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Seit einiger Zeit bin ich auch Internet-Redakteur (eine Seite pro Monat, nix wirklich Wichtiges). Seitdem werde ich jede Woche von ungefähr 30 PR-Freddies angerufen, die mir irgendwelche e-commerce-Lösungen andrehen wollen, einmal hat einer sogar das Wort "Weltneuheit" verwendet, ich musste zuerst herzlich lachen und dann habe ich ihm gesagt, von wem die Idee geklaut wurde. Am übelsten sind die "Portale" (das neue Wort für Ramschladen) und die Power-Shopping-Sites (zehn Pfennigfuchser tun sich zusammen, um den CD-Brenner für zwofuchzich weniger zu kriegen - eine Haltung, die ich immer schon ekelerregend fand....). Und je mehr dieser Leute mich anrufen, desto weniger verstehe ich, warum es hundert oder tausend oder hunderttausend E-Shops geben soll, in denen man verläßlich immer nur dasselbe bekommt. Und immer nur das, was man auch in jeder Fußgängerzone kaufen kann. Schon klar: das Internet hat 24 Stunden geöffnet, aber was habe ich davon, wenn ich um 3 Uhr morgens eine CD bestelle, die ich dann drei Tage später bekomme, beziehungsweise den Benachrichtigungsschein, dass das jetzt auf der Post abzuholen wäre - da bezähmt man doch seine Ungeduld und geht next morning ten o´clock sharp zu WOM und hat das Teil.

Und jetzt die eine Ausnahme, die ich gelten lasse (es gibt auch eine andere, aber dazu später): Die eine Ausnahme ist das ZVAB, das ZENTRALE VERZEICHNIS ANTIQUARISCHER BÜCHER. Drin ist, was draufsteht: antiquarische Bücher, und zwar wahrscheinlich alle. Deutschspachige jedenfalls. Von allen verdammten Antiquariaten des deutschsprachigen Sprachraums - und dazu noch ein paar holländischen, amerikanischen, britischen, italienischen (und vermutlich aus noch vielen Weltgegenden mehr, ich zähle nur auf, was mir untergekommen ist). Man gibt in die Suchmaschine ein, was man haben will (also Wilhelm Genazino, oder Egon Friedell, oder Jürgen Theobaldy, oder BASF, oder SPUR oder Willi Fleckhaus oder Max Bense oder Johannes Ludwig Prasch), und jedesmal wird man fündig. Das sieht dann etwa so aus:

Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg. 98. Bd. Regensburg 1957. Gr.-8°. 348 SS. Okart. - Enth. u. a.: Karl Dachs, Leben u. Dichtung d. Joh. Ludw. Prasch (1637-1690). (S. 5-220). - Schnitt etwas gebräunt.
DM 40,00
* Best.-Nr. H 96705 [SW: Heimat, Bayern, Literatur, Barock]

Gefunden im Katalog   Deutsche Orts- und Landesgeschichte - Volkskunde   (1062 weitere Einträge)
Anbieter:   Antiquariat Mergenthaler Arnstein  [D-97450 Arnstein-Reuchelheim]

"Schnitt etwas gebräunt": Das rockt, kann man nicht anders sagen. Genauso wie: "Titel mit altem Namenseintrag, etwas fleckig. Anfangs Wasserrand. Exlibris." Alleine wegen solcher Angaben würde ich bem ZVAB kaufen, nirgendwo sonst wird man so ehrlich bedient.

Besonders gut: man findet nur zentral, bestellen tut man bei den einzelnen Antiquariaten (per automatischer Email-Weiterleitung), von denen man auch beliefert wird. Man bekommt seine Pakete also von sympathischen Antiquaren und nicht von irgendeiner Logistik-Firma, und wie jeder weiß, packen sympathische Antiquare besonders toll ein: das Buch wird, auch wenn es Wasserrand hat, sorgfältig eingeschlagen, dann kommt es in einen Karton, dann wird der mit einer alten Ausgabe der jeweiligen Lokalzeitung ausgestopft, dann macht der Antiquar Paketband um den Karton, und zwar mindestens einen Meter, und dann wird das Paket noch mal mit Spagat verschnürt. So muss das auch sein, finde ich.

Ich habe beim ZVAB schon mehrere tausend Mark ausgegeben, unter anderem für 66 twen-Hefte, 10 Ausgaben der Zeitschrift "Filmkritik" (legendär!), Industriefotografie, Biografien von Samuel Morse und Monsieur Braille, eine Erstausgabe vom Radetzkymarsch, eine Geschichte der vorsokratischen Philosophie (noch unaufgeschnitten), zwei Bände der Jüdischen Bibliothek (die bis 1938! in Berlin drucken durfte, bis der Verlag samt seiner Leserschaft liquidiert wurde...), einen Essay über das "Ideal des Kaputten" von Alfred Sohn-Rethel (über neapoletanische Technik) und weiß Gott was nicht noch alles. Ich kann aus vollem Herzen sagen: Ihr werdet dort alles finden, was ihr immer schon mal und schon immer wieder einmal lesen wolltet. Und ihr werdet hunderte andere Bücher finden, von denen ihr nie wußtet, dass es sie gab, und ihr werdet eure Dispo-Kredite vergessen und ihr werdet eure Limits hinaufsetzen und ihr werdet euch vergessen und bestellen und es nicht bereuen...

Und hier der andere E-Shop, dessen Geschäftsidee ich sofort einleuchtend fand: Bei www.eckball.de gibt es, setzt euch hin, haltet euch fest: HISTORISCHE FUSSBALLTRIKOTS! Brasilien 1958! Manchester United 1940! Österreich, Wunderteamphase! Mönchengladbach, Netzer-Periode!

Das rockt auch. Kann man nicht anders sagen.

Peter Praschl


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