logo 190
nav300
 
190

Michel Houellebecq:
Elementarteilchen

houellebecq
190 300

Über Houellebecq wird man reden müssen, nicht nur über sein Buch, sondern auch über den Erfolg [1], den es bei Leuten hat, die sich sonst verläßlich nicht auf Urteile einigen könnten.

Für alle, die die "Elementarteilchen" nicht gelesen haben, hier eine kleine Nacherzählung, die zugegebenermaßen nur ein Remix ist, und schon deswegen H. nicht gerecht werden kann; andererseits ist jede Lektüre immer nur Remix.

"Elementarteilchen" ist die Doppelbiographie zweier Halbbrüder, verfaßt in einer mittelfernen Zukunft, in der die letzten einander noch sexuell reproduzierenden Menschen gerade im Aussterben begriffen sind (und dieses Aussterben stoisch als Fatum akzeptieren), erzählt von anonymen Post-Menschen, die auf sexuelle Reproduktion nicht mehr angewiesen sind, sich durch Klonierung vermehren und von diversen unangenehmen menschlichen Eigenschaften (wie Individualismus) befreit sind. Es handelt sich sozusagen um eine Schöpfungsgeschichte - denn der eine der beiden Brüder, Michel, hat jene Entdeckung gemacht, durch die die Nach-Menschen, erst in die Welt gekommen sind; sozusagen Genesis und Genetik [2] zusammengedacht. Das alles allerdings erfährt man erst durch ein Postskriptum [3], die Nachrede der "Elementarteilchen", der Roman selbst hat einen anderen Duktus als den der Genesis.

Von vorne gelesen also handelt es sich um die Geschichte zweier Halbbrüder, beginnend mit den Endneunzigern, als beide knapp über 40 sind, dann zwischen Vergangenheit und Gegenwart springend. Der eine: Michel, Biogenetiker mit einer profunden Ausbildung als Physiker, von einer Aureole der Einsamkeit umgeben, unfähig zu sexueller Erregung, wie unter einer Glasglocke lebend, nicht nur völlig asexuell, sondern auch asozial (nicht anti-sozial, nur Faschisten begreifen den Unterschied nicht...). Der andere: Bruno, ein ehemaliger Lehrer, nun in einer nationalen Lehrplankommission tätig, wird von Kindheit an überflutet von der Begierde nach Sex: permanente Phantasmen, holt sich dauernd einen runter, gibt die Hälfte seines Einkommens für Prostituierte aus, hätte am liebsten Tittenficks, kriegt er aber nicht, stattdessen nur Lutschpartien (ich verwende hier das Vokabular des Romans...), Penetration dagegen macht ihn nicht scharf, kein Erregungspotential. Bruno hat keinen regulären Significant Other, wie die Amerikaner so schön sagen, dazu wäre er auch nicht fähig, wie sein Halbbruder ist er völlig unfähig to connect, kein Anschluß unter diesem Menschen, völlige Einsamkeit. Sein Sex spielt sich im wesentlichen onanistisch ab, er wichst ununterbrochen, auch in den Klassen, in denen er unterrichtet, oder im Bus, unter, hinter Zeitungen, völlig automatisiert; und, of course, je jünger die Frauen, desto mehr Wichsen, alles, was jenseits der 30 ist, ist ihm kein Wunschstoff mehr.

Beide, Michel wie Bruno, haben eine traumatisierende Kindheit hinter sich: Sie sind sozusagen Unfälle der sexuellen Revolution der 68er, Produkte von libertären Wegwerfbeziehungen, bald nach der Geburt zu zwei verschiedenen Großmüttern abgeschoben. Die Mutter Brunos und Michels ist eine Art Hippieschlampe, die sich der New Age Bewegung in der Esalen-Variante anschließt, Kinder bei der Selbstverwirklichung nicht brauchen kann usw.. Die Väter kommen ein wenig besser weg, sie haben immerhin Schuldgefühle. Getrennt, ohne einander zu kennen, bei den älter, müder, immer abgearbeiteter werdenden Großmüttern werden beide zu kontaktgestörten Omega-Tieren, erst recht, nachdem die Großmütter sterben. Bruno wird im Internat gefoltert, Michel zum wißbegierigen Hochbegabten. Michel hat eine Freundin, die ihn aus mysteriösen Gründen liebt, stets unerwidert, weil er sich nicht traut, die Kluft zwischen ihm und einem anderen Menschen zu überspringen. Sie ist ihm dennoch treu, bis sie sich irgendwann aus Erschöpfungsverzweiflung von einem Nachwuchsrockmusiker deflorieren läßt (der später Satanist in Kalifornien wird, snuff movies dreht, als eine Art Manson-Epigone in den Knast geht, eines der erzählerischen Gesetze Hs ist es, immer noch eins draufzuballern....). Bruno wird anders von den Frauen abgeschottet: Er versucht einmal, einem an ihm interessierten Mädchen die Hand gleich auf den Schenkel zu legen, statt auf die Hand, sie weist ihn ab, keine Chance mehr. Er hat alles durch eine falsche, zu offensive Geste zerstört, später wird er das als seine Ur-Szene begreifen.

