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Brand eins: Zwei Nachträge

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I.

Am Markt kann es nicht liegen: wenn man weiß, dass man sowieso nicht besonders gut verkaufen wird, muss man sich darüber ja nicht besonders viele Gedanken machen. Woran liegt es also, dass brandeins eine so traurige Lektüre geworden ist? Nicht alles darin ist schlecht, und manches darin, wie Wolf Lotters Artikel, nach wie vor verläßlich gut. Doch irgendetwas hat sich verändert - man nimmt das Heft mit, wenn es da liegt, aber man wartet nicht mehr ungeduldig darauf, dass es endlich wieder da liegt; und man denkt nicht mehr Sätze wie "da könnte man auch arbeiten, die haben etwas begriffen, die haben verstanden, wohin Zeitschriften hin sollten, auch wenn sie es noch nicht immer umsetzen, die haben eine richtige Idee gehabt".

Meine Vermutung ist: Die Haltung hat sich verändert. Um Zeitschriften zu machen, braucht man ja eine Haltung. Nichts Großes, nichts Pathetisches, aber eben doch. Als brandeins begann, war es vor allem ein Blatt, das Fragen stellte: Wie funktioniert das eigentlich, was ist New Economy, welchen Sinn macht das, warum braucht man eigentlich ein Management und kommt nicht ohne aus, sind flache Hierarchien eigentlich wirklich gut, was ist der Haken an Mitarbeiterbeteiligungsmodellen, wie geht ein Kloster und Wirtschaft zusammen, ist der transrapid wirklich scheiße oder täuscht man sich, ist Bill Gates tatsächlich nur ein blöder Ideendieb oder tut man ihm unrecht? Jeder Artikel war eine Wissbegierde, und während man las, konnte man dabei zusehen, wie der Autor sie stillte. Das ist zwar nur so, wie Journalismus immer sein sollte, aber da Journalismus immer seltener so ist, war brandeins eine Hoffnung, eine Erleichterung, auch für Leute wie mich, die sich für Ökonomie nicht besonders interessieren, weil sie andere Probleme haben als wie jemand reich wird.

Jetzt, scheint mir, hat sich das verändert, und leider nicht zum Vorteil des Blattes. Jetzt ist da zu viel Coolness. Coolness ist immer das Gegenteil von Fragenstellen und Neugierde. Man will zeigen, dass man schlau ist (anstatt es werden zu wollen), man will zeigen, dass man originell ist (anstatt es dadurch zu sein, dass man tut, was man tut). Show-off, paradierendes Querdenken. Im neuen Heft zum Beispiel, in dem es um das Generalthema "Organisation" geht, ist eine Geschichte, die mit der These spielt, die Mafia und die Cosa Nostra hätten eine auch für die Ökonomie bedenkenswerte, weil hocheffektive Organisationsform. Und während man das liest, denkt man: Lauter Deduktionen, keine einzige Induktion. Da wollte jemand so etwas wie eine "gewagte These" aufstellen, da wollte jemand mal "einen anderen Ansatz" demonstrieren, "quer zum Mainstream" liegen, all das. Man kann sich sofort die Redaktionskonferenz vorstellen, bei der das entschieden wurde: Zuerst die Pflicht-Themen (wozu brauchen wir Organisation, wie geht das, was kann man machen, wer ist ein gutes Beispiel usw.), dann sagt einer "Mafia", und alle lachen. Ja, das ist gut, sagen sie, mach das mal, so was steht eben nur bei brandeins. Und schon haben wir eine neue Haltung im Blatt, die übliche, die es doch einmal genau nicht sein sollte. Und die es früher auch nicht war. Früher wäre die brandeins-Haltung gewesen, die Frage zu stellen: "Wie funktioniert eigentlich die Ökonomie der Mafia?", und dann erst hätte sich jemand daran versucht, es herauszufinden, und wir hätten eine Geschichte gelesen statt eine originelle Beweisführung.

Ich frage mich, woran es liegt, dass es immer so endet. Denn in Wahrheit bräuchten wir natürlich die Zeitschriften, die neugierig sind und Fragen stellen, auch die allergrößten. Und ich frage mich, warum es diese Zeitschriften in den USA immer noch gibt (Atlantic Monthly, Harper´s Magazine, New Yorker usw.), und warum es diese Zeitschriften in Deutschland so selten gibt. Twen war so etwas, und das SZ-Magazin, ehe es in die Hände von Poschardt und Kämmerling fiel, von denen es sich noch immer nicht erholt hat, Transatlantik war so etwas, auf eine bestimmte Weise ist es die Jungle World jeden Donnerstag, und als Tageszeitung immer wieder einmal die SZ, aber es müssten doch alle Zeitungen, Zeitschriften so sein: Fragen stellen, losgehen, Wirklichkeit angucken, erzählen. Gibt es hier keine Wirklichkeit? Werden hier keine Fragen gestellt? Vergibt man sich etwas, wenn man Fragen stellt? Ist die Wirklichkeit nur dazu da, als Belegmaterial, Indiz, Beweiskettenglieder zu dienen? Ich habe nicht die geringste Ahnung.

II.

Gesondert behandelt, weil der schon jenseits ist. Einer namens Peter Lau, der seit einigen Heften bei brandeins den Sinnhuber fürs große Ganze macht, einerseits, und, andererseits, den coolen Reinwürger und Durchblicker, und manchmal vermischt sich beides auch, und dann schreibt er Artikel namens "unentschlossen", in denen Friedrich Merz gedisst wird und Joschka Fischer verstanden, und das hört sich dann so an:

"Da war einmal ein Mann, der war ziemlich dick. Dann wurde er bekannt, stand auf der Bühne des öffentlichen Lebens, und da entschloss er sich, dünner zu werden. Er begann zu laufen. Langstrecke. So wurde aus dem gemütlichen Öko Joschka Fischer der verschlankte Staatsmann, der es der ganzen Welt gezeigt hatte: Wenn ich mich für etwas entscheide, zieh ich das durch. Und siehe da, so blieb es: Joschka Fischer entschied sich für eine Frau, für einen Krieg, für eine Politik. Vielleicht waren seine Entscheidungen nicht immer richtig, aber hey!, wer sich entscheidet, macht Fehler. Was, Fehler sind nicht erlaubt? Wieso denn nicht?"

Das werden die Kollateralschäden sicher verstehen. Wieso denn nicht?

Peter Praschl


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