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Encyclopaedia
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Als ich 15, 16 war, ging ich fast jeden Tag nach der Schule ins Stuwe, das katholische STUdentenWErk, in dem es einen Kicker gab und Tischtennistische, und in dem man, obwohl es sich "katholisch" nannte, nicht im geringsten indoktriniert wurde (Jesus kann warten, bis man zu ihm kommt, er hat Zeit...). Zur Stammkundschaft damals gehörte ein Mann namens Gustav, Mitte 30, eine hagere Gestalt, die noch bei seiner Mutter wohnte, dünne himmelblaue Pullunder trug, in irgendeinem Amt einer subalternen Beschäftigung nachging, von uns Halbwüchsigen kräftig verarscht wurde und deswegen manchmal in Heulkrämpfe ausbrach. Mag sein, daß er ein Pädophiler war und seine Freizeit deswegen mit 14-16jährigen verbrachte, wir bemerkten davon nichts, wahrscheinlich war er bloß einsam, Erwachsene hätten ihn sowieso nicht aufgenommen. Von Gustav hieß es, er würde das Lexikon lesen. Nicht: im Lexikon lesen. Sondern: das Lexikon lesen, von AA bis ZZ. Damals hielt ich das natürlich für geistesgestört, heute ertappe ich mich dabei, daß ich es selbst tue. Ich lese die Encyclopaedia Britannica, genauer gesagt: deren Internet-Ausgabe britannica.com. Ich lese sie zwar nicht systematisch, vom ersten bis zum letzten Eintrag (schon, weil ich im Internet nicht erfahre, mit welchem Eintrag die Enzyklopädie beginnt), aber ich lese sie "einfach so", ohne jeden Verwertungsgedanken, immer mal wieder einen Eintrag, der mir gerade so einfällt - zum Beispiel "liturgy" oder "taxonomy". Warum ich das mit immer größerer Zwangshaftigkeit tue, habe ich noch nicht herausgefunden; aber ich weiß sehr wohl, was mich an der Britannica so glücklich macht wie sonst nicht vieles: Das Rationalistische, das Nüchterne, dieser down-to-earth-approach, der sich gar nicht mit Zweifeln daran aufhält, ob man einem durchschnittlich halbgebildeten Menschen wie mir denn wirklich das Wissen der Welt beibringen könne: sie gehen davon aus, und dafür bin ich ihnen dankbar. Zweitens: Noch in jeden Artikel, den ich in der Enzyklopädie gelesen habe, hat mich etwas überrascht, erfreut, entzückt. Es ist einfach schön, wenn man zum Beispiel nachliest, wem in der Geschichte Enzyklopädien zugedacht wurden:
Encyclopaedia makers have usually envisaged the particular public they addressed. "Simple and unpolished brothers", "ingenuous youth", "curious and intelligent laymen": drei Sorten von Menschen, zu denen man unverzüglich gehören möchte, schon weil es sich besser anhört als "Popliterat" oder "Journalist". Ich glaube, es ist wirklich nicht schwer, meine Liebe zur Britannica zu begreifen (eine ähnliche Liebe gilt der Neuen Zürcher Zeitung, deren Lektüre den Verstand sofort wieder reinigt...) Falls jemand denkt, die EB wäre ein antiquiertes Unternehmen, soll er auf der Stelle korrigiert werden, mit einem Zitat aus dem Artikel über "Sexuelles Verhalten", in dem ohne Umschweife gesagt wird, was Sache ist: Doppelmoral:As a result of this double standard of sexual morality, the relationship between young males and females often becomes a ritualized contest, the male attempting to escalate the sexual activity and the female resisting his efforts. Instead of mutuality and respect, one often has a struggle in which the female is viewed as a reluctant sexual object to be exploited, and the male is viewed as a seducer and aggressor who must succeed in order to maintain his self-image and his status with his peers. This sort of pathological relationship causes a lasting attitude on the part of females: men are not to be trusted; they are interested only in sex; a girl dare not smile or be friendly lest males interpret it as a sign of sexual availability, and so forth. Such an aura of suspicion, hostility, and anxiety is scarcely conducive to the development of warm, trusting relationships between males and females. Fortunately, love or infatuation usually overcomes this negativism with regard to particular males, but the average female still maintains a defensive and skeptical attitude toward men. Sex und Alter: In general, the female withstands the onslaughts of age better than the male. The reduction in the frequency of marital intercourse or even its abandonment is more often than not the result of male deterioration.
Sex und Klassengesellschaft: The Kinsey studies showed considerable social
class differences in sexuality in the United States, chiefly in that the
lower class was more tolerant of nonmarital coitus. More recent studies indicate
that these class differences have rapidly broken down. Increased literacy
and the influence of mass media have made the population more homogeneous
in sexual attitudes. One can find, moreover, reversals of the previous pattern:
a lower class person on the way up the social ladder may be quite conservative
in his sexual views, feeling that this facilitates upward mobility, whereas
the person secure in his or her high social status often feels that he or
she can afford to flout convention. Actually, the most sexually liberal are
those at the very bottom, who have nothing to lose, and those at the very
top, who are beyond social retribution. Noch etwas will ich zum Ruhm der Britannica sagen: Man kann sich jeden Artikel ausdrucken lassen - und erhält dann statt Monitor-Schnipsel Konvolute von manchmal bis zu 25 Seiten Länge. Und es kostet nicht das Geringste. Das muß man sich mal vorstellen: Das Wissen der Welt, von den besten Wissenschaftlern des Empire verständlich erklärt, ingeniös sortiert und instruktiv dargeboten, und niemand nimmt etwas dafür - ein großzügigeres Geschenk kann man sich nicht vorstellen. Ich mir jedenfalls nicht. Peter Praschl
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