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100 7 CDs von Meike Winnemuth 150
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chet baker. sings and plays from the film "let's get lost"

chet baker

Der Film zur Platte ist natürlich fürchterlich. Das liegt am Regisseur, dem unsäglichen Lichtbildner Bruce Weber, der sonst hauptsächlich kleine Jungs an der Copacabana fotografiert und sich damit lange Strecken in "Interview" und anderen überflüssigen Blättern sichert. Er hat sich Chet Baker als Opfer seiner geierhaft sentimentalen Dokumentation gegriffen, als der kaum noch wußte, wo bei seiner Trompete vorne war, hat den armen Mann in Straßenkreuzer neben alberne Models gesetzt und ihn dekorative Degeneriertheit spielen lassen. Selbstverständlich in schwarz-weiß. Ich muß leider zugeben, daß ich den Film mal sehr geliebt habe, aber da war ich nicht bei Sinnen, denn da lebte ich in Köln und tat mir deshalb in einem Maße leid, das sich nur in schädlichen Dingen wie Arbeiten, Trinken und nächtlichem "Let's Get Lost"-Gucken ausleben ließ ­ lautlos tropften meine Tränen auf den pflegeleichten Nadelfilzteppich meiner ätzenden Mietwohnung.
Aber: die CD. Chet singt somnambuler denn je vor sich hin, so als ob ihm wirklich gar keiner mehr zuhören würde, wie bei einer Soundprobe, mit der brüchigen Stimme einer sehr alten, sehr müden Frau. Die Lieder sind nur welche, die man frühestens ab nachts um drei in menschenleeren Bars spielen darf, in the wee small hours of the morning, wg. Valium-Tempo. In den Texten geht es darum, daß es ja doch nicht klappt ("I don't stand a ghost of a chance with you"), daß es nie geklappt hat und nie klappen wird ("Almost Blue"), daß die Liebesbriefe ungeöffnet zurückkommen und man auch noch Rückporto drauf zahlen muß ("Everything happens to me"). Der Gipfel an Entschlossenheit ist "For heaven's sake let's fall in love, it's no mistake to call it love" - und wirklich, hinterher möchte man schwören, Resignation sei die einzige realistische Chance auf Liebe. Vorsicht also bei dieser CD.

mw
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dusty springfield. dusty sings burt bacharach favorites.

dusty

Nichts Besseres konnte dem besten Komponisten des letzten Jahrhunderts passieren als von der besten Sängerin gesungen zu werden, und das ist eben nicht Dionne Warwick, die sich heute zu Recht nur noch mit Wahrsage-Hotlines die Rente finanzieren kann, sondern Dusty, die so singt, wie sie heißt, halt so, daß man sich räuspern möchte beim Zuhören, weil irgendwas hinten in der Kehle hängt. Ganz dringend hören: "The Look of Love", das eleganteste aller Liebeslieder, rhythmisch so widerspenstig, dass niemand es je in der Badewanne singen wird.

  
       
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isaac hayes. best of isaac hayes Vol.2.

hayes

Eine Stimme wie ein Zehn-Liter-Topf blubbernder schwarzer Schokolade. Zweifellos hat Mr. Hayes schon viele Frauen flachgelegt, bei einigen war er sogar anwesend. Größte Leistung: Er macht aus dem besten Lied aller Zeiten, "The Look of Love" (siehe oben) das feuchtigkeitstreibendste Gorillasex-Vorspiel aller Zeiten, und zwar, wie soll ich sagen? Erfolgreich.

  
       
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paul simon. still crazy after all these years.

paul simon kitschbruder

Diese Platte ist auf der Liste, weil ich sie mal auswendig singen konnte. Jedes einzelne Lied, hintereinander weg in der richtigen Reihenfolge. Und weil ich mich in einen Engländer in einem Zeltlager an der Ostsee verliebt hatte, der sie auch auswendig konnte. Und weil wir auf einer Bank in der Dämmerung die ganze Platte durchsangen, eine Stunde lang, nachdem wir die Zeltlager-Küche geschrubbt hatten. Da war ich 17 und konnte genau deshalb mit maximaler Abgeklärtheit den Titelsong singen, in dem es hieß (ich muss nicht mal nachschlagen): "I fear I'll do some damage one fine day, but I would not be convicted by a jury of my peers". Bei "I do it for your love", genauer bei der Zeile "All that winter we shared a cold", guckten der Engländer und ich uns in die Augen, obwohl Sommer war. Danach ging er nach Cambridge und schickte mir Trakl und Verlaine. Ich liebte ihn viele weitere Jahre, auch als ich längst wusste, dass er schwul war. Ebenso egal war, dass die Platte romantischer middle-of-the-road-Weissbrot-Zynismus ist. Ich war 17. "I've been loving and loving and loving/I'm exhausted from loving so well/I should go to bed/But a voice in my head/Says Ah what the hell"