Das Leben geht weiter, unglücklicherweise. Michel wird zum genialen Wissenschaftler, Bruno heiratet eine in sich vergrabene Kleinbürgerin, auch Lehrerin, die er schwängert. Danach kein Interesse mehr an ihr, ihr Körper wird alt, taugt ihm nichts mehr als Begierdenmaterial. Irgendwann kann er sich nicht mehr kontrollieren, belästigt eine seiner Schülerinnen, indem er sich vor ihr entblößt, schließlich ein Nervenzusammenbruch, Psychiatrierung, erzwungener Jobwechsel von der Front in die Administration.

Manchmal treffen sich die beiden Brüder in ihren banlieu-Appartements, reden lustlos miteinander, Bruno hält Monologe über sein verpfuschtes Leben, Michel hört verwundert zu, er hat noch weniger Impulse der Welt gegenüber. In den Dialogen beider sintert sich eine Weltsicht ab: die sexuelle Revolution, der Materialismus, der Konsumismus, die Pille, das Rockstartum usw. haben alles versaut, die Welt geht über den Jordan, es gibt kein framework mehr, in dem der Mensch sich auslegen kann, Geschichte und Sinn sind gelöscht. Gelegentlich hört sich das alles an wie der Schiß eines, der nicht mehr mitkommt mit den neuen Zuständen, reaktionärer Zivilisationsverachtung durchmischt mit nackter Panik. Aber wie immer, wenn Panik nackt ist, hat sie ihre hellen Momente.

Eine kurze Zeitlang ergibt sich für beide die Möglichkeit, aus ihren jeweiligen Käfigen zu entkommen. Bruno lernt in einem Nudistencamp eine Frau kennen, die sich sowohl auf Sex als auch auf eine Liebe mit ihm einläßt. Sie beginnen, gemeinsam Swingerclubs zu besuchen, sie läßt sich reihum durchknallen, er lernt den Sex kennen, von dem er immer bloß fantasiert hat, sie kommunizieren über ihre Gefühle, eine Art Utopie, in der ein gemeinsames Leben möglich erscheint. Michel trifft bei einem Besuch im Dorf seiner Großmutter, deren Grab versetzt wird, seine Jugendliebe wieder: gegenseitige Lebensbeichten, sie ziehen zusammen, leben miteinander, beide ramponiert, beide füreinander in ihrer Ramponiertheit, eine Art erschöpfter Liebe, nachts liegen sie aneinandergeschmiegt im Bett, Restwärme gegen die Kälte da draußen, da drinnen. Beider Beziehungen gehen schief: Bei Brunos Freundin bricht während eines Gang Bangs eine Nekrose aus, ihre Beine sind gelähmt, sie ist in den Rollstuhl verdammt, keine Swingerclubs mehr. Bruno meldet sich nicht bei ihr, sie bringt sich um. Michels Freundin dagegen bekommt es Gebärmutterkrebs zu tun, Selbstmordversuch mit Tabletten, ein paar Tage Koma, dann ist auch sie tot. Schließlich stirbt auch noch die Mutter. Beide Söhne kommen, um sie ein letztes Mal zu sehen: eine alte verbrauchte entkräftete Schlampe, umgeben von abgefuckten Hippies in irgendeinem Kaff in der Nähe Nizzas.

