zu geben. Der Verkehr macht es ihr nicht leicht. Sie hat keine Handschuhe. Ihr Zeigefinger wandert von Namen zu Namen und weist den Augen den Weg. Ich habe sie während des Wartens von der Seite betrachtet, sie hat wie ich einen Damenbart. Es scheint ihr nichts auszumachen, die Härchen über dem Mundwinkel sind mindestens einen Zentimeter lang und ringeln sich. Ist Nonnen ihr Aussehen vollkommen egal? Das Gedenken ist bei den Siegels angekommen.

Es wird immer kälter und fängt an zu nieseln, doch die Schlange wächst an. Drei Teenager halten sich bibbernd untergehakt. Passanten bleiben irritiert stehen, versuchen zu ergründen, was hier vor sich geht. Manche fassen sich ein Herz und betreten das kleine Zelt am Straßenrand, in dem die Veranstalter über die Aktion informieren. Aus dem Dunkel der S-Bahnbögen strebt Lea Rosh auf die kleine Versammlung zu, wird herzlich begrüßt und reiht sich ein.

Bevor ich aufs Podest trete und zu lesen beginne, ziehe ich die Handschuhe aus. Ich muss die Seiten fühlen, wenn ich aus ihnen vortrage. Die Nonne zeigt auf die Stelle, wo ich anfangen soll. Der Familienname ist fettgedruckt, dann der Vorname und schließlich der Geburtsname. Darunter sind Geburtstag, Deportationstag und Sterbedatum vermerkt. Alles, was von einem KZ-Häftling übrig geblieben ist. Nach den ersten zehn Namen hat sich meine Aufregung gelegt, keine Angst mehr, bei schwierigen polnischen oder russischen Namen die Aussprache zu verpatzen. Mit ist elend kalt, und ich versuche Wärme in die Namen zu legen, die Stimme am Ende eines Vornamens nicht absinken zu lassen. Ich lese wie in Trance, nur unterbrochen, wenn ich eine Seite umschlagen muss. Wenn sich ein Zug nähert, neige ich den Kopf vor, ganz dicht an den Mikrophonkopf und spreche den Namen des Ermordeten so laut, dass jeder ihn hören muss.

Bei Max Stade angelangt, ist meine Kehle so trocken, dass ich nicht mehr weiter kann.


Gaby Hauser auf dem sofa
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