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Hildegard Knef

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Hildegard heißt heute keine mehr. Leider. Die neue Frau liegt im Businessgrau-Mini bäuchlings auf dem SPIEGEL-Cover, auf dem einen Bein balanciert sie ein Baby, auf der anderen eine (Computer-)Maus. Toll, wie sie das alles hinkriegt.

Die Frau, die Hildegard heißt, kriegt nichts mehr hin. Sie ist 72 jetzt, und man hört es ihr an. Ihre Stimme ist zerbrochen, manchmal rutscht sie aus den Tönen, die sie treffen will, manchmal hört sie mitten im Singen zu singen auf und rezitiert stattdessen. Die Billy Holiday der letzten Aufnahmen klang so ähnlich. Man merkte gleich, es geht zu Ende, da fährt schon ein kalter Wind in die Knochen, wir versuchen noch ein wenig zu singen, aber der Wind ist stärker als alles, was wir versuchen. Wer noch hören kann, also immer weniger von jenen, für die die Hildegards zu singen versuchen, hört sofort: es ist Kunst. Kunst ist das genaue Gegenteil von Virtuosität. Alles ist Ausdruck, jedes Wort, jede Silbe, jeder Buchstaben. Wie man singt, hat sich restlos mit dem amalgamiert, was man singt, man könnte nicht anders, klar, daß man danach sterben wird müssen, man ist ja bloß nur noch die reine Idee. Eine Idee ist immer die Totenmaske der Wirklichkeit. Auf die Wirklichkeit kann man leichter verzichten.

Die neue CD von Hildegard Knef, die sich anhört, als wäre es ihre letzte, heißt "17 Millimeter". Elf Lieder, und alle sind sie mühsam, eine Behauptung des Ausdrucks: es muß noch immer sein, das Liedersingen, aber die nächste Ausfahrt wäre schon das Schweigen. Die Produzenten haben, wie sie es gerne tun, versucht, Hildegard "modern" zu inszenieren, ein paar Sample- und Scratching-Passagen sollen die Sache aufpeppen oder was immer sich Produzenten dabei denken, falls es Denken ist, was sie tun. Aber das macht gar nichts, Hildegard ist stärker als jeder Effekt, den man ihr unterschieben will. Andererseits zeigt es wieder einmal, daß man in Deutschland mit den paar wenigen Leuten, die man verehren könnte, eben deutsch umgeht, unhöflich also, man denkt sich etwas für sie aus, anstatt sie einfach so sein zu lassen, wie sie sind und sie dabei zu unterstützen. Doch, wie gesagt, Hildegard kann auch "Modernität" nichts anhaben, sie ist mit 72 stärker als all die jungen Idioten, die sich an ihr austoben.

Das Repertoire wie immer: ein wenig Berlin, ein wenig heiteres urbanes Chanson über Zille-Figuren, man nimmt es in Kauf, denn gleich daneben ist Bilanz, Abrechnung, Kälte, Verachtung. Hildegard konnte schon immer am besten verachten, es war ihre Haltung. "Ich möchte von der Jacht aus den Strand verachten", hat sie einmal gesungen, in einem ihrer besten Lieder. Man wollte nicht Strand sein, wenn man es hörte, aber man ahnte, daß man nicht einmal Strand war, höchstens ein Sandkörnchen. In "17 Millimeter" ist diese Verachtung, das Fertigsein mit der Welt reiner als je. "Wer war froh, daß es dich gab?" heißt das erste Lied, und wie sie es singt, gestopfte Trompeten und Streichertraurigkeit im Hintergrund, fällt einem nur eine einzige Antwort ein: niemand. Niemand war froh. Niemand wird froh sein, wenn es bei dir mal so sein wird. "Was du hinterläßt", singt Hildegard, "war nur ein schales Fest, du bestehst ihn nicht, den großen Abschlußtest". Oder: "Du hast gebetet, doch im falschen Dom".

Früher waren Frauen so, jedenfalls ein paar, in den besseren Autorenfilmen der 60er Jahre spielen sie eine Rolle, die Bachmann wird so gewesen sein und Romy Schneider. Desillusionen (ein Substantiv, das es nicht gibt, aber geben müßte), die Verachtung, die Lebenskenntnis besorgt hat, aber eine Verachtung, die nicht hochmütig war, nicht herrenmenschenhaft; eine Verachtung aus den richtigen Gründen: es genügte nicht, ein falsches Label zu kaufen, um sie zu provozieren. Einige, die so waren, durfte ich auch kennenlernen, eine liebte ich sogar. Immer kamen diese Sätze, vor denen man klein wurde, gleich nach dem Küssen, mitten in einer Unterhaltung, jeder Satz von ihnen konnte ein Gerichtsurteil sein, es ging nicht zu deinen Gunsten aus. Aber da diese Sätze eher beiseite gesprochen waren, nicht als Beschimpfung, sondern fast als Verwunderung, waren sie keine Macht-Sätze, sondern nur Wahrheits-Sätze. Die Welt taugte nichts, die Menschen taugten nichts, keine Illusionen darüber. Natürlich ist Wahrheit schlimmer als Macht, denn Macht kann man bekämpfen. Wahrheit nicht.

Frauen stehen in Zimmern und sagen Hildegard-Sätze vom falschen Dom, in dem man gebetet hat. Man weiß sich ertappt, und man liebt sie dafür, solche Sätze zu hören zu bekommen, zur Verwunderung der Frauen, die sie sagen. Irgendwann wird man dennoch von solchen Frauen gehen, man ist zu schwach, es mit ihnen aufzunehmen und sucht sich etwas Bequemeres; doch das funktioniert nicht, die Erinnerungen spuken weiter an Frauen wie Hildegard.

Immer wird man sie spuken hören, diese Sätze, diese Wörter, diese Buchstaben: Wie sie "Abschlußtest" sagt (jenen, den man nicht bestanden haben wird), das Schluß-T mit einer Extradosis Verachtung, ein Laut, den man ausspucken muß, preußisch eben, offiziershaft, eine Offizierin der Wahrheit.

Am Ende der CD singt Hildegard ihren Standard, "Für mich soll´s rote Rosen regnen", zerbrochener als je zuvor, zwei Strophen lang behält sie den Refrain, den Rosen-Wunsch, bei sich, und erst ganz zum Schluß singt sie ihn doch: "Für mich soll´s rote Rosen regnen". Es hört sich an, als wollte sie etwas ganz anderes, aber das ganz Andere fällt ihr nicht ein, so sagt sie eben "Rosen", das Wünschen hilft schon längst nicht mehr.

Hildegard. Es gibt keine mehr wie sie. Und sie auch nicht mehr lange. Was für eine Schande, was für ein Unglück, was sollen wir machen ohne eine wie sie? Beten. Im falschen Dom, sei´s drum. Für unsere armen Seelen. Und für Hildegard.

Peter Praschl


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