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Version 1.0: Charles &
Ray Eames über Computer

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Charles und Ray Eames, hinter George Nelson auf Platz 2 in der Liste der menschenfreundlichsten Designer aller Epochen, haben sich nicht nur mit bequemen Sofas und formschönen Beinprothesen befasst, sondern auch mit - dem Computer.

1968 beauftragte IBM das Eames Office mit einer Ausstellung über die Geschichte und die Zukunft des Computers, und drei Jahre lang, bis zur Eröffnung am 17. Februar 1971 im IBM World Trade Building Ecke 57./Madison Avenue trugen Charles und Ray an Bildmaterial zusammen, was sie bekommen konnten: Unmengen von Fotos, Faksimiles, Lochkarten, Portraits der Pioniere und ähnliches. Damit gestalteten sie gigantische Panoramen, denen entlangflanierend der Laie einen bemerkenswert vollständigen Überblick über die Geschichte des automatischen Rechnens seit Babbage erhielt. 1973 (und erneut 1990) wurde die Ausstellung von der Havard University Press in Buchform dokumentiert, Titel: "A Computer Perspective. Background to the Computer Age", immer noch bei Amazon und anderen Online-Buchhändlern erhältlich.

Was großartig ist daran: Dass die Eames sich für ihren Auftrag, der ihnen wahrscheinlich ein wenig merkwürdig vorgekommen ist, kein bisschen verleugnet haben. Die Materialien, die sie präsentieren, mögen noch so pädagogisch wertvoll und historisch aufschlussreich sein - ihre Montage ist strikt ästhetisch. Close-up um Close-up belegen sie etwas, was den meisten, die sich mit Technik beschäftigen, entgeht: wie unglaublich schön das alles ist, wie nahe an der Kunst zum Beispiel eine Lochkarte ist oder ein Transistor oder ein Schaltplan. Wir, die wir gewohnt sind, das Technische bloß für nützlich zu halten, kämen gar nicht auf den Gedanken, ihre Gestalt wahrzunehmen, das streng Ornamentale etwa oder das Skultpurale von Kabelgewirrnis. Im Eames-Buch werden einem die Augen dafür geöffnet, so sehr, dass man sich am Ende gar fragt: ob die Schönheit im Inneren eines Computers vielleicht ja mehr ist als bloß ein zufälliger Effekt, ob es nicht vielmehr sein könnte, dass hier die wahre Kunst sich ausdrückt, ungewollt, jenseits der konstruktiven Absichten, gleichsam von einer unsichtbaren Hand geschaffen. Eine Kunst, die gar nicht Kunst sein wollte, einfach - ist. Als wäre sie organisch gewachsen, Naturschönes, das plötzlich wieder hervorschießt aus der Materie, die sich die Konstruktion gesucht hat, um schnell rechnen zu können.

Peter Praschl


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