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Kursbuch

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Für 150 Mark habe ich die Kursbücher No. 2 - 120 antiquarisch gekauft, inklusive der Kursbögen. Nun sitze ich da und weiß nicht, wo ich anfangen soll mit dem Lesen. Auf den ersten Blick am schönsten die Jugendsünden [1]: Harald Wieser, der heute Harald Juhnke ghostet, über proletarische Kindheit, HME, der sich heute in Salzburg als Dichter inszenieren läßt, als Dichtungs-Vernichter, Rainald Goetz mit einem Aufsatz über Adressenhändler, der unvermeidliche Peter Schneider, mit einem Haufen revolutionärer Brandtexte usw. Die besten Funde werde ich auf dem Sofa natürlich mitteilen. Soll ja jeder was davon haben.

Noch etwas, was ich, über 120 Bänden sitzend, feststellte: je hungriger sich die literarische Linke der (von ihr immer nur postulierten) Sinnlichkeit zuwendet - also Aufsätze über das Glück und das Lieben statt über den bewaffneten Kampf und die Eigentumsverhältnisse in der BRD - desto geschmackloser wird sie. Ab einem bestimmten historischen Moment (TuNix-Kongreß? Mescalero-Affäre?) wird das diskrete frühe Willy-Fleckhaus-Layout verhunzt von verspielten Typografien, schlechten Illus gleich auf dem Cover, später dann sogar Fotos und Schrift mit Schattenwurf. Irgend etwas sagt das aus, aber ich weiß noch nicht wirklich, was. Zweitens: das Logorrhöische. Über noch das nebensächlichste Thema werden argumentationsmanische Aufsätze von 20, 30 Seiten abgesondert, in denen alles, was man macht, unendlich fein begründet wird - und nie erzählt. Man versteht sofort, wie Handke 1967 beim Kongreß der Gruppe 47 in Austin/Texas auf das Urteil "Beschreibungsimpotenz" kam. Beispiel: Ein Artikel eines gewissen "Red Collective" aus den USA, in dem ein Mann und zwei Frauen, die mit ihm schlafen, erklären, warum diese Dreierbeziehung extrem viel mit ihrem politischen Kampf und ihrem Widerstand gegen bürgerliche Moral usw. zu tun hat - und kein einziges Mal mit Anziehung, Verliebtheit, Verhängnis und was einem sonst noch als guter Grund für eine ménage à trois einfiele. Die Verwandlung der Welt in Begründungszusammenhänge, gut abgefedert. Das exakte Gegenteil dessen, was Essays sind: In denen wird das Ephemere illuminiert statt deduziert. So kommt der Geist in die Welt statt immer bloß sich selbst auszulegen....

Drittens: Die Verengung des Geistes nach 1968/69. In den ersten Kursbüchern noch Diskussionen des Strukturalismus, Literatur (Sanguinetti! Ror Wolf!), alternative Revolutionstheorien (Fanon!). In den 70ern dann: die Sterilität des Rechthabens, sozialistisches Kindererziehen, sozialistisches Ficken usw., stets mit schlechtem Gewissen, weil man ja Kleinbürger ist und gar nicht authentisch sozialistisch sein kann. Ab dem Deutschen Herbst dann: Katzenjammer, Denunziation der eigenen Vergangenheit usw. Immer geht es aber darum: sich zu beziehen, Positionen einzunehmen, Begründungen zu liefern. Was für eine Vergeudung (leider keine luxurierende, gegen die hätte man ja nichts). Und warum konnten die nicht einfach: nachdenken?

Peter Praschl


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