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Peter Stamm:
Blitzeis

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136 Seiten, neun Geschichten. Jede davon ist gut. Weil alles weggeschnitten wurde, was überflüssig ist, ohne daß der Rest unlocker wirkt. Das ist selten, jedenfalls bei einem, der Deutsch schreibt. Peter Stamm ist übrigens Schweizer, als Österreicher ahnt man, daß Deutsch auch für einen Schweizer eine Halbfremd-Sprache bleibt, man muß beim Schreiben ständig nachdenken über das nächste Wort, es hört sich immer ein wenig fremd an, von der Sprache aus, die man spricht (Schwyzerdütsch zum Beispiel). Deswegen ist schweizer und österreichische Literatur meistens besser als deutsche. Aber das ist ein anderes Thema.

Okay, die Geschichten. In allen erzählt ein Ich, und dieses Ich wird nicht allzuweit vom wirklichen Ich Peter Stamms sein, womit unter anderem gemeint ist: Der Mann ist kein Poser. Ich sagen und kein Poser sein: das gibt es in der deutschen (nichtschweizer, nichtösterreichischen) Literatur kaum noch, also ist das schon mal gut. Ich ist ein Mann von Mitte 30, einer, der mehr beobachtet als dabei ist, man stellt ihn sich vor als jemanden, der in Diskotheken am Rand steht und zusieht, wie die anderen tanzen, aber er verachtet sie dabei nicht (wie das zweifelsohne die deutschen Popliteraten machen würden), sondern er hat ein wenig Sehnsucht, er schafft es bloß nicht, Tanzen ist nicht sein Ding, er ist eben zu wenig Poser, was man als Tänzer ja sein muß.

Dieser Mann also gerät in merkwürdige Geschichten. Er schwimmt zum Beispiel mit der Freundin seines Freundes nachts nackt durch einen See. Sie kommen bei einer Bootshütte an, die Freundin des Freundins sagt plötzlich, sie will mit ihm schlafen, er tut es, was soll er sonst schon tun. Der Freund schwimmt ihnen nach, merkt, was gerade geschehen ist (ein nasser Wasserfleck, die Konturen zweier Körper auf dem Holzboden, alles ist klar), der Freund springt wütend wieder ins Wasser, landet unglücklich auf einem Pfosten, der unter der Wasseroberfläche verborgen ist, schlägt sich den Kopf auf, stirbt.

Eine andere Geschichte: New York, man fährt zu viert ein Wochenende hinaus aus der Stadt, drei Männer, eine Frau, der Erzähler wohnt mit der Frau zusammen, es läuft aber nichts, just roommates, die beiden anderen sind die besten Freunde. Die beiden Jungs machen dauernd anzügliche Bermerkungen, wollen wissen, ob was läuft, ob was drin ist, irgendwie laden sich die Erwartungen auf. Dann geht der eine von den beiden mit der Frau spazieren, irgendwas ergibt sich, man erfährt nicht was, nimmt nur aus der Icherzähler-Perspektive wahr, daß die beiden reden. Am nächsten Tag sind sie verschwunden, ohne Nachricht. Der Erzähler und der andere Mann fahren zurück nach New York, mürrisch, daß die beiden sich verdrückt haben. In New York wartet ein Brief des anderen Mannes, der seinen Selbstmord ankündigt, da draußen, während des Ausflugs. Nun wissen sie nicht: Hat er sich umgebracht? Zusammen mit der Frau? Oder sind sie durchgebrannt, und hat sie ihn vom Selbstmord abgehalten, plötzlich ist da ein Abgrund (den Rest müßt Ihr schon selbst lesen).

