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Ashley Beedle
Grassroots

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Einer der spannenderen Dinge am globalen Erfolg von Kruder & Dorfmeister war, daß es sich bei der Musik, mit der sie berühmt wurden und die seitdem rund um den Globus in Endlosschleife läuft, zum Beispiel im ersten neuseeländischen Laden, den ich je betrat, nicht um ihre eigene handelt (was sie auch nie behauptet haben), sondern um Remixes anderer. Dennoch hält jeder die K&D-Stücke für K&D-Kompositionen, und die Originale würde man vermutlich als Coverversionen wahrnehmen. Nun ist bereits viel über die Kategorien von Remix, Sample, Auflösung der Autorenschaft usw. gesagt worden, aber das alles hat sich bei K&D ad absurdum geführt, denn ein Remix kann keiner mehr sein, wenn das Gemischte völlig verschwunden ist, eine Autorenschaft hat sich erst durch das Remixing und Sampling ergeben, sogar etwas wie ein neues second degree stardom. K & D sind das präzise Gegenteil dessen, was die DJ-Kultur wollte: die Wiedereinführung der Subjektivität und der Geschichte. Was man bei ihnen hört, ist sozusagen die subjektive Reflexion eines Objektiven, der Output eines Input, etwas sehr Innerliches, gleichsam Songlistenertum statt Songwritertum. Wir hören, wie jemand gehört hat, uns wird das Ohr eines anderen übergestülpt. Was wir hören, ist gespeicherte Gefühlsgeschichte.Theweleit hat mal gesagt: jede Schallplatte ist ein Gefühlsspeicher. Nun hören wir anderer Leute Gefühlsspeicher zu, die unsere eigenen Gefühle speichern. Emotionale Zeitschleifen.

Noch einen Schritt weiter geht die neue CD Grass Roots des Londoner DJs Ashley Beedle. Im Untertitel heißt sie: Musical Influences and Inspiration, und genau das ist auch der Inhalt der CD: Stücke, die dem DJ Ashley Beedle aus den verschiedensten Gründen wichtig waren. Unbearbeitet, un-remixed, wie die Tapes, die man Freunden aufnimmt, um ihnen etwas über sich zu sagen, was man nur mit einem solchen Mix sagen kann. Ich weiß also jetzt, daß Ashley Beedle in etwa dasselbe liebt wie ich, Freddie Hubbard zum Beispiel oder Gil Scott-Heron, Chaka Khan oder Gwen McCrae, und schon beginnt mir ein Mensch sympathisch zu werden, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe. Eigentlich würde ich am liebsten nur noch solche CDs hören. In einen Plattenladen gehen, in dem lauter CDs mit musical influences and inspirations auf mich lauern, Francoise Dubois aus Marseille oder Joao Almeido aus Porto, ich säße zu Hause vor dem CD-Player und würde mir anderer Leute Leben vorstellen anhand der Musik, die ihnen etwas bedeutet und anhand weniger Sätze, die sie zu jedem Stück sagen. Ich hätte Hitparaden, die völlig anders sind als alle anderen Hitparaden, und ich würde den einen oder anderen Kompilierer gerne meine eigenen Bänder zurückschicken, und so entstünden aurale Briefwechsel.

Am Anfang jeder Liebesgeschichte, wenn es wirklich eine ist, kommt dieser Augenblick, in dem man musical influences and inspirations austauscht. Burt Bacharach, sagt sie, und schon sieht man sie mit dem Look of Love. Miles Davis, sagt man, und schon weiß sie, er meint es ernst...

Peter Praschl


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