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Don´t Come Monday

mohr
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In den USA, habe ich mir erzählen lassen, sind Kündigungen recht einfach. Am Freitag nachmittag kommt einer vorbei und legt dir einen Zettel auf den Schreibtisch, auf dem DCM steht.

DCM heißt: Don´t come monday.

Meinen DCM-Zettel lege ich auf den Schreibtisch des Spiegel-Redakteurs Reinhard Mohr, der wahrscheinlich in diesen Minuten einen seiner fundamentalen kulturkritischen Essays über die deutsche Spaßkultur beendet. Ich kann beweisen, dass er schon viel zu viele dieser Essays zusammengeschustert hat, und dass es hoch an der Zeit für einen neuen Song wäre.

Unter Geiern (23.8.1999, über einen Kabarettisten):

"In den achtziger Jahren entwickelte er seine große Leidenschaft, das Kabarett; freilich nicht die politische Zeigefinger-Akrobatik von Hildebrandt und Co., auch nicht die Comedy-Raserei der neuen deutschen Spaßkultur, sondern ein ganz eigenes, poetisch inspiriertes Satiretheater, dessen Zynismus auf der Höhe der Zeit war - sportlich gesehen eine Mischung aus virtuellem Stabhochsprung und 400 Meter Hürdenlauf mit Wasserloch-Schikane."

Die Dialektik der Abklärung (29.11.1999, über "Titanic"):

"Zwei geistige Linien kämpfen seit den achtziger Jahren um die kulturelle Vorherrschaft in Deutschland: Hier die eher protestantisch grundierte Jammerkultur der immer schon Zuspätgekommenen, Frühenttäuschten und Erlösungswilligen, dort die neue deutsche Spaßkultur des zynischen Hedonismus."

Der totale Spaß (5.6.2000, über die...):

"Witzischkeit kennt keine Grenzen / Witzischkeit kennt kein Pardon! Von der Politik bis zum Sport, von der "New Economy" bis zu den Society-Events der Berliner Gesellschaft, von Möllemann bis Lilo Wanders - der Fun-Faktor regiert die Republik, Spaßkultur muss sein: "Konkret krass" und "fett stabil"."

Die neuen Fast-Patrioten (11.9.2000, über das Nationalgefühl):

"Reiches, globalisiertes Deutschland: Die Wirtschaft brummt, jetzt auch virtuell: Wir sind drin im World Wide Web. Der Pixelpark blüht, selbst in Sachsen-Anhalt.
Lustiges, lockeres Deutschland: Die Spaßkultur überholt sich ständig selbst. Harald Schmidt und danke Anke, Gottschalk & Ciao, Big Brother. Hauptsache, nie wieder: Volk ohne Witz."

Sigrids Welt (25.9.2000, über Sigrid Löffler):

"Sigrids Welt ist vor allem das Resultat einer philosophischen Anstrengung. Was sie in ihrem Antrittsartikel als Feuilletonchefin der "Zeit" 1996 volltönend prophezeite - den Abschied von der "Spaßkultur" -, hier ist's vollbracht: Humorlosigkeit und sinnliche Askese"

Tyrannei der Geschwätzigkeit (30.9.2000, über Sportsendungen):

"Ob bei Olympia oder in der Formel 1, bei der Champions League oder den alpinen Skiwettbewerben - die weltweit populärsten Sportarten verkörpern den virtuellen Ernst des Lebens in der Spaßkultur, eine Ersatzreligion in der entzauberten Welt, die nicht zuletzt die Maßstäbe für Jugend, Schönheit und Lebensglück setzt: fit for fun. Ästhetik als Körperästhetik."

Wettlauf um das Gute (30.10.2000, über Moral in Zeiten der ....):

"Dabei laviert die Spaßkultur, die schon von Berufs wegen mit unzähligen Ressentiments und Zitaten spielt, zwischen Souveränität und Verantwortungslosigkeit. Einerseits ist sie Ausdruck eines gewachsenen demokratischen Selbstbewusstseins der Gesellschaft, die praktisch keine Tabus mehr kennt, aber auch keine ideologische Feindschaft - andererseits höhlt sie tendenziell Werte und Orientierungen aus, ja, sie beschleunigt geradezu soziale und intellektuelle Auflösungsprozesse, aus denen sie dann wieder ihre humoristischen Funken schlagen kann."

Eine Rakete namens Harry (27.11.2000, über Harald Schmidt):

"Manchmal aber ist die "Harald Schmidt Show" Teil der Krankheit, zu deren Linderung sie beitragen soll. Zum Beispiel dann, wenn die Endmoräne der Spaßkultur, das Geröll der besinnungslosen Witzischkeit, völlig ungebremst ins Studio einbricht und alles unter sich begräbt. Wenn die letzte Blondmaus von "Bravo TV" die nichtigste Nichtigkeit in den Äther piepst, wenn die Gag-Lage so labbrig ist wie abgestandenes Bier und die Stimmung zäh vor sich hin kalauert wie in den Komik-Ruinen der "Wochenshow" nach dem Abgang von Anke Engelke."

Zu dieser Liste ist anzumerken: Sie ist nicht vollständig. Und sie dokumentiert bloß Spaßkultur-, nicht aber Spaßgeneration-, Fun-Kultur-, Spaßgesellschaft- und Fungesellschaft-Vorkomnisse...

Übrigens hatte ich einmal ein Date mit einer hinreißenden Frau, die ein Date mit Reinhard Mohr gehabt hatte. Höflich sei er ihr vorgekommen, erzählte sie, höflich, aber langweilig. Und natürlich sei nichts daraus geworden..

Peter Praschl


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