Drittes Beispiel: Der Erzähler hat irgendwo gearbeitet, ein Job, an seinem letzten Tag sagt er den Leuten das Übliche: man könne ja irgendwann noch auf einen Kaffee, er meint es nicht ernst. Eine Kollegin nimmt es aber ernst, man geht auf einen Kaffee in ihrer Stammkneipe, die Frau ist merkwürdig, sie sagt, sie hätte Probleme, sie wirkt einsam, aber nicht dramatisch einsam, wie eine, die übriggeblieben ist. Sie landen bei ihr in der Wohnung, sie unternimmt einen verrutschten Versuch, ihn dazu zu bringen, mit ihr zu schlafen, er will nicht, geht schließlich, sie tut ihm leid. Etwas später wird er zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen, sie ist 30 geworden. Die Kollegen aus dem Büro sind auch alle eingeladen: Sie schenken ihr einen riesigen Dildo, machen Witze über ihre Beziehungslosigkeit, 30 und noch immer alleine, der Abend ist kaputt, irgendwann gehen die Gäste wieder, viel zu spät, er bleibt noch ein wenig, es herrscht temperierte Verzweiflung, schließlich geht er, sie gibt ihm den Dildo mit, er soll ihn draußern irgendwo wegwerfen, sie hielte es nicht aus, ihn in der Wohnung zu haben.

Letztes Beispiel: Der Erzähler, ein Journalist, schreibt an einer Geschichte über eine junge Frau, die zum Sterben in einem Krankenhaus liegt, keine Chance mehr, sie hat sich an einer unheilbaren Variante der Tuberkulose angesteckt. Die Geschichte erzählt von den Gesprächen zwischen dem Erzähler und dieser jungen Frau, ein wenig stockend, aber es kommt alles zur Sprache, zwischendrin taucht der bestellte Fotograf auf, Fotos werden gemacht, abends gehen die beiden mit zwei Krankenschwestern aus, sofort Paarbildungen, man besucht eine Sauna, merkwürdig, mit einer Frau, die man nicht kennt, nackt herumzusitzen, der Journalist unternimmt einen Annäherungsversuch, blitzt ab, ein Mißverständnis. Bei seinen Interviews mit der Kranken arbeitet er sich immer tiefer in ihre Vertrauen vor, sie hat auch niemanden sonst, dem sie vertrauen könnte, ihr Mann kommt nicht mehr, weil er befürchtet, sich anzustecken.

Dann schaute sie zu Boden und sagte: "Die Lust geht nie weg. Wenn ich noch so schwach bin. Am Anfang, als ich mit meinem Mann zusammen war, haben wir uns jeden Tag geliebt. Manchmal... einmal im Wald. Wir gingen spazieren. Im Wald war es feucht, und es roch nach Erde. Wir haben es im Stehen gemacht, an einem Baum. Und Thomas hat Angst gehabt, daß jemand kommt."
Larissa trat ans Fenster und schaute hinaus. Nach einigem Zögern sagte sie: "Hier mache ich es... mache ich es mir selbst. Nachts, nur in der Nacht. Machst du das? Weil ich mir dann vorstellen kann.... und weil... was ich will... und weil... die Schwestern klopfen nicht, wenn sie hereinkommen... Das geht nicht weg, die Lust."
Sie schwieg wieder. Im Fernsehen lief ein Tierfilm. Der Ton war ausgeschaltet. Ich sah eine Herde Gazellen über eine Steppe galoppieren.
"Jetzt kommen bald wieder die alten Filme. Vor Weihnachten", sagte ich.
"Das sind meine ersten Weihnachten in der Klinik", sagte Larissa, "und meine letzten."

Gedimmte Stimmen, die alles aussprechen, weil das Verheimlichen sowieso keinen Sinn mehr ergibt, aber das Aussprechen bewirkt auch nichts. Der Journalist geht, er hat seine Geschichte im Kasten, er kann auch nichts anderes zu tun als zu gehen, ein halbes Jahr später in seinem Briefkasten die Mitteilung, Larissa sei gestorben.

So und so ähnlich sind die Geschichten Peter Stamms, Anekdoten, Kalendergeschichten aus unserem fin de siècle, Skelette ohne Dekor, kein Posieren mehr. Menschen strecken Arme aus, aber es ist niemand da, der in diese Arme läuft, alles geht schief, auf eine beiläufige Weise, wie das im Leben ist, und in diesen Geschichten ist man zu müde, noch dagegen aufzubegehren. Es gibt wenige, die so gut schreiben, Andre Dubus vielleicht, der ebenso lakonisch war und ebenso freundlich von den Menschen gedacht hat, wenn Ihr mit Stamm durch seid, könnt ihr Andre Dubus lesen, ich sage das nur, weil ich weiß, wie schwer man es aushält, mit einem guten Schriftsteller fertig zu sein und keinen anderen zu haben.

Peter Praschl


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