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100 7 Bücher von Meike Winnemuth 150
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a.s. neill. die grüne wolke.

a s neill

A.S. Neill war Schulleiter der legendären antiautoritären Summerhill School, und die Hauptrollen in diesem Roman spielen natürlich seine Schüler. Die grüne Wolke hat alle Menschen dieser Welt versteinert, bis auf eine Handvoll Kinder, die gerade auf Ballonfahrt waren. Wieder auf der Erde, müssen sie mit einer Welt ohne Lehrer fertigwerden (kein Problem), aber auch mit wilden Wölfen - auch kein Problem, denn aus den abgebrochenen Armen und Beinen der steinernen Lehrer kann man prima Schutzwälle bauen. Am Schluß taucht noch der netteste Gangster der Welt auf, der einen Eins A Heldentod stirbt. Der unangefochtene Spitzenplatz meiner Liste seit - och, seit 30 Jahren oder so.

mw
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james joyce. ulysses.

joyce

Tja. Was schreibt man über ein Buch, über das vermutlich mehr Bücher geschrieben wurden als über jedes andere (inklusive Bibel)? Dass man es trotzdem noch lesen kann, vermutlich. Lesen, ohne den Jahresurlaub zu opfern und zwei Interpretationshilfen ständig neben dem Bett liegen zu haben, um das intrikate Symbolgeflecht und all die cleveren Anspielungen auf die Odyssee, Freud, Körperorgane, Blumen und weiß der Teufel was noch zu verstehen. Wenn man liest, einfach nur liest (und das habe ich auch erst geschafft, nachdem ich es zweimal studiert hatte), liest man wunderschöne Szenen wie die, in der Leopold Bloom, der interessanteste Mann der Literaturgeschichte, Zitronenseife kaufen geht, in einer öffentlichen Badewanne liegt und davon träumt, auf einem riesigen Blatt einen ceylonesischen Fluss hinunterzutreiben.

  
       
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selbstdiagnose. handbuch der gesundheit.

hypochonder!

Hypochondrie für Anfänger. Falls man mal wieder keinen Bock hat zum Leben und diesen Zustand mit einer schönen Krankheit begründen möchten, ist dieser Wälzer (UT: "Der Weg zum mündigen Patienten") das richtige Hilfmittel. Die wunderbaren Diagnosetafeln führen mit gezielten Fragen ("Ist Ihr Stuhl fahlgelb und fettig?" "Ist das Nasensekret wässrig und klar?" "Haben Sie neben den Rülpsschüben auch Schmerzen im rechten Oberbauch?") auf die richtige Spur oder besser: zu der richtigen Krankheit. Irgendwas ist für jeden dabei, und wenn man dann so schön im Bett liegt, kann man gemütlich über die Symptome einer Amöbenruhr und die Unterschiede zwischen einem Phlegmon und einer Bartpilzflechte lesen. Und was meine Blähungen betrifft, Liebling: keine Frage, eine Pankreas-Insufizienz.

  
       
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edith wharton. das haus der freude.

wharton

Irgendwie ist die große Edith in der Literaturgeschichte untergegangen, und wer heute noch von ihr spricht, sagt was von "irgendwie wie Jane Austen" oder "ein bisschen so wie Henry James". Dabei ist sie in ihrer Beobachtungsgabe unendlich viel scharfsichtiger, zynischer und melancholischer als beide zusammen. "Das Haus der Freuden", 1905 erschienen, handelt von Lily Bart, die verzweifelt auf der Suche nach einem Mann ist, aber trotzdem jeden potentiellen Freier mit Schwung von sich schleudert. Die einerseits dringend Teil der New Yorker Gesellschaft sein will, andererseits sich aber völlig darüber im Klaren ist, dass diese Gesellschaft hohl, langweilig, hochgradig albern, in ihrer Starrheit dem Untergang geweiht und deshalb brandgefährlich ist. (Kein Zufall, dass sich ausgerechnet Mafia-Experte Martin Scorsese dieser Gesellschaft in der Edith-Wharton-Verfilmung "Die Zeit der Unschuld" gewidmet hat.) Ein kluges Buch über eine Frau, die unbedingt haben will, was sie verachtet. Das Ende ist genau das, was wir Ally McBeal wünschen, und zwar bald: Als der einzig gute Mann des Buches ihr einen Antrag machen will, findet er sie nur noch mit einer Überdosis Schlaftabletten im Magen vor.

