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Letzte Chance
für Triolen

woelk
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Ulrich Woelk, der vor ungefähr zehn Jahren war, was Kracht, Stuckrad, Barre, Naters, Lager, Bessing, Lange etc. heute sind, nämlich "Chronist seiner Generation" (also das Ekeligste, was man sein kann, finde ich), hat nach langem Schweigen leider doch einen Roman geschrieben. Er nennt sich "Liebespaare", erscheint bei Hoffmann und Campe, wo sie anscheinend keine Lektoren mehr haben, und hat es schon Ende Januar auf meine Liste der schlechtesten Bücher 2001 geschafft. Man muss das aber dennoch gelesen haben: Woelks Kombination von muffiger Kulturkritik und verschwitzten Fickpassagen ist noch grotesker als alles, was Botho Strauß je zustande gebracht hat.

Meine Lieblingspassage - die ein neues Sofa-Archiv mit "daneben gegangenen Beschreibungen des Internet in der deutschen zeitgenössischen Literatur" eröffnen soll - handelt vom Netz und ist zugleich eine Einladung zu einem Dreier. Die im wirklichen Leben allerdings jeder ausschlagen würde: mit Leuten, die so reden, kann man nur miesen Sex haben...

Greta nimmt ihr Glas vom Tresen und sagt: "Ich glaube, diese Datennetze sind etwas für Angsthasen und Schlappschwänze."

Nhyre hat in seine Corona-Flasche eine halbe Limettenscheibe gestopft, die jetzt, wenn er die Flasche ansetzt, gefangen gegen deren Hals purzelt, von Bier umspült, ein Stückchen Obst in einem goldenen Käfig. Er sagt: "Auf die Idee, daß die Datennetze einmal zu einem virtuellen Puff werden würden, ist vor zehn Jahren eben niemand gekommen."

"Was man in der Zeitung so liest, geht es aber in einem Puff anständiger zu", sagt Greta. Sie will nicht moralisch sein, und ein flüchtiger Gedanke treibt durch ihr Bewußtsein, daß es nicht nur die Männer sind, die sie langweilen, sondern nicht weniger sie selbst.

Thomas Hoffmann nimmt sein Perrier entgegen und sagt: "Das Internet ist so eine Art Vergrößerungsapparat für das menschliche Bewußtsein, im besonderen für dessen dunkle Seite. In Zukunft ist es nicht mehr möglich, irgend etwas geheim zu halten, und man wird nichts mehr tun können, ohne nicht damit auf einer Website zu landen. (Da hat der Woelk recht, wie ich hier bewiesen habe....PP) Egal, was man so treibt - irgend jemand wird einem dabei zusehen."

Greta schlürft die letzten Reste ihres Bellinis, das mit bleichem Prosecco durchtränkte Pfirsichmus ist süß und zähflüssig und lauwarm. "Na gut, dann eben Angsthasen, Schlappschwänze und Spanner. Man kommt sich ja geradezu blöd vor, wenn man noch normal ist. Vielleicht sollten wir es heute abend zu dritt machen. Wer weiß, wie lange wir noch sicher sein können, daß uns keiner dabei zusieht."

Peter Praschl


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