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Moderne Frauen, Todgeburten

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Vivi@n. Ach ja. Das @ im Vornamen, was sind wir toll. Das moderne Frauenmagazin aus dem Burda Verlag, Redaktionssitz: Offenburg. Steht da wirklich so drauf: Das moderne Frauenmagazin. Drinnen sind die zehn Gebote abgedruckt, im Dossier über Moral und Politik. Ein Kasten mit den zehn Geboten, den klassischen, inklusive "Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Frau". So wie es einen Kasten gibt, der "Was ist Moral?" heißt und einen Eintrag aus dem Brockhaus zitiert. Ist das peinlich. Das glaubt man gar nicht, so peinlich ist das. Die politische Aufmachergeschichte - moderne Fr@uen interessieren sich angeblich für Politik - geht wie folgt los:

"Das Kind, das Kind!" Verzweifelt gellen die Schreie des Mannes über die Straße. Wurden nicht gehört. Sekunden später sinkt der 12-jährige Mohammed al Derra in den Armen seines Vaters zusammen. Tödlich getroffen von den Kugeln israelischer Soldaten. Zeit, den Tod seines Sohnes zu beweinen, bleibt dem Palästinenser nicht. Schwer verletzt verliert er das Bewusstsein. Auch er Opfer des blutigen Straßenkampfes im Gazastreifen.

Wirklich, so steht das da. Wahrscheinlich ist das der weibliche Approach von Vivi@n, der emotionale Faktor: Der arme Daddy hat nicht einmal die Zeit bekommen, eine Runde zu heulen um seinen toten Jungen, echt gemein. Die Geschichte nennt sich, auch das nicht verwunderlich: "Gibt es denn niemals Frieden?" Ja ja, die Welt ist böse. Und Frauchen steht da und fragt bange Fragen.

Ein paar Seiten später ein Organizer-Test. So viel Schwachsinn hat man selten gelesen. Beim Compaq ipaq H6330 heißt es unter "Minus". "Eigentlich gibt es am ipaq nichts auszusetzen!" Auszusetzen hat die dumme Tussi, die den Scheiß geschrieben hat, wenn ein Organizer keinen Farbbildschirm hat. Eine Vivi@n-Frau braucht eben Farbe fürs Adressenverwalten, darunter macht sie es nicht. Am schönsten ist die Bildunterschrift: "Selbst im Café ist der Palm dabei - wie hier im Münchner Eisbach." Na wo denn sonst, Idiotin, das ist doch der Punkt an Organizern, dass man sie mitnehmen kann....

Als Kolumnistinnen hat Vivi@n Petra Gerster und Georgia Tornow gewonnen. Frau Gerster (ZDF-Anchorwoman) schreibt darüber, dass sie nun ja doch mit dem Computer und dem Netz und so, nach langer Skepsis, geht ja nicht anders, und natürlich fällt ihr gleich wieder ein, dass das Internet kein "rechtsfreier Raum" ist und dass man mal mit den Leuten "diskutieren" müsse, die das Recht der freien Rede; schon klar, wir haben verstanden, ein bisserl Zensur muss sein. Frau Tornow (ex-Taz-Chefredakteurin) interviewt Regine Sixt, Gattin von, in der "Bunten" heißt die Schabracke immer "Mietwagen-Lady". Dem Interview mit der "temperamentvollen Power-Frau" kann man entnehmen, wie sehr man herunterkommen sein kann, wenn man mal Chefredakteurin einer linken Tageszeitung gewesen ist: "She did it all - ob mit Bewunderung oder Neid, an der Feststellung kommt keiner vorbei. Sind Sie ein Superweib?", fragt Frau Tornow die Mietwagen-Lady, und eine Frage später: "Können wir uns auf den Begriff Karrierefrau einigen?" So geht das ein Interview lang, und es ist das allererste mit der Mietwagen-Lady, in dem die Antworten spannender sind als die Fragen, die man ihr stellt.

So eine Zeitschrift ist Vivi@n, das moderne Frauenmagazin. Können wir uns bitte darauf einigen, dass dieser Scheiss bald bankrott geht?

Peter Praschl


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