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Namenstag | Von Gaby Hauser
 
       
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Lange dauert es nicht mehr. Wenn erst einmal alles fertig ist, herrscht hier wieder Wüste. Wenige Wochen noch, und sie werden alle verschwunden sein. Daran darf ich gar nicht denken, sonst fehlen sie mir jetzt schon. All die gelben Helme. Wie Ameisen sind sie an den Fassaden hochgeklettert, als noch keine Holzlattengesimse montiert waren. Die blauen Plastikhüte, wenn sie mit ihren dicken Hilti-Koffern breitbeinig durch den Bauzaun schreiten, Fluppe im Mundwinkel und in der Rechten die Kabelrolle. Es gibt auch weiße Helme. Sie kommen seltener vor. In Grüppchen stehen sie zusammen, die Behelmten, und starren auf unhandliche Planrollen und jagen ihre Blicke an den Gerüsten hoch. Ein oder zwei Mal ist es mir passiert, dass der Schutzhelm auf dem Kopf einer Architektin, vielleicht einer Bauingenieurin saß. Einige Monate habe ich mich der Illusion hingegeben, dass die Farben eine Bedeutung haben könnten. Gelb für die wirklich harten Jungs, die Betonbauer. Weiß vielleicht für das Planungspersonal und blau, so habe ich still für mich gemutmaßt, den Hilfspolieren aus Portugal und Polen vorbehalten. Es hätte so schön gepasst. An einem Morgen hab ich einen danach gefragt, einfach so. Er schaute mich misstrauisch an und verkündete mehr als wortkarg, dass es vollkommen egal sei, welchen Helm man auf dem Kopf habe, Hauptsache man trage überhaupt einen. Ich war platt. Die Baustelle ohne offensichtliche Hierachie-Insignien.

Nachdem die Helmfrage so banal gelöst worden war, richtete sich mein ganzes Interesse auf den privaten Fuhrpark der Jungs vom Bau. Motorräder, Mopeds und Roller, soweit das Auge bis Ecke Dorotheenstraße reicht. Ordentlich auf dem Seitenständer aufgebockt, die Vorderräder gen Brandenburger Tor ausgerichtet, stehen sie längs der Ostfassade des Jakob-Kaiser-Hauses, die BMWs, die Harleys, die Ducatis und einige Honda-Roller. Nur ein klitzekleiner Schubs und eine Kettenreaktionskatastrophe nähme ihren Lauf. An einem Freitagmorgen habe ich 13 schwere Maschinen, sieben Roller und fünf Enduros gezählt. Der letzte Tag der Arbeitswoche ist der Tag der Zweiradfahrer unter den Handwerkern. Das Wochenende ist zum Greifen nah, dann kommt das Spinnerbrücken-Feeling (legendärer Biker-Treffpunkt am Wannsee) auf. Eile ist angesagt, denn nur bis Mittag kann man sich diese Leistungsschau an Zweirad-Fabrikaten ansehen. Während die Schreibtischmenschen noch lange nicht letzte Hand an ihre Tastaturen gelegt haben, vertauschen die Blaumänner längst den Schutzhelm mit einem Integralhelm und die Stahlkappenschuhe wandern in den Spind.

Die Tage der Helme zwischen Adlon und Marschallbrücke sind wirklich gezählt. Die ungarische Botschaft an der Ecke Unter den Linden/Wilhelmstrasse hat Schilder "Gewerbefläche zu vermieten" angebracht, die Dorotheenblöcke sind so gut wie fertig, und der Rohbau der Ambassade de France ist schon im zweiten Stock angekommen. Also, keine bedrohlichen Hinterräder eines Betonmischers mehr, die einen Hauch von Abenteuer auf den Weg ins Büro gezaubert haben. Nie wieder atemberaubend gefährliche Eisenstangen-Ablademanöver über den Köpfen von MdBs und ARD-Menschen vom Spreeufer. Da helfen auch die paar Monate Verzögerungen der Fertigstellungstermine an den Bürokomplexen nichts. Falsche Berechnung und der Berliner Sandboden sollen die Ursache sein, heißt es. Spätestens zum Jahreswechsel werden die meisten der Bauhandwerker weitergezogen sein, zum nächsten Einkaufscenterprojekt am Stadtrand oder in die Arbeitslosigkeit.

