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erleuchtung | von kirsten rick
 
       
  aral  
     
 

Ich sollte wohl ein bißchen was zum Einordnen schreiben. Wo Obernkirchen liegt, woher der Name kommt, wie es in Obernkirchen im Mittelalter aussah.

Bevölkerungsstruktur. Industrie. Freizeitwert.

Blah! und Blubb! und Denleserabholenwoerist! [1]

Das ist langweilig. Deswegen wette ich mal eben mit mir selber: Ja, das ist besser. Also: Wir schreiben heute den 12. Dezember 1999, und es gibt - asfarasiknow [2] - so ungefähr ein Dutzend Sofisten. Ich möchte Obernkirchen in den kommenden Monaten so beschreiben, daß IHRDADRAUSSEN als vom Überfluß gelangweilte Großstädter nichts sehnlicher wünscht, als nach Obernkirchen zu reisen. Bis zum 31. Dezember 2000 müssen, so will es meine Wette, sämtliche festangestellte Sofisten hier gewesen sein; das ist nicht einfach, weil IHRDADRAUSSEN, wie ich vom Praschlpeter weiß, unter anderem in New York wohnt oder Österreicher von Geblüt seid oder aber der Klasse der möbelmanischen Luksußmädchen [3] angehört - alles Dinge, die`s nicht einfacher machen für mich. Außerdem steht meiner Mutter ihrm Sohn nur die schiere Kraft seiner Sprache zur Verfügung.

Wenn ich gewinne: Muß mich der Sofa-Herausgeber mit Marillenknödeln bewirten. (Zur Not auch in so unwirtlichen Gegenden wie Hamburg oder Wien.) Er darf sich dabei von seiner reizenden Gespielin helfen lassen.

Wenn ich verliere: Schreibe ich nie wieder eine Zeile und fange eine Tischlerlehre an. [4]

***

Die erste Lieferung an EUCHDADRAUSSEN spielt haarscharf außerhalb von Obernkirchen und bietet:

• ein Blau, das mit nichts vergleichbar ist
• das schönste Persermädchen außerhalb von Teheran
• die Musik von der "The-Wedding-Present"-Platte von 1987, die "George Best" heißt und auf dem Cover (talkinboutvinyl) einen Fußballer zeigt, wie er cooler diesen Planeten nie betreten hat: George Best. Völlig verschlammt, runtergerollte Stutzen [5], sehr enge weiße Hose, rotes Trikot drüber, das auf jedweden Werbeaufdruck verzichtet, spitzgroßer weißer Kragen, Beatleshaare und Bart

(Hey, suchen da etwa schon die ersten von EUCHDADRAUSSEN im Autoatlas nach "Obernkirchen"?)

Wie die Lebenskundigen sofort erkennen, kann ein Text, in dem diese drei Dinge vorkommen, nur von einer Araltankstelle handeln. Spätestens jetzt muß nämlich mal gesagt werden, daß Obernkirchen anundfürsich in seiner Sensationslosigkeit atemberaubend ist.

IHRDADRAUSSEN in Eimsdorf und Eppenbüttel seid Sammler: Schaut, was euch so entgegenkommt an Ereignissen und Menschen und haltet bei Bedarf ein paar fest - manche haben sogar ein System dafür. Sammler jedoch sterben in Obernkirchen einen qualvollen Langeweiletod (17 Uhr: "Die Nanny"/RTL, 17.30 Uhr: "Die Simpsons"/Pro 7 [6], 18 Uhr: "Eine schrecklich nette Familie"/Pro 7, 18.30 Uhr: "Bill Cosby Show"/Pro 7), den kein Quincy der Welt nachweisen kann. Nein, wer in Obernkirchen überleben will, muß zum Jäger werden.

Für einen Jäger ist eine Araltanke nicht einfach eine Araltanke (=Sammlersicht), sondern ein verwunschenes Spaßschloß. Das Ambiente stimmt: Sie liegt in Heeßen an einer Ausfallstraße mit 1a-Fluchtmöglichkeiten zur A2-Auffahrt Bad Eilsen. (Okay, okay: Ich mußte sie noch nie nutzen.) Und man muß nicht Wim Wenders heißen, um das Aralblau nachts großartig zu finden, vor allem wenn die Sonne flammendrot hinter dem Weserbergland...ach, ich wollte doch nicht schwelgen!

Auf dem Weg zur Araltanke:
• 1 Hexenteich. Im Mittelalter warf man verdächtige Frauen mit 1 Stein um den Bauch hinein: Wenn sie untergingen, waren sie zwar keine Hexen, starben aber gleichwohl den nassen Tod. Wenn sie trotz der Last an der Wasseroberfläche geblieben wären - was ausweislich meines Quellenstudiums im Niedersächsischen Statatsarchiv völlig überraschend in null Prozent der überlieferten Fälle eintraf -, hätte das als Beweis ihrer Hexenhaftigkeit gegolten, und sie wären anschließend einen seeeehr heißen Tod gestorben. Ich finde dieses System in seiner zwingenden Logik beeindruckend.

