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Gebrüder Grimm:
Deutsches Wörterbuch

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Die Erotik des Bücherkaufens wird nicht genügend gewürdigt. Eine solche Feststellung von alttestamentarischer Strenge will natürlich umgehend & nachvollziehbar begründet sein. Alsdann:
Das stimmt einfach!
Ich habe mir gerade im Buchladen meiner Wahl - nicht zu groß, nicht zu klein - ein Buch bestellt. Der Verkäufer hat mich anerkennend angeschaut und ist dann zum Computer geschritten. Ja! Lieferbar! Innert [1]  zwei Tagen!
Jetzt kommt der Clou, der den Könner vom Käufer scheidet: Wenn der errechnete Abholtag ein Mittwoch ist, geht man aus zwei Gründen garantiert nicht an diesem Mittwoch hin:
1.) Vorfreude verlängern!, ein uralter Brauch unter Männern. (Frauen haben für sowas zu schwache Nerven.)
2.) Wenn sich irgendwas verzögert, ist die Enttäuschung nahezu nicht zu schultern!, jedenfalls für Männer. (Frauen haben bei sowas starke Nerven.)

Geradezu gigantisch wird die Vorfreude, wenn man das
"Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm"
bestellt hat. Die Freude wird auch dadurch nicht geschmälert, daß man die 33 (!) Bände erst dann ausgehändigt bekommt, wenn man 999 Tacken (sowas wie "Marie") auf die Theke gelegt hat, verbunden mit dem neckischen Spruch des Bücherwurms, für das Wechselgeld gäb´s aber noch keinen Krimi...
Wie, bitte, werden einem derlei Genüsse zuteil, wenn man bei amazone, komm! bestellt!?

Soviel zur Vorrede.

Das Grimm´sche Wörterbuch ist auch für Menschen, die nicht so lexikonophil sind wie meine Mutter ihrm Sohn, eine Wundertüte. Der jetzige 999-Mark-Reprint von dtv ist in wunderedlem Blau gehalten, mit jeweils den Grimm´schen im aristokratisch-seitlichen Porträt auf dem Cover.
"Band 22
Treib-Tz" -
ist das nicht schon Lürick pur?
Okay, man muß sich ein wenig einlesen in die verwinkelte Sprache und das altdeutsche Schriftbild, aber das geht schnell an langen Winterabenden im ereignisarmen Obernkirchen.
Halt die Luft an, Leser, jetzt kommt ein Auszug aus dem Vorwort, der die volle Bedeutungsschwangerschaft des Projekts verdeutlicht:

"Das Erscheinen dieses Bandes hat sich wider Erwarten um ein volles Jahrzent verzögert [2]. 1930 wurde er von den Mitarbeitern der soeben gegründeten Berliner Arbeitsstelle in Angriff genommen. Bis zum Jahre 1940 erschienen in gleichmäßiger Folge neun Lieferungen. Dann stockte die Veröffentlichung ; [3] denn mittlerweile hatte der Krieg die Reihen der Mitarbeiter so sehr gelichtet, daß mit einem Abschluß vor Kriegsende nicht mehr gerechnet werden konnte. Nach dem Krieg bedurfte es erst der Bildung eines neuen Arbeitsstabes, der die Arbeit wieder aufnehmen und zu Ende führen konnte. So ist denn dieser Band mehr noch als der voraufgehende das Werk vieler Hände geworden. Wenn er trotzdem nach Form und Inhalt ein gleichmäßiges Gepräge [4] trägt, so kommt darin die feste Arbeitstradition zum Ausdruck, die den alten und neuen Arbeitskreis verbindet [5] .
Das landschaftlich gebundene Sprachgut, das an dieser Stelle des Alphabets in besonderer Dichte auftritt, verlangte zusätzliche Aufnahme. Mit gewichtigen Wörtern der Schriftsprache wie Treue, Trost, Trug, tüchtig, Tugend [6] vereinigt daher dieser Band eine Fülle von Funden aus tieferer Sprachschicht.
W. Wissmann überprüfte die etymologischen Köpfe und formte sie zum Teil neu [7]. Bei den Pflanzennamen stand H. Marzell den Mitarbeitern helfend und beratend zur Seite.
Berlin, im Dezember 1952
Theodor Frings
als Direktor des Instituts für Deutsche Sprache und Literatur bei der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin
Bernhard Beckmann
als Leiter der Arbeitsstelle des Deutschen Wörterbuches zu Berlin

Heiliger Marzell, König der Botanisierer!

Lange habe ich mit mir gerungen, welche Grimm´sche Preziose ich hier beispielhaft präsentiere; das ist nämlich eigentlich ein Buch für Lemmy & die Schmöker [8]  und nicht so sehr für ergebnisorientierte Aufdenpunktleser. Also:

Trottoir, n.: "erhöhter teil der strasze, der für die fuszgänger bestimmt ist. die brücke hat einen gepflasterten fahrweg und zwei erhöhte, mit fliesen ausgelegte trottoirs für die fuszgänger" (aus: Chr. Fr. Schulz: "Reise eines Livländers", 1793). am ende des 18. jahrhunderts aus dem französischen trottoir entlehnt; seiner einbürgerung kam der anklang an "trotten" entgegen. seit dem weltkriege hat trottoir durch "bürgersteig", teilweise auch durch das amtssprachliche "gehbahn" starke einbuße erlitten.

Ach ja: Der Eintrag zu Treue (und allen Zusammensetzungen von Treu-) erstreckt sich von Seite 243 bis auf Seite 398!!! Soviel zur deutschen Seele.

Arne Boecker


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