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blunzengroestel | von bernhard praschl
 
       
  antel  
     
 

Keine Ahnung, wer William Mercer ist. Jedenfalls ist es nett vom Consulting-Unternehmen jenes Herrn, daß es jüngst Wien als Stadt mit der weltweit zweithöchsten Lebensqualität gewählt hat. Gemütlichkeit, Stabilität, Ausbildung. Alles erste Wahl hier, so das Urteil der Juroren.

Is ja fesch, antwortet darauf das goldene Wienerherz. Zwar nicht mit voller Inbrunst, denn Bills Mannen haben dem Weaner G´müt eine andere Stadt (eigentlich ein Dorf) vor den Latz geknallt. BERN! Hmm? Wos soi des, greifen sich verschwitzte Schnitzelesser und näselnde Sacher-Torten-verschlingende Hofrats-Witwen gleichermaßen an die Stirn. BERN?

Na gut, ist ja eigentlich auch wurscht, ein echter Wiener will sowieso nicht freiwillig nach Bern. Ein Berliner wahrscheinlich auch nicht. So gesehen sind wir hier an der Donau die Sieger. So gesehen bin ich verdammt unter Zugzwang, lauter erstrangige Geschichten aus dem zweitgereihten Wien zu liefern. Wien, Wien, nur du allein. Yes, Burgtheater, Demel und Opernball und so. Wien ist anders, prahlt schon eine vom Magistrat aufgestellte Werbefläche an der Autobahn A 1, die einen vom Westen her an die geographische Lage 16° 22' 27'' östliche Länge und 48° 12' 32'' nördliche Breite (Stephansdom) bringt. Na, dann los, schauen wir, was hier so anders vulgo schwerokay ist.

Zum Beispiel Döbling. Von den dreiundzwanzig Wiener Gemeindebezirken ist Döbling der neunzehnte. Wer hier wohnt, der residiert. Selbst eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einer Nebengasse gilt als erste Adresse, denn der Bonus breitet sich vor der Haustür aus: die hügeligen Weinberge im Nordwesten. Es ist 10.37 Uhr, ich steuere an Wohnblocks vorbei die Krottenbachstraße hinauf, am Nebensitz Comandantina Dusilova, die aufgeweckteste Autorin der Stadtzeitung "Falter", und beide haben wir den selben Gedanken. "Ist ja völlig überschätzt, diese Gegend." Vielleicht, weil hier genauso wie in Wien 7 Nebelgrau über der Straße liegt. Vielleicht, weil der Autobus der Linie 35 A genauso aussieht wie einer der Linie 22 A. Die nämlich verkehrt in Kagran, und das ist ungefähr genau das Gegenteil von Döbling. "Wie alt ist Antel jetzt eigentlich?", fragt Comandantina Dusilova und stürzt uns so in die nächste Depression.

Ach ja, Antel. Seine Villa in der Rückaufgasse - gleich dort oben links, sagt der Stadtplan - ist unser Ziel. Wir haben einen seltsamen Auftrag auszuführen: Wir wollen die Küchenkastl des ältesten aktiven österreichischen Filmregisseurs inspizieren. Weder C.D. noch ich sind Tischler. Vom weithin bekannten Szegediner Gulasch des Herrn Professor Antel - in Österreich dürfen sich viele Senioren Professor nennen, sogar Udo Jürgens - haben wir auch noch nie gekostet. Aber wir sind eben besonders neugierig, und um diese Gier zu stillen, lassen wir uns - wie sich in zehn Minuten herausstellen wird - nicht einmal vom düster-fleckigen Frühe-Siebziger-Jahre-Froschgrün der Antelschen Küchenkastl abschrecken. Wird wohl aus der üppigen Heimatfilm-Vergangenheit des Regisseurs stammen. Oder aus den supersexy DirndlundLederhosen-Tagen?

Vorerst aber pflügen wir in der Einbahngasse noch durch den Schnee, suchen Hausnummer 20 und überlegen: "Der muß doch bald 90 sein, nicht?" - "Na, jedenfalls weit über achtzig." Erstmals führte Franz Antel 1933 Regie ("Vagabunden" hieß dieser Film), also ALT muß Antel ganz schön sein.

