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Österreichische
Wörter

beamtenforelle

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Wenn ich heimwehkrank bin, was immer häufiger geschieht, lasse ich mich wissenschaftlich befragen. Der österreichische Germanist Gregor Retti führt an der Universität Innsbruck eine Untersuchung zur "Deutschen Sprache in Österreich" durch und hat zu diesem Zweck Online-Fragebögen entwickelt, die wissen wollen, ob man bestimmte Wörter erstens kennt, zweitens mündlich, drittens schriftlich verwenden würde, käme man denn dazu, mit native speakers zu kommunizieren. Und natürlich gestattet er Menschen wie mir, die sich in den Dienst der Linguistik stellen, zu den vorgelegten Vokabeln einschränkende und sonstige Bemerkungen zu machen.

Mir geht das Wissenschaftliche allerdings am Oasch vorbei. Ich will nur von Zeit zu Zeit die Kinderwörter wenigstens wieder lesen dürfen, die ich nicht mehr sprechen kann, weil sie hoch im Norden entweder niemand verstünde oder sie bloß für drolliges Lippizanergesäusel hielte, was mir noch mehr die Stimmung verhagelt als nicht verstanden zu werden. Für einen native speaker irgendeines österreichischen sogenannten "Dialektes" ist derselbe ja nur die genaueste Sprache, die er sprechen kann, und die am meisten mit Sinn aufgeladene. Jedes Wort funkelt vor Bedeutungen, wie ein erzhaltiger Stein, wenn man ihn im Sonnenlicht dreht. Keine Ahnung, ob ein Deutscher je nachempfinden könnte, wie es ist, seiner Sprache amputiert zu werden und dennoch immer noch "dieselbe" zu sprechen, die eben nie "dieselbe" ist. Als ich in die Volksschule ging, hieß im Zeugnis "Deutsch" noch "Unterrichtssprache". Das hatte zwar einen fiesen Grund - die Österreicher wollten mit dem Deutschsein nach 45 ebenso entschieden nichts mehr zu tun haben wie sie es 1938 am Heldenplatz bejubelt hatten -, war aber dennoch wahr: Deutsch war die Unterrichtssprache, das Leben sprach eine andere. Keine Ahnung, wie ich es eigentlich schaffe, jeden Tag nicht die Wörter verwenden zu können, die ich bräuchte, um zu sagen, was ich eigentlich sagen will. Und dieses Erschrecken manchmal, wenn ich feststelle, gewisse Wörter schon über fünfzehn Jahre nicht mehr gehört zu haben. Ces sont mes madeleines.... und hier einige Beispiele davon inklusive der Assoziationen, die sie auslösen.

Gstettn, die: kleine, abschüssige Wiese

Die Gstettn war eine Au, in der ich Holzhütten baute. In den Holzhütten kochten wir. Wir kochten Maisbrei aus zerstoßenen Maiskörnern, die wir mit Au-Quellwasser verrührten. Kochen ist natürlich falsch. Wir taten nur so beim Indianerspielen, das Wasser war quellwasserkalt. Als wir älter waren und nicht mehr Indianer spielten, rauchten wir auf der Gstettn Lianen und kamen uns gut vor. Heute ist die Au eingeebnet, die Quelle fließt nicht mehr, das Maisfeld hat einer Siedlung Platz gemacht. Im Winter, wenn das Maisfeld nur noch eine Gstettn war, bin ich über sie auf Schiern in die Schule gefahren, fast bis vor die Tür. So war das damals.

patschierln: koitieren

Eines der wenigen österreichischen Wörter aus dem Fragebogen, die ich nicht kannte. Aber ich würde es extrem gerne machen mit einer, die es kennt. Es hört sich sehr faul an, nach Sex, den man an heißen Sommertagen hat, obwohl es so heiß ist, und dann patschierlt man, weil man es einfach nicht mehr aushält, es nicht zu tun. Die Frau hat Nackenflaumhaare, die im Sommersonnenlicht leuchten, so ungefähr geht patschierln, und nachher muß man lachen, weil es offensichtlich so nötig gewesen ist. Und dann geht man noch aus. Oder macht Nachtmahl, und im Radio spielen sie Van Morrison. Woran man merkt, wie unwahrscheinlich es ist, daß man in seinem Leben jemals patschierln wird.

Schinackl, das: kleines Boot

Die Schinackl fahren über den Attersee. Drinnen sitzen die paar Berufsfischer, die es noch gibt. Es ist sechs und noch dunkel, aber man ahnt schon den Tag. Der Tag wird gut. Die Netze sind voll mit Saiblingen. Alle bis auf vier kommen in die Räucherkammer. Die vier, die nicht in die Räucherkammer kommen, ißt man mit seiner Familie zu Mittag. Man sitzt auf einer Terrasse, schaut auf den Attersee und ißt gebratene Saiblinge, die so gut schmecken wie nichts sonst auf der Welt. Weil man sie selber mit dem Schinackl aus dem Atterssee geholt hat.

Stupser, der: >leichter Stoß

Dann hat die Andrea der Kata einen Stupser gegeben, daß die in meine Richtung gestupst wurde, und irgendwie war danach klar, daß wir miteinander gehen würden. Taten wir dann auch.

