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obernkirchen chronicles 3 | von arne boecker
 
       
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"Er badet gern lau!", hat Herbert Wehner mal über Willy Brandt gelästermault. Wenn wir das auf die gesamte deutsche Sozialdemokratie übertragen, dann schlägt in Obernkirchen das Herz ebenderselbigen.

Ich bin in diesem Bad, das Sonnenbrinkbad heißt, weil es im sog. Sonnenbrink sich befindet, was weniger damit zu tun hat, daß da mehr Sonne scheint als anderswo in Obernkirchen, sondern schlichtweg damit, daß es irgendwie idyllisch am Hang zu liegen kommt -aufgewachsen. Das ist nicht übertrieben. Meine Mutter hat mich und meine Schwester immer im Kinderwagen die vier Kilometer von Gelldorf nach Obernkirchen den Berg hochkarriolt - Mütter haben sowas getan in jenen fernen Tagen - und dann ganze Tage im Sonnenbrinkbad mit uns verbracht. Die Erinnerung riecht nach "Zeozon"-Sonnenmilch, schmeckt nach gelben Pommes, die in der Sonne schmelzen und fühlt sich an wie der geriffelte Griff der Badetasche meiner Mutter oder wie das quietschende Gummi des aufblasbaren Badeballs.

Ende der Rückblende, IHRDADRAUSSEN, jetzt folgt die Abt. Faktenfaktenfakten.

Des Sonnenbrinkbad war bis vor einem Jahr eine städtische Einrichtung. Der Clou ist, daß das kühle Naß keineswegs ein solches ist, sondern eine Temperatur aufweist, die - je nach Gusto - "familienfreundlich" oder "pißwarm" zu nennen vollauf gerechtfertigt ist. Talkin´ ´bout: 26-28 Grad.

Und das kommt so: Das städtische Leben, die Wirtschaft und auch das soziale Gefüge Obernkirchens werden geprägt von der Glasfabrik Heye, die seit 100 Jahren mit ihren hohen Schornsteinen auf dem Schauenstein hockt und von diesem Stein aus ins Land schaut. Stolz, unbeugsam. (Ich, beispielsweise, wohne in einer Siedlung, die für Malocher erbaut worden ist. Und wenn die Schichten bei Heye ungünstig liegen, hat meine 2.-Kreisklassen-Mannschaft ein echtes Aufstellungsproblem, mit der Folge, daß so ein alter Sack wie ich länger als die 15 Minuten spielen muß, die er eigentlich nur durchhalten kann.) Die klassische Monostruktur: Wenn Heye hustet, ist Obernkirchen erkältet. (Mehr zu Heye demnächst mal.)

Kapitalisten alten Schlages beseelt bekanntlich ein soziales Gewissen, und deswegen hat Obernkirchen ein Lauwarmbad. Eine direkte Leitung aus der Fabrik, für die die Stadt nix zahlen muß, heizt seit Jahren das Wasser auf. Die Arbeiter produzieren also Glas und brauchen dafür die Hitze, in deren Resten sie samt Familie ihre Freizeit verbringen.

(Jetzt mache ich mit EUCHDADRAUSSEN einen kleinen Ausflug in die Welt des Exklusivwissens: Es gibt ein Top-Secret-Projekt bei Heye, das eigentlich nicht an die Öffentlichkeit dringen darf. Heye hat natürlich mitgekriegt, daß die Chancen der alten Industrien, sich fürderhin auf den Markt zu behaupten, in etwa so groß sind wie die, daß in dieser Bundesligasaison ein Borussia-Dortmund-Fan am Sonntagabend glücklich dreinschaut. Das ganz große Ding heißt: Freizeit. Deswegen sitzen die klügsten Köpfe von Heye in einer Geheimabteilung und überschwemmen von ihrem unterirdischen Sitz aus mit Hilfe einer hochspezialisierten Arbeitertruppe die Welt mit Freizeit-Gebrauchsgegenständen (obwohl sie keiner braucht). Den Anfang machten Autofenstersonnenblenden mit Ernie und Bert drauf - erinnert IHRDADRAUSSEN euch? -, dann kamen diese semiägyptischen Gartenzelte, die schon bei einem lauen Lüftchen aus den Verankerungen rissen. Und der Hit zur Zeit sind: weiße Plastikgartenstühle, deren Beine sich verbiegen. Wer Stefan Knechts "Passage To India" regelmäßig liest, wird gemerkt haben, daß er den Dingern selbst auf dem Subkontinent nicht entgeht. Ja, Stefan, es ist so: Sie kommen daher, wo ich herkomme: Milliarden von Plastikgartenstühlen wachsen hier unter der Erde heran und warten darauf, auch noch Schwarzafrika einzunehmen. Obernkirchen ist Ausgangspunkt einer Weltrevolution auf dem Gartenmöbelsektor - und keiner kriegt es mit, nicht mal der "Spiegel" oder "Amica". Falls Du Indien überlebst, organisiere ich Dir eine Führung durch die Katakomben.)

Heye geht es nicht gut, also schwächelt auch die Stadt Obernkirchen. Firmenfusionen in der europäischen Glasindustrie, Entlassungen. Im vergangenen Jahr beschloß die Stadt deshalb, das Sonnenbrinkbad zuzumachen. Zwar ist die Heye-Heizung umsonst, aber: Das Personal! Die Reparaturen! Die Reinigung!

