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Schnitzler:
Traumnovelle

traumnovelle
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Die Traumnovelle mußte ich noch einmal lesen, weil ich es nicht fassen konnte, wieviele Rezensenten (selbst Seeßlen, der beste) den Kubrick-Film nicht nur für gut, sondern auch für erstaunlich werkgetreu befanden. Die Lektüre versöhnte mich sofort wieder mit meinen Idiosynkrasien (ich war nach etwa 20 Minuten aus der Pressevorführung von "Eyes Wide Shut" geflohen, weil ich das Schmierentheater von Tom Cruise keine Sekunde länger ertragen hätte). Kubrick hat mit Schnitzler so viel zu tun wie, sagen wir, Christian Kracht mit Salinger. Die Differenzen liegen nicht im Graduellen, sondern im Prinzipiellen, in dem, was man in der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts noch den Geist eines Kunstwerks nannte.

Bei Schnitzler geht es um Mimesis ans Nicht-Ich, um Anziehungskräfte, um Kontrollverlust; bei Kubrick geht es ums genaue Gegenteil: um die Selbstbehauptung, ums Panzern von Subjektivität, um die Wiedererlangung der Kontrolle. Die berühmte Badezimmerszene in Eyes Wide Shut ist purer 70er-Jahre-Selbsterfahrungs-Konkurrenzkampf, der damit endet, daß ein blöder Typ auszieht, um seine Frau zu überbieten, all das, sehr kleinbürgerlich, das Kompetitive, das längst das Beziehungsgefängnis erreicht hat, in dem die beiden Gefangenen nun einander ihre Möglichkeiten um die Ohren hauen - ich hätte noch viel besser fremdgehen können als du. Bei Kubrick ist das Erotische [1] bloß etwas wie eine Betriebsstörung - nicht wie bei Schnitzler entweder eine Betriebsstillegung; oder der Anfang einer Erkenntnis, die zu erlangen man erst mal sich selbst verlieren muß. Bei Schnitzler könnten wir (wenn wir daran noch interessiert wären) lernen, was Psychoanalyse einmal hätte werden können: ein bestimmter mutiger Blick, der einem etwas beibringt über die Abgründe des eigenen Ich, der einen versöhnen könnte mit dem Unidentischen der eigenen Subjektivität, der sich selbst aufklärt. Bei Kubrick sehen wir, was aus der Analyse geworden ist: ein workout zur Optimierung kleinbürgerlicher Individuen [2], damit man wieder Let´s Fuck zueinander sagen kann. Darauf fällt einem ja nur ein: So what? Und deswegen dieser ganze Mumpitz? Wenn schon Taumel, dann sollte er doch wenigstens taumeln. Aber vermutlich ahnten sie im ersten Viertel des Jahrhunderts mehr davon als im letzten.

Peter Praschl


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