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obernkrichen chronicles 2 | von arne boecker
 
       
   
     
 

Bevor ich mich der eingangs gestellten Frage widme, die sich so oder so ähnlich wohl von schon jeder von EUCHDADRAUSSEN gestellt hat, muß ich eine Peinlichkeit hinter mich bringen.

Dies ist die zweite Ausgabe von "Obernkirchen - Ein Vademecum", und schon ist mir die erste Gegendarstellung ins Haus geflattert (sagt man so bei Elektropost?). Der Absender heißt Frederic U., und obwohl er beim ZDF Talkshowredakteur ist, muß ich einräumen: Der Mann hat recht.

Was war passiert?

Ich habe neulich in meinem Geschichtchen über eine Araltankstelle Yashira, die Tankwarteuse, als "das schönste Persermädchen außerhalb Teherans" (oder so) bezeichnet. Sie ist tatsächlich schön, aber der Superlativ gebührt natürlich auf ewig: Anuschka Roshani. So sei es.

* * *

Wer - wie ich - eine Badehose sein Eigen nennen kann, auf der sich Frei-, Fahrten- und Jugendschwimmerabzeichen drängeln, hat sommers im wesentlichen zwei Möglichkeiten, in oder um Obernkirchen zum Schwimmen in Freibäder zu gehen. In Rolfshagen/Auetal gibt es eine Anlage für Republikaner, in Obernkirchen schwimmt man dagegen sozialdemokratisch.

Rolfshagen: Es ist mit dem Rad eigentlich der schönere Weg. Man rollt circa drei Kilometer den Berg runter und surft dabei über Serpentinen, die mit solchen in den Alpen zu vergleichen ich mich keineswegs scheue. Es geht dabei durch den Wald. Ich würde an dieser Stelle vom Zusammenspiel zwischen Fahrradfahren, flirrendem Sonnenlicht und flatterndem T-Shirt schwärmen, wüßte ich nicht genau, daß IHRDADRAUSSEN in den steingrauen Städten das nicht verstehen könnt.

Der Waldschwimmbademeister ist etwa 60 und drahtig, trotz eines ganz kleinen Bäuchleins, Bürstenhaarschnitt wie ein Marine, trägt ein verblichenes "Feuerwehr-Magdeburg"-Shirt und ist hauchzart rechtsradikal. Markige Sprüche über die Jugend heute, aber die Jugend in seinem Bad hält sich an die Regeln. Da sorgt er schon für. (...besser: "sorgte", die letzte war nämlich seine letzte Saison vor der Rente). Er ist streng, und er ist gerecht, und er behält die Ruhe, wenn sich ein Kind den Hinterkopf aufgeschlagen hat. (Nein, IHRDADRAUSSEN, dies ist keine politische Parabel!)

Ich bin für ihn "Herrdokter", weil ich mich immer auf die warmen Fliesen an den Schließfächern setze und die Politikteile von Zeitungen lese. Eine Zeitlang wollte er diskutieren mit mir, aber jeder von EUCHDADRAUSSEN, der mich ein klein bißchen kennt, weiß wie das ausgeht, wenn man mich beim Lesen anspricht. Ich habe ihn einmal erwischt, wie er eine Zeitung kopfschüttelnd wieder aus dem Papierkorb gefischt hat - das Feuilleton der "Zeit". Pure Pornographie!