Daraufhin erhob sich ein kinderärztebefeuerter Sturm der Entrüstung, der - zugespitzt - Folgendes flüsterte, nein, schrie: Wenn unsere Kinder nicht mehr schwimmen dürfen, machen sie sich sofort Heroin in die Venen. Im Kern haben die Menschen natürlich recht: Sowas wie eine Badeanstalt gehört zum Grundrecht, und wer ins benachbarte Stadthagen fährt, um im "Tropicana" zu schwimmen, hat sowieso einen anner Marmel. Solche "Spaß"-Bäder gehören nach der nächsten Revolution sofort in Umerziehungslager umgewandelt! (Mal davon abgesehen, daß es in Obernkirchen nicht viele Vier-Kopf-Familien gibt, die sich die "Tropicana"-Preise leisten könnten.)

Also passierte das, was auch beim Stadtmuseum, der Bücherei und an ein paar anderen Stellen passierte: Der Bürger nahm die Sache in die Hand. Ein Förderverein wurde gegründet und tatsächlich: Im ersten Jahr (1999) hat alles gut geklappt (weil auch die Sonne mitspielte). Die Stadt gibt noch einen Zuschuß, der aber nur für die nächsten beiden Saison gesichert ist, Heye liefert - wie gehabt - die Wärme. Freiwillige mit handwerklicher Begabung reparieren die maroden Leitungen, Freiwillige mit Mehr-als-dem-Seepferdchen-auf-der-Badehose beaufsichtigen die Badenden, Freiwillige mit Sinn für Zahlen kalkulieren die Sache durch.

Bei der Geschichte der Stadt ist ja wohl sonnebrinkbadklar, daß hier seit 1412 Sozialdemokraten das Ruder in der Hand haben. Die könnten hier Kay Ebel in seinem feuerfesten Anzug und seiner feuerfesten Rhetorik hinstellen, und er würde gewählt, selbst wenn die CDU Richard von Weizsäcker aufbietet, der verspricht, Verona Feldbusch und Boris Becker zu seinen Stellvertretern zu machen. Ich selber gehe eigentlich lieber ins Republikaner-Bad nach Rolfshagen, weil es noch schöner liegt als das schon schön liegende Sonnenbrinkbad, aber natürlich zwingt mich das sensiblen Wesen wie mir innewohnende Soli-Gen, ab und zu auch dort meinen alabasterfarbenen Astralleib in die Brühe zu tunken. Brüder und Schwstern, zum Sonnenbrinkbad, zur Freiheit! Meine Feld-, Wald- und Wiesenforschung hat ergeben:

-> Sozialdemokraten sind Frühaufsteher: Der Anführer der Frühschwimmer-Gang, der, wenn er denn in Berlin wohnte, einen Radiosender hörte, der seine Zielgruppe mit "60+" umreißt, besitzt einen Schlüssel zum Bad. Morgens um sechs ist hier mehr los als abends um sechs in der Fußgängerzone. ich glaube, Sozialdemokraten tun das, "um mehr vom Tag zu haben".

-> Sozialdemokraten schwimmen gern "Rücken": Sie führen dabei beide Arme gleichzeitig nach hinten, was ihnen was Schaufelradschiffartiges verleiht. Sie machen das, weil sie dabei in den Himmel kucken und darüber nachdenken können, wie sich das Rentenloch stopfen läßt.

-> Sozialdemokraten grüßen im Wasser: Das ist unangenehm. Sie tun das, weil sie einen wie mich nicht ausgrenzen wollen, obwohl ich der einzige bin, der keine Badekappe trägt (was auch nicht vorgeschrieben ist, hier aber zum common sense gehört).

So, jetzt folgt aber der eine Grund, der das Sozialdemokratensonnenbrinkbad (´tschulding, es muß natürlich heißen: SozialdemokratInnensonnenbrinkInnenbad) trotz allem so wertvoll macht. Die Saison beginnt wegen der Wassertemperaturen Ende März und geht bis Ende Oktober. Ich weiß nicht, ob EUCHDADRAUSSEN auf Anhieb klar ist, was das bedeutet: Ich bin Ende Oktober 1999 freiluftgeschwommen, was so ziemlich das Klasseste ist, was für Dreimarkfünfzig zu haben ist. Bis zum Hals ist alles wohlig warm, der Kopf schnuppert echte Herbstluft. Kühl und klar. Man schaut auf dem Hinweg in ein Wäldchen, und an jedem Tag haben die Bäume eine andere Farbe. Am 28. Oktober mußte ich beim Aussteigen sehr aufpasen, um auf dem Schnee nicht auzurutschen. (Ich bin übrigens auch deswegen ein Außenseiter, weil ich keine Adiletten besitze.)

Fast noch schöner sind die Night Sessions; jeden Donnerstag hat das Bad bis 20 Uhr geöffnet. Das Becken wird von bunten Lichtergirlanden gerahmt. Aber das kann ich nicht beschreiben, weil es zu surreal ist.

Paßt auf euch auf, IHRDADRAUSSEN.

...und jetzt noch schnell meine Hitliste der 3 Sätze, die im Februar zum Überleben hilfreich waren:

• "Markus fährt mich jetzt nach Hause, weil er unseren Tisch sehen will" (Anne Zuber-Zabel, Ex-Frau des Radsportlers Erik Zabel)

• "Für das volle Farberlebnis empfiehlt sich die Anwendung in einer weißen Badewanne" (Hinweis auf der grünen Packung von tetesept Sinnensalze)

• "Kerpen stellt drei Viertel des Podests" (Kay "Zweidrittel" Ebel, RTL, nach dem Grand Prix in Australien, auf dem Podest: M. Schumacher, Kerpen/R. Barrichello, Nicht-Kerpen/R. Schumacher, Kerpen)

In der April-Lieferung: Perfezione inogni dettaglio


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