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Mein Selbst,
mein kostbares Selbst

bett
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Da liest man zur Abwechslung einmal wieder ein suhrkamp taschenbuch, Sabine Neumann, Streit, Debüt, wohlwollend besprochen, und dann stösst man gleich wieder auf das ewige Einerlei:

"Sie zog in eine Wohngemeinschaft mit sechs italienischen Studentinnen. Sie schrieb ihm, gestern Abend, als wir zu siebt auf einem der Doppelbetten saßen und Flavia uns aus der Hand las und als ich den Druck von Rosellas Oberschenkel an meinem spürte, habe ich plötzlich gemerkt, daß ich eine Frau küssen will. Ich will begehren, nicht nur begehrt werden. (...) Sie blickte zum Kanal (...) und sagte, ich glaube, ich muß diese Italienerin küssen, ich denke an nichts anderes mehr, ich blicke heimlich durch die gerippte Badezimmertür, wenn sie duscht, ich betrachte die Slips, die sie zum Trocknen aufgehängt hat, ich drehe mich im Bett so, daß ich das glühende Ende ihrer Zigarette im Dunkeln vor dem Einschlafen sehen kann, ich höre auf das Geräusch, mit dem ihr Mund an der Zigarette saugt, ich verfluche die Tatsache, daß sie ihre Kleidung anläßt, wenn sie sich schlafen legt. Es ist schade, sagte er mit hochgezogenen Augenbrauen, daß du in deinem Verfallensein an sie so erbarmungswürdig wirkst, es hat dich banal gemacht, es steht dir schlecht, in dieser Weise verliebt zu sein. Sie schliefen miteinander, bevor er wieder abreiste, in dem viel zu weichen Bett, sie ließen kichernd das verknotete Kondom auf den Boden fallen, sie lagen nackt auf der rauhen Decke und rauchten. Er fragte, denkst du jetzt an sie, wirst du zu ihr gehen und sie küssen, wenn ich abgereist bin, wirst du dich neben sie legen? Ich muß zugeben, ich wäre gerne dabei, ich würde gerne zusehen. Ich würde gerne wissen, wie es aussieht, zwei Frauen im Bett, was machen sie miteinander, ist eine von beiden der Mann, in diesem Fall: du."

Einmal abgesehen vom Mottenkugel-Geruch, der von diesen Sätzen ausgeht, und auch abgesehen von der Beschreibungsunfähigkeit (was heißt zum Beispiel, dass "SIE das Kondom auf den Boden fallen ließEN", ich meine, für so ein Kondom, auch wenn es gefüllt ist, braucht man doch nun wirklich keinen Plural):

Wofür ich heute Abend, ohne Ironie und ohne Hintergedanken, dem Schicksal dankbar bin, ist meine Heterosexualität. Nicht, dass sie so spannend wäre, und auch nicht, dass ich mit ihr besonders viel anzufangen wüsste (ganz normaler langweiliger, befriedigender, doch nicht weiter erwähnenswerter so-gut-wie-ehelicher Sex, falls es jemanden interessieren sollte), aber ich bin sicher, dass ich als schwuler Mann, oder auch als lesbische Frau, es schwer fände, nicht unaufhörlich muffig zu sein über eine Dumpfbacken-Kultur, zu deren neueren Ritualen es gehört, sich die Homosexualität als Fünf-Minuten-Versuchung und Zwischendurch-Prickeln zu gönnen. All die schwulen Nebenfiguren, die Schwenkfutter-Lesben in den Komödien und Fernsehserien, all die gut gelaunten Huch-Homosexuellen, die schrillen Transen, die LipChic-Lesben, die so vorhersagbar geworden sind wie Piercings, Tattoos und die "Ich bin eben so, aber ich steh dazu"-Bekenntnisse sind kein Indiz für die wachsende Toleranz dieser Kultur, sondern nur eines für ihren wachsenden Kannibalismus: Wir sind so frei, wir stellen uns sogar ein paar Augenblicke vor, mit euch ins Bett zu gehen, warum denn nicht, wir können nicht nur bungeejumpen, sondern uns auch das Schwulsein vorstellen, haha, hihi. Möchte man jemand sein, von dem sich Idioten vorstellen, man könnte ihrem köstlichen Selbst förderlich sein, ihrer Selbsterfahrung, ihrer Identitäts-Politik, die jeden gefangen nimmt, der in die Nähe kommt?

Ich jedenfalls bin glücklich, dass meine sexuelle Orientierung so langweilig ist wie der Begriff "sexuelle Orientierung". Bei mir kommt keiner auf blöde Ideen: Gut so.

Peter Praschl


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