Bruno wird sein Leben in der Psychiatrie beenden, das Lithium stellt seine Begierden ruhig. Michel dagegen geht nach Irland, führt an einem mit Cray-Rechnern ausgestatteten Labor Experimente zur Genreplikation durch, entwickelt ein Verfahren, das die stabile Klonierung von Menschen ermöglicht. Nebenbei verfaßt er eine Art Konvolut aus wissenschaftlichen Überlegungen, persönlichen Bemerkungen, philosophischen Erwägungen. Meditationen eben, man muß dabei an den Wittgenstein der letzten Jahre denken, das Ganze nennt sich Clifden Notes (ein schöner Ort übrigens, ich was da auch mal zwei Wochen lang, mit 17). Deren ideelle Substanz wird von einem gewissen Hubczejak jahrelang ediert und popularisiert, zu einer Art Wissenschaftsreligion kondensiert. Schließlich kommt es zur ersten gelungenen Replikation des Postmenschen, von der Unesco unterstützt: der Mensch kloniert sich seine eigenen Nachfolger, eine neue Species übernimmt die Macht, die Menschen sind im Aussterben begriffen, keine Chance mehr, sie nehmen es hin, sie können nicht anders, die Evolution muß weitermachen.

So ungefähr geht die Geschichte, die Houellebecq erzählt, obwohl erzählen nicht ganz das richtige Wort ist, dafür ist die Konstruktion viel zu fadenscheinig, der Stoff zu sehr Trash. Zwischendrin immer wissenschaftliche und ideologiekritische Einschübe, an den Stellen, an denen Houellebecq die Geschichte nicht mehr aus seinen Modellfiguren heraus weiterentwickeln kann, sozusagen Behauptungen ex machina, weil die Geschichte es selbst nicht mehr hergibt, er möchte ja Sinn machen und es nicht bloß bei einer Geschichte bewenden lassen. Es ist, als läse man nicht nur eine Parabel, sondern gleichzeitig auch ihre Moral, und als würde einem diese Moral mit beiden Fäusten ins Gehirn geprügelt - ja, will man sagen, hab schon kapiert. Ich kritisiere das nicht, ich konstatiere es nur: möglicherweise verhält es sich ja wirklich so, daß die Form des Romans nichts mehr taugt, um Gehalte zu vermitteln, was unter anderem daran liegen könnte, daß es die Subjekte nicht mehr gibt, mit denen man die Erzählmaschine des Romans in Gang setzen könnte; insofern wäre Houellebecq nur realistisch, und das ehrt ihn, falls es so ist.

Hier nun einige Beobachtungen, mit denen man möglicherweise etwas anfangen kann:

1. Bei den beiden Leuten, die die Überwindung des Menschen in Gang bringen - der eine als Untergangsprophet, der andere als wissenschaftlicher Ermöglicher des Neustarts - handelt es sich um zwei Totalversager, zwei komplette Loser. Das ist unter anderem deswegen eine interessante Vision, weil sie beängstigend ist. Ich jedenfalls will nicht von Typen erlöst werden, die gleich die Menschheit abschaffen, ersetzen, überwinden wollen, weil sie selbst unfähig sind, ein einigermaßen gelungenes Leben hinzukriegen. Riecht nach verbrannter Erde, finde ich, und der letzte, der das versucht hat, war bekanntlich Hitler. Von der Faschismuskeule abgesehen (die allerdings gelegentlich als Schlaginstrument immer noch taugt), erzeugt es jedenfalls einen begründeten Anfangsverdacht, wenn die Utopien der Realitätsvernichtung aus dem Unvermögen geboren werden, mit dieser Realität auch nur halbwegs klarzukommen. Natürlich könnte man einwenden, daß gerade die Verlierer am klarsichtigsten sind, da sie nie die Gelegenheit hatten, kompromittiert zu werden. Aber diesen Einwand auf jemanden anzuwenden, der zum Beispiel Sex für abschaffungswürdig erklärt, weil er selbst erstens noch nicht mal eine halbwegs anständige Erektion zuwege bringt, zweitens mit weiblichen Genitalien nicht klarkommt und drittens seinen Bruder an eine komplett sinnlose sexuelle Raserei verloren hat, ist, nun ja, ein wenig abgeschmackt. Sonst tun das nur katholische Priester, und von denen ließen wir uns ja auch nicht raten, in diesen Dingen jedenfalls, nicht wahr?