  
       
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vladimir nabokov. fahles feuer.

nabokov

Das Buch sieht aus wie ein akademischer Scherz: Es besteht aus einem tausendzeiligen Gedicht in iambischen Pentametern, 200 Seiten Fußnoten und einem Namensregister. Das Gedicht stammt von einem Dichter und Literaturprofessor namens John Shade, die Anmerkungen von seinem Freund und Nachbarn Charles Kinbote. Der kommentiert aber nicht so sehr das Werk als er darin nach geklauten Details seines eigenen Lebens sucht. Denn eigentlich ist der Karl der Beliebte, der Exkönig eines kleinen Landes namens Zembla. Oder ist er ein wahnsinniger Exilrusse namens Botkin? Der Roman, wenn man ihn so nennen darf, ist ein Spiegelkabinett, ein Irrgarten, ein sich zunehmend verdichtender Wahnsinn, so sinnlos wie's Leben. Und bringt einem bei, in allem ein Muster zu suchen und so am Leben zu bleiben.

  
       
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goethe. die wahlverwandtschaften.

wahlverwandtschaften

Die Romantiker fanden diesen späten Goethe-Roman unmoralisch, was mal wieder beweist... ach, ist ja auch egal. Es ist einer der ersten und gleich besten Eheromane, die das 19. Jahrhundert so reichhaltig hervorbrachte. Gut vor allem deshalb, weil es hier ganz und gar nicht um die gefallene Frau geht, sondern um die leisen Verschiebungen, die sich in Beziehungen immer ergeben, wenn das Wir drauf kommt, dass es zwei Ichs ist. Der alte Goethe guckt sich das alles wie unterm Mikroskop an, hochpenibel, aber
äußerst mitleidsvoll.

  
       
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robert musil. die amsel.

musil

Kein Roman, sondern eine Geschichte, gut versteckt in Band 7 der Gesammelten Werke unter "Nachlass zu Lebzeiten". Azwei erzählt seinem Freund Aeins drei Geschichten, "um zu erfahren, ob sie wahr sind". Von Aeins erfahren wir nicht viel, nur dass er zu dem Gesagten "schwieg, denn er wusste zu genau, was er hätte einwenden können". Von Azwei wissen wir, dass er sich selbst nicht kennt und nicht kennen mag, "dieses alberne, ichige Scheusal". Die erste Geschichte handelt von einer Nacht, in der Azwei eine Nachtigall hört, vielleicht auch nur eine Amsel, auf jeden Fall aber ein Signal. Darauf verlässt er seine schlafende Frau im klarsten Bewusstsein, etwas Falsches zu tun, "ich war wie ein Betrunkener, der mit der Straße schilt, auf der er geht, um sich seiner Nüchternheit zu versichern." Die zweite Geschichte erzählt von einem zweiten Gesang, mitten im Krieg, dem eines Fliegerpfeils, eines abgeworfenen Eisenstabs, der Azwei zu durchbohren droht "wie ein nie erwartetes Glück". Die dritte Geschichte passiert nach dem Tod seiner Eltern, als eine Amsel zu ihm geflogen kommt, die ihm sagt, sie sei seine Amsel, sie sei seine Mutter. Die Geschichte ist ein Kleinod, man möchte weinen, so schön ist sie, mit so funkelnden Sätzen darin, dass man nie mehr lesen und erst recht nie mehr schreiben möchte.