Da ist sie, die Villa Antel. Kein Protz, nicht wirklich auffällig, fast verschämt versteckt hinter einem hohen Holzzaun. Auf einem kleinen Postkasten die Lettern "PAN - Filmproduktion". Dahinter, natürlich größer, ein Kasten, den ein völlig unorigineller Baumeister vermutlich Ende der sechziger oder Anfang der siebziger Jahre dort hinklotzen ließ. Das Gartentürchen ist noch ganz nett, aber dahinter wird's kitschig. Zwei Porzellanleoparden flankieren die Eingangstür, auf den Steinplatten bis dorthin funkelt noch Silvesterdekor, und die uns Willkommen winkende ungarische Haushälterin (nicht im Dirndl, aber mit adretter Schürze) lächelt, als kämen wir von "Achtung, Kamera!". Der Professor steht bereits im Vorraum. C.D. und ich sind hocherfreut, daß wir pünktlich sind. Und daß der rüstige, knorrige und nur leicht zittrige Professor noch so hochaktiv ist (sein neuer Film, "Bockerer 3", soll im März in die Kinos kommen). C.D. hat die Polaroidkamera griffbereit, ich einen Restaurantführer, den ich Herrn Antel artig in die Hand drücke. Die Haushälterin verdrückt sich in die Küche, uns führt Antel in den Salon. Holz, schwer, auch alt, denken wir uns. Und kommentieren brav die etwa 37 Elefanten, die auf einem schmalen Regal in etwa 2,30 Meter Höhe Spalier stehen. "Ja, die sammle ich", sagt er. "Die habe ich aus Indonesien, Thailand, Afrika mitgebracht." 37 Mitbringsel in einer Reihe. Schön.

Wir aber wollen in die Küche. Gut. Antel geleitet uns weltmännisch dorthin, wo die Haushälterin eben die Waschmaschine gefüttert hat. Handys läuten. Zuerst meines (Andreas aus der Redaktion fragt, wo die Diskette mit dem Kreuzworträtsel abgeblieben ist), dann jenes der Haushälterin. Antel: "Diese Handys! Meine Frau hat eines, ich habe eines, die Haushälterin, mein Chauffeur auch. Und alle haben wir weniger Zeit als früher." Damit meines nicht noch einmal piepst, und wir endlich ein Küchengespräch führen können, schalte ich es aus.

Franz Antel hat Filme wie "Hallo Dienstmann", "Kaiserwalzer", "Lumpazivagabundus", "Casanova & Co." (mit Tony Curtis!), "Die lustigen Vier von der Tankstelle" (mit Uschi Glas!) und "Der Bockerer" gedreht. Nicht minder bekannt aber ist er für sein Szegediner Gulasch, das der Professor angeblich gerne als Höhepunkt seiner Gartenparties serviert. Wo ist bloß der große Gulaschtopf versteckt?

wok

Überraschung Nummer 1: Antel kocht Gulasch im WOK! "Schauen Sie", sagt er und streift mit der Hand über den Rand der asiatischen, am Küchentisch thronenden Kochpfanne, "das ist praktisch mit diesem elektrischen Wok. Da brennt nichts an, der hält die Temperatur konstant, und es schmeckt auch noch vorzüglich." Überraschung Nummer 2: "Fürs Blunzengröstel ist dieser Wok auch perfekt." Wenn das die Asiaten wüßten! Blunzen ist Österreichisch für Blutwurst. Schaut einer häßlichen Seegurke zum Verwechseln ähnlich und ist höchstens sehr, sehr knusprig gebraten einen Bissen wert, zumindest aber keinen Leckerbissen. Finde ich. C.D. ist auch ganz verwirrt wegen der bizarren Kochsitten des Professors, macht am Tatort fleißig Polaroids und entdeckt ein silbernes Frühstückstablett mit fünf Dosen Marmelade. So ein Süßer ist der Professor? Marille. Orange. Brombeere. Himbeere. Waldbeere. Dazu noch Kaffee aus einer Schale Meissener Porzellan. Und, was ganz wichtig ist, "ein Aspirin zum Frühstück". Seit 25 Jahren schwört Antel neben dem Gulasch auch auf dieses Lebenselixier: "Gereatic Pharmaton, jeden Tag eine Tablette."

