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Garderoben-
Autobografie

woelk
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Wer sich ein wenig auf dem Sofa aufgehalten hat, weiß, dass ich ein Faible für indirekte Autobiografien habe, das Erzählen von Lebensgeschichten entlang von Dingen.

Nun ist mir ein Buch in die Hände gefallen, dass die Dinge auf gespenstisch gute Weise zum Sprechen bringt. Ilene Beckermans Liebe, Leid - und welches Kleid?, bei Sanssouci erschienen, ist Garderoben-Autobiografie. Eine Frau um die 60, New Yorkerin, jüdische Mittelschicht, räumt ihren Kleiderschrank aus, erinnert sich - an die Kinderkleider, den ersten Badeanzug, das Kleid, in dem es zum ersten Mal passieren sollte und dann doch nicht passierte, Party-Etuikleider, Anwandlungen, Fehlkäufe. Jedem Kleid wird mit einer hübschen Zeichnung und einer Text-Miniatur gedacht. Zwei bis zwanzig Zeilen, harmlose luftige Sätze - meint man, bis wieder einmal zwischen den Kleidern das Leben zuschlägt. Eben noch wird beschrieben, welche Kleider die Mutter trug, welchen Lippenstift sie bevorzugte, dann blättert man um, und es heißt:

"In dem Frühjahr nach dem Tod meiner Mutter ging mein Vater mit mir zu B. Altman´s in der Fifth Avenue und kaufte mir ein Kleid zu meinem dreizehnten Geburtstag. Ich wählte zwei marineblaue Kleider (siehe diese Seite und die folgende). Das Kleid auf dieser Seite hatte einen abnehmbaren crepeartigen Kragen. Beide Kleider waren sehr teuer, um die vierundvierzig Dollar."

Ein anderes Beispiel:

"Ich liebte dieses bedruckte Wickelkleid aus Jersey von Diane von Fürstenberg. Es ließ sich leicht überstreifen und war sehr bequem. Ich trug es an dem Tag, als ich mir bei Sassoon´s in New York die Haare schneiden und Dauerwellen machen ließ. Als ich heimfuhr, wurde mir klar, daß ich Al sagen mußte, daß ich nicht länger mit ihm leben konnte."

So geht es dahin, ein Leben lang, Kleid für Kleid, diskrete Katastrophen, beiläufige Umstürze. Genau so muss man reden, dachte ich beim Lesen, über das eigene Leben, in gebändigten nüchternen Sätzen, die sich nie exaltieren, dem Zuhörer höflich gegenübertreten und keine Gefühlsausbrüche zumuten wollen. Wie fein, dachte ich, wie vornehm. Und außerdem sehnte mich wieder einmal nach einer untergegangenen Welt, in der jedes Kleid noch einen Anlass hatte, in der die Dinge noch die Augen aufschlagen und sprechen konnten, aber die Menschen stoisch blieben.

Peter Praschl


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