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obernkrichen chronicles 5 | von arne boecker
 
       
  birdsongs  
     
 

Okay, okay: "Perfezione inogni dettaglio" war versprochen, aber wieder einmal drängelt sich aus aktuellem Anlaß eine kleine Änderung dazwischen. Mir ist dieser Tage ein Erweckungs-Ereignis widerfahren, das sofort weitergegeben sein will. Deswegen blenden wir uns hier ein in das laufende Programm der "Schaumburger Nachrichten":

* * *

Die ersten Töne, die die Frühaufsteher an der Waschkaue zu hören bekommen, könnte man mit "sattes Brummen" umschreiben. Aber die Bestimmungsbücher bleiben vorerst zugeklappt: So klingt doch kein Vogel! Nein, auf dem Golfplatz ackert ein Rasenmäher durch den Frühtau. Vom rollenden Hoch-Sitz herab beäugt die Rasenpflegefachkraft - "Greenkeeper" heißt das wohl auf Golfisch - das Grüppchen, dessen fünf, sechs Autos den Parkplatz füllen.

Obernkirchen kennt jede Menge Osterrituale. Bevor am Sonnabend Bratwürstchen am brennenden Holzstoß mit Bier runtergespült werden, steht am Karfreitag die Vogelstimmenwanderung des Naturschutzbundes (Nabu) auf dem Programm. "Das dürften inzwischen mehr als zehn Jahre sein", überlegt Leo Hielscher, der von Anfang an dabei war und verbessert sich dann: "...na, wohl eher fünfzehn." Um Ostern herum schwirren viele Vögel, die vor dem Winter geflohen sind, von weit her in die Brutgebiete zurück, und die einheimischen Vogelwelt schüttelt die Kältestarre aus dem Gefieder. Für das Jubilieren und Tirilieren im Geäst hat sich Leo Hielscher ein Wort zurechtgebastelt, das förmlich in der Sonne funkelt: "Frühjahrsfröhlichkeit".

Mehr als 20 Obernkirchener, ein paar Kinder darunter, nutzen den strahlendschönen Karfreitagmorgen zu einem akustischen Ausflug. Kurz nach 7 geht es los, immer längs des Liethbachs. Gleich nach ein paar Metern stoppt Leo Hielscher den Menschenpulk und zückt einen Kugelschreiber, um den ersten Vogel zu notieren. In zweieinhalb Stunden wird der Block vollgekritzelt sein mit mehr 26 Artenbezeichnungen, von B wie Buchfink bis Z wie Zilpzalp. "Mann, ist der laut!", sagt er, während er in den Forst hineinlauscht und weist dann auf den "Roller mittendrin" hin: Ohne jeden Zweifel sägt sich den Vogelstimmenwanderer da gerade einen Zaunkönig ins Ohr. "Einer unserer eifrigsten Sänger", schickt ihm Hielscher hinterher, als die Gruppe weiterzieht.

Die Ornithologen aus Obernkirchen scheinen erfahrene Karfreitagsmarschierer zu sein. Nirgends sind Halbschühchen an den Füßen zu sehen, statt dessen festes Schuhwerk mit kräftigen Sohlen, die von ein paar Matschkuhlen umbeeindruckt bleiben. Wissendurstige blättern zwischendurch in Fachbüchern. Wer weiß schon auf Anhieb, daß der Zilpzalp, den wir Experten natürlich auch bei seinem lateinischen Namen Phylloscopus collybita rufen können, ein oberseits graugrüner, am Bauch heller Laubsänger ist, dessen Augenstreif wie eine modische Attitüde anmutet? Nicht ganz so erfahrene Waldläufer verwechseln ihn gern mit dem Fitis, aber nur, bis er den Mund - 'tschuldigung: Schnabel - aufsperrt: Der Zilpzalp macht nämlich zilp-zalp. Die Kinder schleppen ein ganzes Arsenal von Ferngläsern tapfer bergauf, bergab, vom handtaschengerechten Opernglas bis zum waidmannsgrünen Profigerät.