(An dieser Stelle würde ich gern kurz abschweifen, um meinem - wohlbegründeten - Großstadthaß zu frönen. Für die Schließfächer in Rolfshagen gibt es nämlich keine Schlüssel, was auch nicht nötig ist, weil hier nix wegkommt; das hat nichts mit Repubikanerbademeistern zu tun, sondern mit: Wenig gibt es hier, das zu stehlen lohnend wäre. An dieser Stelle möchte ich die Hamburger und Hamburgereusen unter EUCHDADRAUSSEN auf das mit Abstand menschenverachtendeste Monument hinweisen, daß diese eure Hansestadt aufweist. Mehr Lebensverneinung & Freudlosigkeit & Knickeiertum ist nirgends auf der Welt zu haben als auf jenen fürchterlichen paar Quadratzentimetern, die ich euch jetzt beschreibe. Wenn man im "Alsterpavillon" aufs Klo muß, kommt man in einen Vorraum, wo man sich ein paar Sekunden Zeit lassen kann, um zu überlegen, ob man Mann oder Frau ist - oder sein möchte. Das ist eigentlich eine höchst segensreiche Einrichtung, würde sie nicht entwertet durch das Denkmal des Grauens, das mitten im Raum steht. Es handelt sich um einen Metallständer mit Fuß, auf dem ein kleiner, weißer Teller balanciert. Auf diesem Teller aber findet sich, exakt im Zentrum, ein Fünfzigpfennigstück. Dieses ist mit je einem Tesastreifen von Norden - nach Süden und von Osten nach Westen - derart kunstvoll auf den Teller montiert, daß es wie eingeschweißt wirkt. Überflüssig zu sagen, daß es das einzige Geldstück auf dem Teller ist. Ich habe lange nachgedacht. Ich glaube, daß das Fünfzigpfennigstück videoüberwacht wird, und jedesmal, wenn ein Erleichterter einen Hosenknopf auf den Teller legt, wuscht ein Wesen aus einer verborgenen Tapetentür - das der lettischen Toilettenmännermafia angehört, die wiederum mit der hessischen CDU zusammenarbeitet -, um den Teller abzuräumen. Als ich den kondomierten Fuffi das erste Mal gesehen habe, begann ich zu weinen, nahm sofort den nächsten Zug nach Stadthagen, stahl das nächstbeste Auto nach Obernkirchen und sattelte mein Fahrrad, um nach Rolfshagen zu rollen.)

Das Freibad in Rolfshagen wirkt der Verweichlichung des Menschen (i.e.: meiner eigenen) entgegen, indem es konsequent auf jedwede Beheizung verzichtet; sogar die Duschen sind klirrekalt. Es gibt nicht viel schönere Dinge auf der Welt, als an einem langsam ausglühenden Sommertag, an dem man irgendwas - egal was - geschafft hat, sich dem Kopfsprungschock hinzugeben, um dann langsam zu merken, wie sich der Körper - und nicht nur die Haut - aufwärmt.

Jetzt möchte ich EUCHDADRAUSSEN gern die Kiosktrutsche vorstellen. Die Kiosktrutsche ist eine alte dicke Frau und eine große Ausnahme. Gemeinhin gilt für Kiosktrutschen das, was für Schulhausmeister gilt: griesgrämig, unfreundlich, hilfsunbereit allesamt. Sie ist anders. Ich weiß das, seit ich ganz zu Beginn unserer Beziehung eine Tasse Kaffee kaufte, und sie mich zu meinem Schließfachfeuilletonsitzplatz ziehen ließ, ohne Pfand für die "Ernie-und-Bert"-Tasse zu verlangen - nachdem sie mir länger in die Augen geschaut hatte, als das für eine derartige Transaktion angemessen ist. Seitdem glaube ich, daß die Kiosktrutsche weiß, daß ich noch nie irgendwas in irgendeinem Kaufhaus geklaut habe. Ich bilde mir sogar ein, daß sie weiß, daß ich mal eine Nacht nicht geschlafen habe, nachdem ich zuhause gemerkt hatte, daß ich in einem Sportgeschäft ein Basketball-Regelheft eingesteckt hatte, ohne zu merken, daß es nicht gratis ist. Logisch: Am nächsten Tag bin ich zurück und habe es bezahlt. Die Kiosktrutsche weiß um diese Dinge, ich bin sicher.