Ganz am Ende der langen Zweiradreihe fast schon vor den historischen Charitébauten ist zuweilen ein Prachtstück zu bewundern, allerdings geheimnisvollerweise immer nur freitags. Eine Yamaha. Statt einer ordentlichen Lampe haschen zwei grünlich funkelnde Leuchtkörper in Stielaugenformat über dem Vorderrad nach Aufmerksamkeit. Ansonsten ist der Besitzer Purist. Chrom und Schwarz dominieren den Klotz mit seinen 200 Pferdestärken, bis auf den in Schenkelhöhe angebrachten Schriftzug ELIMINATOR. Diesem unbekannten Motorradbesitzer habe ich es zu verdanken, dass sich mir endlich die Bedeutung des sperrigen Wortes Alleinstellungsmerkmal erschlossen hat. Dafür bin ich dankbar. Der Fahrer wählt für sein gutes Stück stets nicht nur einen Platz weit weg von den anderen Feuerstühlen. Nein, er parkt es auch noch längs der Hauswand, direkt auf der Ideallinie der zur Arbeit eilenden Fußgänger. Zwangsläufig muss jeder stehen bleiben, wenn entgegenkommende Schulklassen aus Unkel oder Seniorengruppen von der Schwäbischen Alb dem Reichstag zustreben und auf dem schmalen Bürgersteig eine robuste Phalanx bilden. Auch Uninteressierte haben so die Chance, sich ganz en passant einen Überblick über die Bandbreite moderner Zweiradtechnologie zu verschaffen.

Wenn ich morgens ins Büro eile, kommen sie mir ins großen und kleinen Scharen entgegen, meine Helmmänner. Sie streben in ihr Hauptquartier, vermutlich zum zweiten Frühstück oder um neue Instruktionen einzuholen. Im Vorbeigehen höre ich Dialektfetzen und schaue in gesunde, thüringische Gesichter und mecklenburgische blaue Augen, die keinerlei Spuren von schwerer körperlicher Arbeit verraten. Muskulöse junge Männer in Overalls bestimmen das Bild. Wo sind die Bauarbeiter meiner Kindheit geblieben? Es gibt sie noch, auch auf Bundestagsbaustellen kann man nicht auf sie verzichten. Ich sehe sie noch immer ganz deutlich vor mir, ihre sonnenverbrannten Gesichter unter dichter schwarzer Lockenmähne, den von Dreck und schwersten Anstrengungen stumpf gewordenen verächtlichen Blick. Ihre rauhen Stimmen, die sofort lauthals unverständliche Worte ausspuckten, wenn etwas schief lief. Damals waren es Sizilianer und Anatolier, heute kommen sie aus Rumänien, Bulgarien oder dem Kosovo. Am Bahnhof Friedrichstraße unter den Eisenbahnbrücken saßen 20 bis 30 von ihnen in löchrigen Pullovern rauchend auf den Geländern am Spreeufer und taten, was man von ihnen erwartet. Sie pfiffen hinter den Frauen her, keine einzige wurde diskriminiert wegen ihres Alters. Ein Kleiner mit Korkenzieherlocken lehnte am Halteverbotsschild vor dem Bahnhofseingang und offerierte in zischelnden Sätzen Versprechungen an vorbeieilende nackte Frauenbeine in bunten Sandaletten. Keine verstand, was er meinte. Keine hielt auch nur eine Hundertstelsekunde inne.

Der drohende Verlust dieser Welt aus Stahlbeton und Eisenmatten ist mir erst so richtig bewußt geworden, als ich ein Schreiben in der Hauspost fand. Die Bundestagsbauverwaltung teilte mit, dass ab sofort der kürzeste Weg zwischen Dorotheenstraße und Reichstag über das Baustellengelände genutzt werden kann. Allerdings nur mit Hausausweis, versteht sich.


Gaby Hauser auf dem sofa
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