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Benn und
der Duft der Frauen

benn
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Neulich bin ich in Benns autobiografischen Schriften auf die Bemerkung gestoßen, jeder Dichter brächte im Laufe seines Lebens nur sechs bis acht gute, er meint damit: haltbare Gedichte zuwege. - Auf sein eigenes Frühwerk bezogen, hat er recht behalten [1] - wenig dabei, was heute nicht befremdend mißlungen wirkt:
Ostafrika im Hirne;
Togo, der Amok tanzt:
das ist die weiche Birne
mit fremder Welt bepflanzt

Manches hört sich an wie deutscher HipHop, sagen wir von den Goldenen Zitronen oder den Absoluten Beginnern, die Art engagierter [2] Lyrik, die man jenseits des 17. Geburtstags hinter sich gebracht und durch Argumente ersetzt haben sollte:
Sinnlose Existenzen:
dreißig Millionen die Pest,
und die andern Pestilenzen
lecken am Rest.

Es ist kaum zu glauben, daß Benn selbst dergleichen je für gut gehalten hat. Möglicherweise hat er ja auch gar nicht, und es war ihm einfach nur egal, daß es immer wieder noch einmal veröffentlicht wurde...

Sehr interessant allerdings ist Benns Pornografie immer wieder, urzeitlich riechende Schöße, Frauen, die den armen Doktor mit ihrem kreatürlichen Sosein umzingeln, kaum kommt er mal aus der Pathologie raus und geht unter die Menschen.

Zwei Beispiele:
Frauenhellbraun taumelt an Männerdunkelbraun:
Halte mich! Du, ich falle! Ich bin im Nacken so müde. Oh, dieser fiebernde süße
letzte Geruch aus den Gärten.
(D-Zug)
.
Und in der Untergrundbahn heißt es:
Durch all den Frühling kommt die fremde Frau,
Der Strumpf am Spann ist da. Doch, wo er endet,
ist weit von mir. Ich schluchze auf der Schwelle:
laues Geblühe, fremde Feuchtigkeiten.
Oh, wie ihr Mund die laue Luft verpraßt!
Du Rosenhirn, Meer-Blut, du Götter-Zwielicht,
du Erdenbeet, wie strömen deine Hüften
so kühl den Gang hervor, in dem du gehst!
Dunkel: nun lebt es unter ihren Kleidern:
nur weißes Tier, gelöst und stummer Duft.

Wir bringen das mal auf den stofflichen Gehalt, rein experimentell: Kaum nimmt Benn ein öffentliches Verkehrsmittel, wittert seine Nase ganz bestimmte Gerüche: den Duft der Frau, und wir reden hier nicht von Chanel No.5 [3]. Und sofort wird die synästhetische Phantasiemaschine in Gang gesetzt, und er stellt sich vor, wo der Strumpf endet, im Dunkel, wo das laue Geblühe stattfindet, wo die fremden Feuchtigkeiten steigen, wo das Meer-Blut wogt, was da lebt unter den Kleidern. Das hat uns in der Schule niemand über Benn erzählt, und ein wenig schockiert es schon, sich den guten Doktor vorstellen zu müssen, wie er in der U-Bahn steht und Muschis schnuppert zur Inspiration für ein neues Gedicht

Peter Praschl


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