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Sartre und
die Psychoanalyse

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In einem der alten Kursbücher, in denen ich gerade manisch kreuz und quer lese, fand ich ein schönes Dossier über "das Elend der Psychoanalyse" mit einem noch viel schöneren Dokument, das Sartre 1968 in den Temps Modernes publiziert hatte: Die Aufzeichnung eines Dialoges zwischen einem Analytiker namens Dr.X und seinem Patienten, Monsieur A, der, über die Folgenlosigkeit seiner Behandlung erbittert, den Arzt mit genau den Fragen traktiert, die sonst immer nur jener stellt: "Haben Sie Angst?", "Was ist mit Ihrer Libido?"usw. Der Analytiker gerät angesichts der Rollenumkehrung und vor allem des von A mitgebrachten Tonbands in eine immer hilflosere Panik, droht die Polizei zu holen, was den aufgebrachten Patienten nur dazu inspiriert, über die Rolle des Vaters des Arztes zu assoziieren: "Die Polizei? Den Vater! Ihr Vater ist der Polizist! Sie telephonieren Ihrem Vater, daß er mich abführt. Das müssen wir jetzt analysieren." Der Arzt will aber auf gar keinen Fall analysiert werden und beginnt aus dem Fenster hinauszuschreien:
Dr.X: Hilfe! Hilfe! Zu Hilfe, Mörder, zu Hilfe, zu Hilfe, zu Hilfe!
A: Ruhig, setzen Sie sich!
Dr. X: Hilfe! Zu Hilfe! Hiiiiiiilfe! (Langes Heulen.)
A: Armes Schwein! Setzen Sie sich doch!
Dr.X: Zu Hilfe! (Gemurmel.)
A: Wovor haben Sie Angst?
Dr. X: Zu Hiiiiiiilfe! (Neuerliches Heulen.)
A: Haben Sie Angst, daß ich Ihnen Ihren Dingsda abschneide? Dr. X: Zu Hiiiiiiiiilfe! (Dieser Schrei ist der längste und schönste.)
A: Was für eine komische Aufzeichnung!
Dr. X: Zu Hilfe! Zu Hilfe! Zu Hilfe! (Pause.)
A: Sie sind ja ein Kind! Sie haben ja den Streit begonnen. Setzen Sie sich.Du willst ein Wissenschaftler sein! Eine schöne Wissenschaft! Freud wäre entzückt davon! Niemals ist er in eine solche Situation geraten."

Schließich kommt die Polizei und bricht den psychoanalytischen Dialog ab. Am schönsten an dieser Wiedergabe ist allerdings, daß Sartre nicht an sich halten kann und dem armen Doktor noch eins mitgeben muß: "(Dieser Schrei ist der längste und schönste.)" Auch das hätte Freud entzückt.

Peter Praschl


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