Besser als Pharmazie allerdings sei die Tube "Gulyaskrem", die sich Antel regelmäßig in der Budapester Markthalle besorgt. "Ein Wahnsinn!" jubiliert der Professor und zeigt uns im Speisesaal mit dem wuchtigen, aus einer ehemaligen Mostpresse gebastelten Tisch noch das gut 250 Teile umfassende blaue Service der Großmutter seiner verstorbenen Frau. "Aus dem Jahr 1812", erklärt er ehrfürchtig, und seine Pupillen rotieren beinahe hinter den großen Brillengläsern. Auch die Weinflasche im Regal drüber ist ziemlich betagt - 1964, vom chilenischen Botschafter als Präsent übergeben. Vor soviel Reminiszenzen müssen wir klein beigeben und uns verabschieden. Auf Wiedersehen, Herr Professor. Alles Gute. C.D. und ich schauen uns beim Gartentor in die Augen. War echt unterhaltsam, nicht? Die Porzellanleoparden wachen immer noch über den Eingang. Nur der Nebel hat sich verflüchtigt.

Am kommenden Tag wird Franz Antel in "Täglich Alles", Österreichs bunter Boulevardzeitung, ein paar Gründe angeben, warum er Wien liebt (unseren Besuch führt er leider nicht an): "Weil ich das Glück hatte, in Wien zur Welt zu kommen. Weil in Wien die schönsten Frauen leben und die gemütlichsten Beisln Wiener Küche servieren. Weil ich am Naschmarkt beim Einkaufen von den Standlern namentlich begrüßt werde." Ein anderes Zitat von Franz Antel finde ich an anderer Stelle: "Sexbomben sind Damen, die immer ihre eigenen Sehenswürdigkeiten mitbringen". Ja, dieser Mann hat ihn, den Wiener Schmäh.

Comandantina Dusilova kann da locker mithalten, Schmäh ohne. Bei der Heimfahrt erklärt sie mir - wir passieren gerade das Anatomische Institut der Medizinischen Universität Wien -, daß sie früher auch ein paar Semester Medizin studiert und dabei eine interessante Entdeckung gemacht habe. Im Sezierkurs, Teil 1, nämlich konnte sie mit einem Messer aus dem Baumax locker mithalten. Im Klartext: Mit einem Messer um 39 Schilling läßt sich einer Leiche genauso gut der Leib öffnen wie mit wesentlich kostspieligerem medizinischen Gerät. Ob das einer der Gründe ist, warum die Heimwerker immer so konzentriert und verbissen vor den Regalen der Baumax-Märkte stehen?

Bevor wir uns dieses wichtigen Themas der Freizeitgestaltung annehmen können, sind wir an der Wienzeile, Ecke Pilgramgasse, angelangt. Es ist 11.57 Uhr, C.D. geht wieder zu ihrem Zeichentisch, ich schaue bei Shorty, dem versiertesten 33er- und CD-Dealer der Stadt, vorbei. Sein Laden nennt sich "Rave up". Ich will mir "Cowboy in Sweden" von Lee Hazlewood besorgen, nehme flink die drei Stufen zur Tür - und schrecke fast vor dieser Person zurück, die Shorty so gar nicht ähnlich sieht. Tiefe Falten im Gesicht, eine kahle Stelle am Kopf, das Haar nicht mehr schulterlang wie noch vor einem Jahr. Hey Shorty, du bist es ja wirklich! Was ist dir passiert? Beim Heimwerken vom Dach gefallen, Gerinnsel im Gehirn, drei Monate Krankenhaus etc. Er hinkt noch ein wenig, aber es wird wieder okay, klopft er sich auf den Kopf. "Ich wollte nicht sterben." Heimwerker, ja, die sind verbissen.


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