• 1 Hymermobil. 1 blonde und 1 schwarze Perücke sind darin von 10 bis 18 Uhr zu Diensten.

• 2 Steinbrüche. Kultstätten. Ihre Sensationen werden in 1 eigenen Lieferung gewürdigt. (Nur so viel: Knutschen, während Monster zugucken.)

• Bad Eilsen. Kurort. Seine Sensationen werden in 1 eigenen Lieferung gewürdigt. (Nur so viel: "Alaska - ein Lichtbildervortrag in moderner Überblendtechnik". Und: Rentnerfreiluftschach rules okay!)

Meine Araltanke ist eigentlich eine von diesen ganz normalen Großanlagen. Dem Kennerkönner bietet sie mindestens im Sommer nichtsdestotrotz eine Menge Thrills:

• Nachts um 12 ein Fleeceshirt kaufen oder einen 20-Mark-Grill, den man im Steinbruch gleich ausprobieren kann, jedenfalls wenn die nette Wachmannschaft Dienst hat (die ohne Hunde), oder ferngesteuerte Autos für ein Wettrennen hinter der Tanke.

• In lauen Nächsten treffen sich ein paar Leute und stellen so ab 20 Uhr auf der Tanke BFBS ein auf ihren Autoradios. Dub und Techno, Steve Lamarq und John Peel - so wie früher, als man noch Freistunden kannte. Gut auch: Immer abwechselnd Stücke von Cassette vorspielen, was dazu führen mag, daß man zuhause mal wieder "The Wedding Present" rauskramt, die nicht genug gelobt werden können. Wer kommt denn heutzutage noch auf die Idee, ein Stück "Shatner" zu nennen?!

• Und wenn dann noch Yashira, das hübscheste Persermädchen außerhalb Teherans, Dienst hat, sieht das Aralblau gleich noch ein bißchen araliger aus. Außerdem erlaubt sie, daß man den "Stern" mit nach draußen nimmt, wenn man ihn ordentlich wieder zurücklegt. [7] Ach ja: Mit Y. "läuft nix", wie IHRDADRAUSSEN wohl formulieren würdet; sie spricht nicht mal, außer "Siebenundzwanzigachtzig" oder "Quittung?"[8] Trotzdem (....deswegen?!) wären ich und ca. 27 andere nicht abgeneigt, künftig dem fundamentalistischen Irrsinn anheim-, nur um ihr zu gefallen; als Revolutionsgardist in schnieker Uniform täten ein paar lohnende Ziele mir bestimmt einfallen.

• Nächste Stationen: Musicbox in Minden, Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica, McDonald`s (überall). Aber das sind alles: eigene Geschichten.

Dies ist übrigens der einzige Ort der Welt, an dem man Cherrycoke trinkt und an dem Zeitschriften ausliegen, die "Discopost" oder "Der Tankstellenpächter" heißen und die ich jedem von EUCHDADRAUSSEN wärmstens ans Herz lege [9]. Es findet sich wenig Falsch in ihnen, was man nicht von jedem Periodikum sagen kann, über dessen Seiten sonder Sinn Buchstaben und Bilder gestreut werden.

Das Lebensgefühl zur Nachttanke ist eine Art dickflüssiger Flow. Die Elemente verbinden sich miteinander, treiben auseinander und finden sich woanders wieder. Nichts ist hier eckig. Keine Drogen außer Blau und Yashira und Cherrycoke.

Jetzt die schlechte Nachricht: Es gibt so etwas wie eine Aral-Apartheid. Die Älteren (ab 30 aufwärts) treffen sich sommers an der Waschanlage, die Discos (Mr. President abwärts) direkt an der einen Auffahrt, die Gefährlichen (Gaspistole aufwärts) an der anderen; die bleiben aber nicht lange.

Nächsten Sommer wird`s spannend, weil in Gelldorf, direkt an der B 65, eine neue Aral aufgemacht hat, die sogar nachts Croissants aufbackt. Mich trifft man weiterhin in Heeßen, bei Yashira und George Best.

Jetzt noch schnell meine persönliche Hitliste, regarding die Araltanke in Heeßen:

Platz 5: Lion (knuspert krisp wie nix)
Platz 4: Müllermilch/Orange (macht schlank, wenn man`s nicht trinkt)
Platz 3: Hot Dog (funktioniert wie ein Brenneisen bei Schußverletzungen in Westernfilmen, heilt sogar Liebeskummer)
Platz 2: Gatorade (giftgrün/kühlwasserflüssigkeitsbläulich)
Platz 1: Colorado (ein Klassiker, ich weiß, aber ich darf immer so lange wühlen, bis ich die Packung gefunden habe, die ein Maximum an Braunen und ein Minimum an Gelben aufweist. Vor diesem Hintergrund: Wenn ich irgendwann mal andeute, daß ich von Aral zu Esso wechsele, solltet ihr alle eure Aralaktien sofort abstoßen und Esso kaufen.)

Paßt auf euch auf, IHRDADRAUSSEN.

In der Februar-Lieferung: Schwimmen Sozialdemokraten anders als Republikaner?


arne boecker auf dem sofa
obernkirchen chronicles. 
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