Reindel, das: kleiner Kochtopf

Wenn die Haare zu lang waren, wurde man zum Friseur transportiert. Der Friseur kostete damals vielleicht 15 oder 20 Schilling, man bekam eine Papierkrause um den Hals gewickelt, der Friseur trat den pneumatischen Stuhl, man schwebte wie in einem Lift in Scherenhöhe. Nebenan saß einer, der sich rasieren ließ, mit einem Messer, dessen Schärfe man sich nicht einmal vorstellen wollte. Wenn der Friseur gut war, sah man danach immer noch aus wie einer, mit dem man sich abfinden konnte. Meistens war der Friseur aber ein Hund, ein Kinderquäler. Dann hatte man ein Reindel auf: als ob er einem einen Kochtopf über den Kopf gestülpt und ihn als Schablone verwendet hätte. Als Peymann in Wien den Richard inszenierte, suchte Gert Voß nach einer Frisur, die zu seiner Rolle paßte, und ging zu Erich, dem einzigen genialen Friseur, den ich je kennengelernt habe. Erich setzte ihm ein Reindel auf und schnitt an dessen Rändern die Voßhaare ab. Nie war ein Richard eindrucksvoller. Danach sah man in Wien viele Männer, die ein Reindel aufhatten. Es stand ihnen beschissen.

Brodler, der: jemand, der die Zeit vertrödelt

Ich war der Brodler. Immer. Immer habe ich gebrodlt. Brodl nicht so, sagte meine Mutter, wenn ich mich nicht schnell genug fürs Spazierengehen anzog. Brodler, sagte sie, wenn ich nicht schnell genug begriff, was ein WORT hieß auf den WORTZETTELN, die sie mir geschrieben hatte, damit ich das Lesen lernte, und auf denen VOGEL, AUTO, BAUM stand. Manchmal glaube ich, daß ich noch langsamer rede als der Kreisky, der langsamste Redner, den ich je gesehen habe - er brodlte so beim Reden, daß man eher sah, wie er redete, als es zu hören; manchmal nahm er mitten in einem Satz die Brille ab und spielte damit herum, und alle erwarteten, daß es großartig weiterging; was es nicht tat, er sprach bloß den Satz zu Ende. - Das Interessante bei diesem Wort ist, daß in ihm auch das Brodeln steckt, also das Kochen. Ich würde mir das gern zugute halten, aber möglicherweise ist das ein wenig selbstgefällig. Tatsache ist: ich habe immer gebrodlt. Und ich brodl immer noch. Aber niemand soll glauben, daß er sich nicht in Acht nehmen soll vor mir. Denn trotzdem bin ich der Schnellere. Weiß auch nicht, wie das geht.

Narrenkastel, das (ins Narrenkastel schauen) :gedankenverloren vor sich hin blicken

Das Narrenkastel ist das Irrenhaus, und deswegen verliert man seine Gedanken, wenn man ins Narrenkastel schaut. Man schaut in es, als wär man schon drin. Ein Zustand, den ich gut kenne. Tagträumen. Das Problem ist, daß es keinen Tagtraumstoff mehr gibt. Den ersetzt jetzt das Fernsehen. Das Fernsehen haben wir auch oft Narrenkastel genannt. Manchmal hieß es auch Patschenkino. Patschen ist das österreichische Wort für 1.) Pantoffel und 2) geplatzter Reifen (Plattfuß). Versteht Ihr allmählich, warum das Österreichische mir fehlt? Weil ein Plattfuß dasselbe ist wie ein Pantoffel: so wird aus Sprache Anthropologie, Soziologie, Psychologie.

Radetzky, der: Radiergummi

Die meisten Radetzkys waren rotblau, die rote Hälfte für Bleistift, die blaue für Füllfeder. In der Volksschule war ich der Klassenbeste, ein richtiger Einserschüler. Einmal allerdings hatte ich einen Fleck (einen Fünfer, was bei Euch eine Sechs ist): Aus irgendeinem Grund hatte ich jede einzelne Addition eine Sieben ergeben lassen, also 1+1=7, 2+3=7 usw., als Kind bildet man sich öfter so etwas ein. Ich wußte, daß meine Mutter wütend sein würde: Also radierte ich mit der blauen Radetzky-Hälfte in einem panischen Radetzkymarsch alles Lehrerinnen-Rot und alle meine Aditionen aus und schrieb sie noch einmal richtig hin. Das zeigte ich dann meiner Mutter. Sie kam sofort dahinter. Denn die Seite hatte überall da Löcher, wo meine Fehler ausradiert waren. Am lässigsten waren übrigens Radetzkys, die sich in einer Metallhülse am oberen Ende von Bleistiften befanden.

Substandard: schlecht ausgestattete Wohnung

Die erste Wohnung, in der ich alleine lebte, war eine Substandardwohnung. Ein Zimmer unterm Dach, zweiter Bezirk, Nickelgasse, es war so heiß, daß ich nachts vor dem offenen Kühlschrank saß. Klo im Stiegenhaus. Möbel vom Hausherrn, einem richtigen Arschloch. Nachts mußte man sich anziehen, wenn man aufs Klo mußte. Oder man schiffte (brunzte) ins Waschbecken. Weil in Wien so viele Leute meiner und der nachfolgenden Generationen in ihren formativen Jahren in Substandardwohnungen wohnten, gibt es in Wien extrem viele Frauen, die nichts dabei finden, in Waschbecken zu pinkeln, seitlich, ein Bein hochgezogen. Deutsche Frauen wären ins Stiegenhaus hinausgegangen, befürchte ich. In Wien war das ein schönes Postpatschierlgeräusch: das Wasser, das sie laufen ließ, um das Pinkeln zu übertönen..

Peter Praschl


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