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100 7 Bücher von Bettina Schneuer 150
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balthasar gracian. handorakel.

gracian

"Etwas mehr wissen und etwas weniger leben. Andere sagen es umgekehrt. Gute Muße ist besser als Geschäfte. Nichts gehört unser als nur die Zeit, in welcher selbst der lebt, der keine Wohnung hat. Es ist gleich unglücklich, das kostbare Leben mit mechanischen Arbeiten oder mit einem Übermaß erhabener Beschäftigungen hinzubringen. Man überhäufe sich nicht mit Geschäften oder mit Neid; sonst stürzt man sein Leben hinunter und erstickt den Geist. Einige wollen dies auch auf das Wissen ausdehnen: aber wer nichts weiß, der lebt auch nicht." - Die Jesuiten sind halt die klügsten. Wußte auch Schopenhauer. Deswegen hat er Gracians "oraculo manual, y arte de prudenzia" übersetzt - eine Arbeit, die der Verleger Brockhaus ablehnte und die erst über 30 Jahre später erschien, nach Schopenhauers Tod. 300 Renaissanceregeln zur Weltklugheit.

bs
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odo marquard. abschied vom prinzipiellen.

marquard

"Bei einem chinesischen Henkerswettstreit, so wird erählt, geriet der zweite Finalist in die Verlegenheit, eine schier unüberbietbar präzise Enthauptunmg durch seinen Konkurrenten überbieten zu müssen. Es herrschte Spannung. Mit scharfer Klinge führte er seinen Streich. Jedoch der Kopf des Enthaupteten fiel nicht, und der also scheinbar noch nicht enthauptete Delinquent blickte den Henker erstaunt und fragend an. Drauf dieser zu ihm: Nicken Sie mal. Mich interessiert, was dieser Kopf denkt, bevor er nickt; denn das müßte doch Ähnlichkeit haben mit den Gedanken der Philosophie über sich selber."
Skeptiker sind meistens Konservative, selten Lustige. Marquard ist skeptisch, konservativ und lustig. Er erfindet schöne Wörter (Inkompetenzkompensationskompetenz) und hält es mit der Philosophie so wie Mark Twain mit der Orthographie: Wie man die Phantasie aufbringen muss, ein Wort mal so und mal so schreiben, müsse man auch eine Sache mal so und mal so denken. Nieder mit dem Einfall, es lebe der Vielfall!

  
       
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agota kristof. das große heft. der beweis. die dritte lüge.

kristof

Geheimnisvolle, dunkle Bücher. Eine Trilogie voll dürrer schnörkelloser Sätze, lakonisch und grausam, ein Schreiben auf Leben und Tod. Keine Ortsnamen, keine Jahreszahlen, nur rätselhafte Abkürzungen, Zeichen und Muster: die kleine Stadt, der große Park, die Grenze, die Großmutter, die Partei, der fremde Offizier. Zwei neunjährige Brüder, Zwillinge, unterwerfen sich einem Projekt der Abhärtung von Körper und Geist, um gegen das Grauen des Krieges um sie herum unempfindlich zu werden, unverwundbar. Sie protokollieren alles im "großen Heft". Später flieht der eine über den von einer Mine zerfetzten Körper des Vaters ins Nachbarland, der andere bleibt. Und zieht später in die grosse Stadt, wo er als Buchhändler arbeitet, bis das verkrüppelte Kind, das er aufgenommen hat, sich erhängt und nur ein Schreibheft mit herausgerissenen Seiten hinterlässt. Er verschwindet. Der geflohene Bruder wird ihn viel später suchen, nur um einen Mann zu treffen, der leugnet, ihn zu kennen, worauf er sich umbringt. Jedes Buch, besser eigentlich: jede Episode umkreist eine Wahrheit, die sich beim Umblättern als Lüge entpuppen kann. - Ich habe "Das große Heft" vor drei Jahren im Urlaub gelesen, war zwei Tage deswegen nicht ansprechbar und habe dem Rückflug entgegengefiebert, um sofort die zwei anderen Bücher lesen zu können. - Agota Kristof floh 1956 aus Ungarn, schlug sich als Tellerwäscherin und Zimermädchen durch und schrieb ihr erstes Buch erst mit 50 Jahren - auf französisch!

  
       
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claire goll. ich verzeihe keinem.

goll

Rainer Maria Rilke war ein ziemlicher Schlappschwanz, brauchte vier volle Tage, um sich auf eine Liebesnacht vorzubebereiten. James Joyce war das menschliche Gegenstück einer Auster, Alma Mahler-Werfel eine berechnende Drecksau und Claires Mutter erst recht - weswegen die Tochter froh war, dass sie im KZ verreckt ist. Eine knochenharte, aber auch sehr poetische Autobiografie. Lest sie unbedingt!

  
       
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philip roth. i married a communist.

roth

Hier wird kein Trost versprochen oder gegeben. Eine zornige Abrechnung mit Heuchelei, Kommunistenhass und -hatz unter McCarthy - und mit Roth´ Ex-Frau. Ein Buch über altmodische Dinge wie Moral und aufrechten Gang im Bloch´schen Sinn: ein Wille, der sich von keinem Gewordensein überstimmen lässt. Hey, und ausserdem sind die Passagen über Tiere-Ausstopfen echte Brüller! Kann mal einer mutmaßen , warum es dafür in Amerika keinen Preis gab...?

  
       
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thomas pynchon. mason & dixon.

pynchon

Hinreissende Exkurse über die Erfindung des Sandwiches, intellektuelle Hunde, George Washingston bekifft; Erzählorte, die wechseln zwischen London, Amerika, Sumatra - und die Gesichte einer großen Freundschaft zwischen zwei ungleichen Entdeckern und Abenteurern (Mason + Dixon, die "Erfinder der gleichnamigen Trennlinie von Nord- nach Südamerika). Nur im Winter + und zum Langsam(vor)lesen. Dann aber: wow!

  
       
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evelyn waugh. scoop ("der knüller").

waugh

Ein englischer Gartenjournalist wird aufgrund einer Verwechselung als Kriegsberichterstatter in den afrikanischen Staat Ishmaelia entsandt - und liefert von dort sensationelle Exklusiv-Stories, die leider grottenfalsch sind... Auch nach 50 Jahren immer noch die beste (und aktuellste) Satire auf die Zeitungswelt, die je geschrieben wurde! Leider bei Diogenes nicht so doll übersetzt.