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Jörg-Uwe Albig:
Velo

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Jörg-Uwe Albig ist nicht nur einer der besten Journalisten in Deutschland (was zu wenige mitbekommen, da er kein Aufheben um sich macht, und da er beschreibt und wahrnimmt, statt Leitartikel zu schreiben), sondern auch ein klasse Romancier, wie man jetzt sehen kann. In "Velo" geht es um einen Berliner Fahrradkurier namens Enzberg, der sich beim Kurierfahren einen imaginären Krieg zurechtdenkt , so eine Art moderne Hobbes-Welt, Leviathan. Körperbeschreibungen: Wie die Enzberg-Haut sich abdichtet gegen den Pöbel da draußen, die Enzberg-Haare sich aufstellen angesichts des Gesocks da draußen, die Enzberg-Muskeln zur Maschine werden, die durch das muskellose Fleisch-Gesindel flitzt. Lauter emotionales Latex, das man sich überzieht [1] - und unter dem man immer hitziger schwitzt. Auch wichtig an Velo: der Stillstand in der Bewegung. Enzberg fährt zwar den ganzen Tag rum in der Stadt, es ist aber, als säße er auf einem Standfahrrad - deswegen ist Albigs Buch irritierend zu lesen, wie eine Reihe von lauter Absatz-Zellen, die von nichts Organischem mehr zusammengehalten werden, lauter Restarts, Remixes, keine Entwicklung. Entwicklung war mal, im XIX. Jahrhundert.

Das Merkwürdigste für mich: in den paar Rezensionen, die ich gelesen habe (und die alle positiv ausfielen), hat niemand auf Hans Magnus Enzensberger geschlossen. Was ja doch sehr nahe liegt. Nicht nur wegen des Namens, sondern wegen der Enzberg-Gedanken, die häufig aus Enzensberger-Texten über die böse, böse Welt stammen, Bürgerkrieg, Nullmaschinen, der Mensch als Belästigung und so weiter. Es fiele überhaupt nicht schwer, Albigs Buch als Buch über die Genese des Reaktionären aus der Geistlosigkeit der Idiosynkrasie bei Enzensberger zu lesen - sei es ironisch, sei es gänzlich unironisch als Schlag, den HME sich schon längst verdient hat. Das macht das Buch gleich nochmal so gut. Ist aber keinem aufgefallen, befürchte ich. Für die meisten ist es bloß noch ein neuer Berlin-Roman. Und das ist Velo glücklicherweise ganz und gar nicht.

Peter Praschl


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