2. Houellebecq ist ein Mann, der gern Frauen tötet. Er hat das schon in der "Ausweitung der Kampfzone" gemacht und betreibt es nun in den "Elementarteilchen" in noch größerem Maßstab, fast seriell. Na klar weiß ich, daß Romane nicht mit ihren Autoren identisch sind, aber so unidentisch sind sie auch wieder nicht. Dem Leser bleibt es ja unbenommen, an jeder einzelnen Stelle in einem Roman darüber nachzudenken, wohin man an ihr auch gehen könnte (wer schreibt, weiß: jedes Wort, jeder Satz ist eine Abzweigung, und man könnte auch in die andere Richtung). Wohin Houllebecq geht, ist immer in die kurzen Inquisitions-Prozesse gegen die Frau; sie bekommen Krebs, Nekrosen, sterben Tode, in denen der weibliche Körper sich zersetzt. In den "Elementarteilchen" wabert unablässig dieses Phantasma der Auflösung des weiblichen Körpers. Michel stellt sich die Würmer vor, die seine Oma zerfressen, Bruno nimmt nur die Vernichtung der Schönheit war; Frauen über 40 haben die "Möse einer alten Frau", "wenn sie auf dem Bauch liegen, sieht man die Cellulite, wenn sie auf dem Rücken liegen, die Schwangerschaftsstreifen". Läuft alles auf Tod hinaus. Houellebecq muß sich der Frau sofort wieder entledigen, sie aus dem Roman raussterben lassen, sonst funktioniert die Maschine nicht, die er in Gang gesetzt hat.

3. Was mitsamt den Frauen rausgeschrieben wird: ist die Alternative der Zivilisiertheit. Man könnte auch: Liebe dazu sagen. An manchen Passagen in der Mitte des Buchs sind die "Elementarteilchen" fast in Gefahr, zu einem Liebesroman zu werden. Zwei Paare, die es versuchen, das Leben, trotz allem, die Arbeit leisten, Liebes-Arbeit. Man merkt es daran, daß beide Männer sich bemühen, sexuell "kompatibel" zu werden, Wünsche zu erfüllen; es klappt auch in Ansätzen. Das, die Arbeit, das Prozedurale, das Immerwiedervonvorne, allerdings genügt Houellebecq nicht. Als würde es ihn langweilen, muß er reinhauen, töten, nicht nur die Frauen, sondern auch das, was die Männer vielleicht schon gelernt haben könnten in der Liebes-Arbeit, und dann gleich das gesamte Menschengeschlecht. Hört sich ein wenig so an wie das Drama des begabten Kindes. Ist auch so. Ein wenig abgeschmackt, sehr eingängig, sehr folgerichtig. Folgerichtigkeiten sind nie zivilisiert, jedenfalls nicht zivilisiert genug.

4. Der Tod der Genitalien. Bei Houellebecq sind die Leiber, seine Organe, seine Glieder nicht trunken, nie. Immer nur tot. Sie werden immer nur, auch von denen, zu denen sie gehören, von außen betrachtet, als gehörten sie nicht zum Körper, weder zum eigenen, noch zu dem, den man liebt. Im Kopf sind bloß Geschmacksmuster, denen die Wirklichkeit zu genügen hat, was sie aber nicht tut. Reine Formen, platonische Ideen, mit denen die traurige Realität nicht mitkommt, Schwänze sind immer zu klein, zu schlaff, zu mickrig, Schamlippen zu groß, Brüste zu schlaff. Nur junge Frauen, Mädchen haben "richtige" Mösen. Eine Wahrnehmung, die nie erwachsen geworden ist: alles soll so aussehen wie man sich das vorgestellt hat, als man das erste mal drüber nachgedacht hat, wie sich Mädchen und Jungs voneinander unterscheiden, grandios, erlösend, perfekt. Sehr merkwürdig.

5. Immer bei Houellebecq: Müdigkeit, Erschöpfung. Männer, die nicht mehr können, die ein Sabbatjahr nehmen müssen, 40 geworden sind, nichts mehr taugen. Und dann schaffen sie die Menschheit ab. Aus purer Müdigkeit. Ich vermute hier, ohne groß Indizien beizubringen, daß viele Männer Ende des Jahrtausends genauso ticken: sie können nicht mehr, sie sind ausgebrannt, und deswegen muß der ganze Scheiß weg. Rührend irgendwie. Und noch viel beängstigender.

Peter Praschl


190 index