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Christian Kracht
fährt im ICE

kracht
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Christian Kracht war lange für die BZ tätig. Sein schönstes Stück ekelte sich vor den Kindern vom Bahnhof Zoo.

Als ich gestern in Berlin ankam
Von CHRISTIAN KRACHT
"Der ICE [1] gaukelt einem so manches vor. Schnelligkeit, Sicherheit, Modernität. Aber eines ist nicht vorgegaukelt: Die Sauberkeit des ICEs. Man fährt, gottlob, sauber durch Deutschland. Die Toiletten stinken nicht, die Sitze sind reinlich, und die weiß-rote Außenwand wirkt stets wie abgeleckt.
Tritt nun der Reisende aus diesem sauberen Zug in den Bahnhof Zoo, fühlt er sich, als betrete er eine lange nicht aufgeräumte Flughafentoilette in Bangladesch.
Gebrauchte Spritzbestecke liegen herum. Kampfhunde versperren den Weg zum Ausgang. Überall wird geraucht. Ich selbst sah neulich eine Blutlache, offensichtlich war ein anderer Reisender gerade erstochen worden. Und so empfängt einen Berlin.
Unglaublich."

Unglaublich ist natürlich dieses Stück: daß einer, der als Pop gilt und sich dagegen auch nicht wehrt, "gottlob, sauber durch Deutschland" fahren will; daß ihm als allererstes die Klos auffallen, daß diese Klos gleich als Welterklärungsmetapher herhalten müssen, daß einer, den sie als jung und hip rezensieren, redet wie ein alter Nazi, wenn er so wahrnehmen darf, wie er will; und daß einer so verrottet ist in seinem Kokserkopf, das auch noch zu veröffentlichen, ohne Hemmungen. Das unglaublich ist, man versteht es schon, die Aufforderung an die Polizei, das ganze Gesocks endlich abzutransportieren, zuallererst unter eine Dusche. Hitler [2] hatte ja die gleichen Impulse, als er nach Wien kam, so viel Gesindel auf den Straßen, mit den Augen eines Linzers gesehen.

Peter Praschl


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