Man kann übrigens bei ihr noch mischen: fünf Kirschohrringe und fünf Gummispiegeleier und fünf Salzige Heringe und fünf steinharte Kaugummis für ´ne Mark (also: zweimal Pinkeln im "Pavillon"...). An den wackligen Plastiktischchen, über die die Kiosktrutsche herrscht, spielen immerdieselben Skat, auch bei Regen. Von denen halte ich mich aber fern (wie natürlich auch vom Bademeister), weil die sehen aus, als seien sie Ostseecamper.

Das Bad ist familienfreundlich und kinderlaut, was so ziemlich der einzige Krach ist, den ich um mich herum akzeptiere. Weil unbeheizt, ist es nie übervoll, und man kann hier tatsächlich noch das tun, was man in diesem ganzen Fun-Tropicana-Scheiß nicht mehr kann: schwimmen. (Früher sagte man: Bahnen ziehen, oder?) Das Bad ist ein Malocher-Bad. Das Auetal ist nämlich nicht unbedingt bekannt für eine allzu große Dichte an Menschen, die man unter den Verdacht stellen könnte, intellektuell zu sein. Oder anders: Die Gefahr, daß einer von ihnen Sofastefan den Pavonikaffee wegtrinkt, um dabei Tips zum Umgang mit Wentscha Käppittel aufzuschnappen, ist in etwa der vergleichbar, daß Österreich in diesem Jahrtausend Fußballweltmeister wird.

Angenehm, das. Die Alten braten in der Sonne, die Kinder planschen im Wasser. Und es kommt noch etwas hinzu, womit ich mich ausschließlich an die Jungs unter EUCHDADRAUSSEN wenden möchte: Versuchung, Verlockung & Sünde sind hier nicht zuhause. In zwei Sommern habe ich kein weibliches Wesen entdecken müssen, dessen Anblick mich vom Feuilletonlesen hätte ablenken können. Ich weiß, wie komisch das klingt, aber: Sowas kann ein Segen sein these days.

Wir halten fest: Republikaner schwimmen gar nicht, nur ihre Kinder. Sobald sie jedoch die Wahlmündigkeit erreicht haben und ihrerseits Republikaner wählen, schleppen sie sich an Land und meiden fortan das Wasser.

Paßt auf euch auf, IHRDADRAUSSEN.

...und jetzt noch schnell meine Hitliste der 7 Sätze, die im Januar zum Überleben hilfreich waren:

• "Wer schwimmen kann, ertrinkt nur langsamer" (Rückseite von Felicitas Hoppe: "Pigafetta")

• "The Chase Is Better Than The Catch" (Scooter, einer der größten Lebensweisen vor dem Herrn)

• "Was Friseure können, können nur Friseure" (Werbespruch der Friseure)

• "Always Try And Maintain A Well-Stocked Bowl Of Fruits!" (Linernotes der Band "Hefner", Quelle: Fanzine (Sic)korski/Hamburg)

• "Be Kind To Small Business. Buy More Beach-Boys-Records!" (Linernotes der Band "Hefner", Quelle: Fanzine (Sic)korski/Hamburg)

• "A Little Pepper In Your Sugar Every Once In A While, Just To Keep Things Vigorous?" (Linernotes der Band "Hefner", Quelle: Fanzine (Sic)korski/Hamburg

• "Nach jedem Killerwalangriff fehlen einige Junge" (Robert-de-Niro-Synchronstimme in einem Tierfilm, Quelle: Fanzine (Sic)korski/Hamburg)

• "Wenn du ein Zahnarztinstrument in meinem Mund wärst - welches wärst du?" (Journalistenfrage an Hefner in einem englischen Fanzine, Quelle: Fanzine (Sic)korski/Hamburg)

• "Ich will auch mal schöne Orte gezeigt kriegen! Aber der Porsche ist in Ramelsloh: Die Wischwaschanlage mußte repariert werden" (Kirsten "Audrey" Rick, Erfinderin von Sätzen, die einem vor Freude die Tränen in die Wischwaschanlage treiben)

In der März-Lieferung: Schwimmen Sozialdemokraten anders als Republikaner? Teil II: Sozialdemokraten


arne boecker auf dem sofa
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