  
       
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frank sinatra. sings for only the lonely.

sinatra

Wenn man das gehört hat, weiß man erstens, warum er "The Voice" hieß, und zweitens, daß man nicht schnell singen muß, um Jazz zu singen. Drittens weiß man nicht, warum der Mann für Mist wie "New York, New York" in Erinnerung bleiben wird und nicht für dieses Album oder "In the wee small hours", und viertens weiß man nicht, ob man sich nicht doch besser umbringen sollte. Die ganze Platte ist meisterhafte Melancholie, von Nelson Riddles nur mäßig tröstlichen Geigenarrangements umspült, mit dem traurigsten Lied zum Schluß, "One for my baby". Sinatra selbst fand völlig zu Recht, dass man die Platte nur auf Verschreibung kriegen dürfte

  
       
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mabel mercer. sings cole porter.

miss mabel mercer

Tributes haben den Nachteil, daß der Geehrte hinterher erledigt ist, weil er sich nun mal schlecht aus dem Grab gegen ehrabschneidende Interpretationen wehren kann. So geschehen mit Cole Porter, nachdem gutwillige, aber minderbegabte Menschen wie Bono und Konsorten (Thompson Twins, Erasure) sich auf "Red, Hot + Blue" über ihn hergemacht haben. Da braucht es eine gutwillige, aber minderbegabte Sängerin wie Mabel Mercer, MISS Mercer bitte, die auch nicht viel Talent hatte, aber ein so übervolles Herz für Cole, dass selbst ihre lausige Stimme sie nicht davon abhalten konnte, ihn zu lieben und zu ehren. Und siehe da, so schwungvoll, so donnernd und mit so reizender Divenhaftigkeit schmeißt sie die Noten und die Text-Aperçus um sich, daß Cole wieder aufersteht und am dritten Tag gen Himmel fährt. Es hilft natürlich, daß die Platte aus einem klitzekleinen Laden in Sag Harbor, Long Island, stammt, wo sie im Schaufenster verstaubte, obwohl Miss Mercer anscheinend ein local hero war. Und es hilft auch, dass in diesem Sommer die Hummerpreise einen historischen Tiefstand erreichten und wir hungrig waren und Musik zum Essen brauchten.

  
       
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smiths. the world won't listen.

smiths

Zwei Dinge, die prinzipiell gegen dieses Album sprechen: Es ist aus den tiefsten Achtzigern und damit von vornherein nicht satisfaktionsfähig, und es ist von kleinen Jungs gemacht für kleine Jungs, die sich gern auf Friedhöfen herumtreiben. Die Welt ein Jammertal, besonders wenn man das Pech hat, Morissey zu sein oder sich mit ihm zu identifizieren, wie es in den Achtzigern allzuviel kostbares Jungsmaterial getan hat. Diese Platte hat viel zur Muttifizierung der Welt beigetragen, denn wenn rotohrige Schüchternheit gepaart mit Selbsthass das Hipste von tout London war, was sollte man anders aufbringen als köpfchenstreichelndes Mitleid? Aber dann haben uns die Jungs das Album so lange vorgespielt, dass sich man irgendwann dann auch auf Grabsteine schmeißen und Gitarre spielen wollte, "Bigmouth strikes again" pfeifend. Wunderschön war außerdem der unschlagbare Spitzenreiter aller Selbstmitleid-Charts, "Unlovable": "I know I'm unlovable, you don't have to tell me." Rührend, aber rübergelassen haben wir die Jungs dann doch nicht. You just haven't earned it yet, baby. Phantastische Musik war da s aber übrigens doch. Was macht eigentlich Johnny Marr?