Die Böttcherteiche, benannt nach einem Förster, und der herzförmige Hermann-Löns-Stein, mit ein paar einsamen Wacholderchen drumrum, bieten sich als Wendepunkt an. Die Morgensonne bestreicht die Idylle, so daß man gern ein wenig länger stehen bleibt, um Bauch oder Rücken zu wärmen. "Tüüt-tüüt", imitiert Leo Hielscher und deutet in Richtung der Teiche: "...ein Kleiber! Der kann allerdings sehr viele verschiedene Stimmen." Dann vollführt er eine Vierteldrehung auf dem Waldweg, legt kurz eine Hand hinters linke Ohr und spitzt erneut den Mund: "Wieze-wieze-wieze: Das ist die Tannenmeise." Als er sich noch ein kleines bißchen weiter dreht, macht er ein "Ssi-ssi-ssi" aus, das er prompt dem Sommer-Goldhähnchen zuordnet. "Die Frequenz ist so hoch, daß Ältere das manchmal gar nicht mehr hören können. So ein Goldhähnchen wiegt aber auch nur vier bis sechs Gramm." Das sei ja noch weniger als ein Zaunkönig, wirft einer der kenntnisreichen Zuhörer ein. Gelegentlich entspinnen sich angeregte Diskussionen darüber, wie die Stimmen klingen. "Schwermut" unterstellt einer forsch dem Kleiber, ein anderer kommentiert den Schwarzspecht: "...wie 'ne schlecht geölte Tür." Das fünfsilbige "Gruh" der Ringeltaube dagegen bedeutet "Wie-geht`s-dir-Gu-drun?", wie jeder erkennt, der Ohren hat zu hören.

Klaus Otten nutzt die Gelegenheit, um ein paar Worte über den Rotmilan zu verlieren, seines Zeichens "Vogel des Jahres". Ehrenamtlich hilft der Obernkirchener der Universität Halle, die den Bestand an Greifvögeln und Eulen kartiert; "Monitoring" heißt das unter Fachleuten. "Zwei Drittel der Rotmilane, die es auf der Welt gibt, leben in Deutschland", erklärt Otten, der im Gebiet zwischen Schaumburger Wald und Wölpinghausen vier Horste kennt, die derzeit besetzt sind. "Darf ich mal kurz dazwischen?", fragt Leo Hielscher. Er darf: "Da hinten klappert eine Sumpfmeise." Wer regelmäßig Rotmilane beobachtet, sollte sich mit Klaus Otten in Verbindung setzen (Tel.: 05724/7652), damit die Rotmilan-Karte komplettiert werden kann. Hich, was ist denn das!? Urplötzlich kommt der gewiefte Ornithologe Hielscher ins Schwitzen. Ein eigentümliches Fiepen kann er mit keinem Vogel in Verbindung bringen, und auch der geballte Sachverstand der anderen scheint zu versagen. Bis irgend jemand auf die Lösung kommt und schallend lacht: "Ein paar der Kinder, die da hinten rumtrödeln, haben auf den Fingern gepfiffen."

Zum Schluß noch ein Tip von erfahrenen Vogelstimmenwanderern: Wer ständig in die Luft guckt, kriegt nur die Hälfte mit. Der muntere Trupp, der am Karfreitag durch den Tann schlich, bekam unter anderem zu sehen: 1 Reh, das leichtläufig über den Rasenteppich des Golfplatzes flüchtete; 1 extralange Blindschleiche, die überhaupt keine Veranlassung sah, ihr Frühlingssonnenbad für so ein paar Zweibeiner zu unterbrechen; 3 Ameisenhaufen, in denen es frühmorgens mehr wimmelte als in der Obernkirchener Fußgängerzone am Freitagnachmittag.

* * *

In diesem Sinne - haltet mir den Zilp-Zalp unbedingt in Ehren und:

Paßt auf euch auf, IHRDADRAUSSEN.

...und jetzt noch schnell meine Hitliste der 5 Sätze, die im April zum Überleben hilfreich waren:

• "15 Millionen hat er gekostet - und steht trotzdem im Abseits" (Marcel Reif über Alex Alves/Hertha BSC)

• "Zen" und "Karma" (Bezeichnungen für einen Nagellack und einen Lidstrich aus einer neuen Pflegeserie)

• "Wagner ist kein ungepflegter Langweiler. Der Junggeselle hat ein beträchtliches Nettoeinkommen, ein herrliches Haus und ein freundliches Wesen" (aus einer "Wirtschaftswoche"-Geschichte über Singles im Silicon Valley)

• "Sladdi for Teamchef" und "Danke für nichts" (neun-mal-kluge Fanplakate bei Deutschland-Schweiz und Freiburg-Schalke, letzteres natürlich im Gästeblock gesichtet)

Der "Publikumspreis der deutschen Publizistik" geht zu gleichen Teilen an: "In der Diskussion merkte ein Elternteil an, daß..." (Leistungssportlyriker und Privatprofessor für Anatomie: Markus Kater, Schaumburger Nachrichten) und "Sie wollen die Gipfel eines bis dahin unerforschten Gebirgsteils an der Grenze zwischen Nepal und Tibet erklimmen - zum Teil als erste Menschen (Herbstprogramm Hugendubel Verlag, gefunden von Anne "Dubenhugel" Zuber)

In der Juni-Lieferung:
Perfezione inogni dettaglio - garantiert!


arne boecker auf dem sofa
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