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Karen Duve
kann nicht aufhören

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Karen Duve hat das Pech, gemeinsam mit Benjamin Stuckrad-Barre und Elke Naters auf dem Cover jenes Spiegel gewesen zu sein, der einen Sonderteil lang Blech über die Neueste Deutsche Literatur getrommelt hat. Jetzt halten die Menschen, denen Hypes auf den Geist gehen, sie für eine von denen.

Ist sie aber nicht. Karen Duve ist eine hervorragende Erzählerin mit einer recht ungewöhnlichen Eigenschaft: Sie kann gut erzählen, aber sie kann nicht gut zu erzählen aufhören. Sie weiß nicht, wie sie aus ihren eigenen Geschichten wieder herauskommt. Im neuen Suhrkamp-Band Keine Ahnung merkt man das bei mindestens der Hälfte ihrer Stories. Zum Beispiel gibt es da eine Kindertraumageschichte mit dem schönen Titel Die Strumpfhose, in der eine sich daran erinnert, wie sie als kleine Schwester bei einer Freundin der großen bösen Schwester auf den Teppich gepißt hat; zu feige gewesen, den Mund aufzumachen, und die böse große Schwester hat nicht geguckt, und dann war alles zu spät und lief durch die weiße dicke Wollstrumpfhose, die man bei Mutterstrafe nicht einsauen durfte, auf den schönen Teppich. Einer, er ist schon acht, erbarmt sich des Mädchens und sagt, nicht altersgemäß weise: ,,Wir müssen sie nach Hause bringen, damit sie sich nicht erkältet. Ich kann sie hinten auf meinem Gepäckträger mitnehmen". Abfahrt: ,,Jedenfalls saß ich dann auf seinem Gepäcktträger, was wegen der verrutschten Strumpfhose nicht ganz einfach war, und hielt mich an seinen Hüften fest. Ich verliebte mich, fünfjährig, natürlich in diesen Achtjährigen, verliebte mich in den Glanz von Märchen und Männlichkeit, der ihn umgab". Selbst dieser Schluß ist schon vergeigt, wegen der jedenfalls und natürlich, die mit erwachsenem Kurve-Kratzen die straighte Erzählhaltung ruinieren, die bis dahin geherrscht hat. Duve hängt aber noch einen Absatz dran:

,,Doch während ich diese Geschichte aufschreibe, mich zu erinnern bemühe und meine Fahrt auf dem Gepäckträger noch einmal vor mein inneres Auge rufe, da sehe ich den Jungen und mich allerdings durch eine Straße fahren, die eindeutig nicht auf dem direkten Weg zu meinem nur fünfhundert Meter entfernten Elternhaus liegt. Er hätte linksherum fahren müssen, durch den Weidenredder; er ist die Olendeelskoppel aber rechtsrum gefahren und dann durch den Bargweg und den ganzen Treudelberg hinunter. Jetzt, nach dreißig Jahren, fällt mir das auf. Der Junge ist einen riesigen Umweg gefahren. Nimmt ihm das etwas von seinem Glanz? Wohl kaum."

Inneres Auge, in Erinnerung rufen, allerdings, wohl kaum: Mühsamer kann man aus einem Text gar nicht hinaus. So geht es bei Duve immer wieder zu. Das nimmt ihr eindeutig nichts von ihrem Glanz. Denn das Nicht-Aufhören-Können ist ein Gesetz ihres Erzählens. Immer noch ein Addendum, ein Postscriptum, ein Weiter, das ihr noch einfällt, unbedingt auch noch erwähnt werden muß, über alle Pointen weitergeknüpft. Man könnte dazu viel Geschichtsphilosophisches sagen und würde doch nur verlacht werden, weil man so viel in ihren Texten entdeckt zu haben vermeint.

Also sage ich nichts und stelle mir Karen Duve vor, wie sie vor lauter grandiosen Anfängen [1] sitzt, nie Angst haben muß vor dem leeren weißen Block Papier, keine Ahnung von writer´s block hat - und wie sie dann, Seiten später, sich dazu zwingt. ihrem Erzählen in den Arm zu fallen, keine Ahnung, wie, einfach aufhören, irgendwann muß ja Schluß sein, da kommt aber schon eine neue Geschichte daher. Jetzt aber Schluß.

Peter Praschl


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