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Peter Rühmkorf:
Die Jahre, die ihr kennt

ruehmkorf
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Der 70. Geburtstag Rühmkorfs [1], ein schöner Anlaß, seine Autobiografie aus dem Jahr 1972 wiederzulesen, damals war er 43. "Die Jahre, die ihr kennt", soviel steht nach einigen Seiten fest, sind noch eitler als in diesem Genre sowieso üblich: R, der instinktiv antifaschistische Knabe, der hungernde Underground-Dandy, der sich nicht beeirren ließ, der Blitzkneisser, wie man in Österreich sagt, immer alles richtig gemacht, nie Irrtümer begangen. Man weiß nicht, was schlimmer ist: die Lückenlosigkeit des Selbstlobs oder die Kläglichkeit der Triumphe, denen es gilt. Ein Beispiel: R bringt es zustande, einen Briefwechsel mit Enzensberger zu veröffentlichen, in dem er, damals Rowohlt-Lektor, den Abdruck einer von Nelly Sachs besorgten Anthologie schwedischer Lyrik ablehnt, für die HME, damals Suhrkamp-Lektor, sich verwandt hatte. Was er damit sagen will? Na ja, daß er, Rühmkorf, niemandem Gefälligkeiten erwies, unbestechlich war, sogar seinen Genossen gegenüber (das wird man ja in seiner Autobiografie doch wohl erwähnen dürfen...). Ebenso peinlich: Rühmkorf druckt einen miserablen Artikel ab, den er für eine Adorno-Festschrift geschrieben hat, Inhalt: nach Auschwitz ist Lyrik doch möglich, jedenfalls seine eigene. Adorno hat ihm darauf geantwortet, höflich und gründlich, wie Adorno immer gewesen ist, und auch das zu veröffentlichen hat sich R nicht entgehen lassen. Das muß man sich mal vorstellen: Ein deutscher Schriftsteller, der Seite für Seite prahlt, wie revolutionär er doch ist, hält sowohl seine Geschäftskorrespondenz als auch gute Zensuren für erwähnenswert; sonst bringen derlei ja nur Beamte zuwege ("der Herr Senatsdirektor hat mir damals einen lobenden Brief geschrieben, wir zitieren das mal auf den nächsten 5 Seiten"...). Sonst noch drin: sauschlechte Gedichte, bei deren Lektüre man sich fragt, warum man den für einen Lyriker hält (na gut, sagt man ja auch Heine nach...) und Bemerkungen von der Art "ich habe mich unter größten Skrupeln doch noch einmal durchgerungen, die SPD zu wählen". Und die Erzählung von einer Kundgebung [2] anläßlich der Ermordung Benno Ohnsorgs, bei der außer ihm von der Hamburger Literaturprominenz sich niemand blicken ließ, kein Reich-Ranicki, kein Augstein, keiner.  Nur er natürlich, Rühmkorf höchstselbst [3]. Da zieht jemand, wie es so schön heißt: Bilanz. Und wie in jede Bilanz im Kapitalismus kommt ein Nullsummenspiel heraus, und gleichzeitig ist er auf die Gewinne stolz; der übliche triste Trick; nur daß es beim Unternehmen Rühmkorf nichts zu enteignen gibt. Der Mann war immer klein. Und das einzige, was groß war an ihm, sein Buch "Über das Volksvermögen" war selbst eine Enteignung: klasse Kinderverse, miese Kommentare. Ratet mal, was vom Volk [4] kam und was von seinem Interpreten...

Peter Praschl


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