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Talk

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Warum gibt es eine Zeitschrift wie Talk eigentlich nicht in Deutschland? Müßte es doch, sagt nicht nur die Sehnsucht, sondern auch die pure Marketing-Vernunft [1]. Auch in Deutschland gibt es doch genug Leute, die auf so eine Illustrierte hoffen: klasse geschrieben, nur von Dingen handelnd, die man noch nicht hundertmal gelesen hat, entschieden linksliberal, intelligent, erzählerisch, gut durchzublättern usw. Aber nicht: cool, jung, modern, konsumistischentmündigend. Sozusagen ein Tempo (wie es mal am Anfang war), aber für Leute 35 plus. Was an Talk zuallererst auffällt: da ist tatsächlich Wirklichkeit drin. Lange Reportagen über amerikanisches Leben jenseits der Redaktionen, in Trailer Parks zum Beispiel, oder über Ehepaare, die ganz dringend ein Kind adoptieren wollen, aber nur ein weißes, kein hispanisches oder afroamerikanisches. Wann liest man in deutschen Zeitschriften je was über deutsches Leben? Niemals. Gilt als komplett uninteressant, hirnrissig, am Markt vorbei, jedenfalls in Illustrierten, igitt, dann müßten wir ja auch Fotos von Prolls haben, die sehen doch alle doof aus. Keine Ahnung, warum hierzulande Journalisten die Leute so sehr hassen, die sich das Recht herausnehmen, auch da zu sein. Ist mir ja schon bei meiner Wolfgang Petry-Reportage für Amica aufgefallen: als ich davon sprach, starrten sie mich an, als wäre ich jetzt komplett irre geworden - obwohl das ganz schlicht und ergreifend der erfolgreichste deutsche Popstar ist.

Okay, Talk: Talk ist eine fantastische Illustrierte. Mit allem, was in einer Illustrierten drin sein muß: Starportraits (allerdings von Paul Theroux geschrieben), Klatsch, Society-Fotos, Buchbesprechungen, Reportagen (in der neuesten Ausgabe zum Beispiel über eine jugoslawische Psychoanalytikerin, die lange die Elite Belgrads behandelt hat, bis eines Tages bei ihr einer auf der Couch liegt, der ein sniper war und ein Baby erschossen hat..), internationale Politik (diesmal: Äthiopien), schöne Sittenbilder (Concierges der besten Hotels brechen ihre Schweigepflicht und erzählen von den immer unglaublicheren Wünschen ihrer Gäste), fiese Bildunterschriften (Kate Moss wird auf einem Foto als "defiantly pre-rehab" bezeichnet...). Und falls irgendein Verleger mit einem Sinn fürs Große in Deutschland das hier liest: Ich mach Ihnen das Blatt. Ehrlich, ich kann das...

Peter Praschl


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