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entführt werden.
Eines Sommernachmittags sollte ein Mann auf dem Spielplatz auftauchen, auf
dem ich gerade wieder einmal im Tor stehen musste, weil ich der Längste
war. Der Mann sollte einen Nadelstreifenanzug tragen und eine aristokratische
Nase haben. Der Mann sollte kein Wort sagen, sondern mit dem Finger auf mich
zeigen. Der Mann sollte in einem verfallenden Schloss wohnen und einen Collie
haben. Im Kamin sollte ein Feuer brennen, obwohl es Sommer sein sollte. Der
Mann sollte mich einem Pagen übergeben, der Page sollte mich in eine
Badewanne mit Löwenkopffüßen stecken und mir mit einer harten
Bürste den Rücken schrubben. Danach sollte mir eine dicke Kinderfrau,
die blonde Haare haben sollte, die in einer Welle auslaufen sollten, mein
Zimmer mit den Worten "hier wirst du ab jetzt schlafen" zeigen und mir einen
dunkelblauen Pyjama mit hellblauen Längsstreifen überreichen, als
wäre er ein Geschenk. Der Mann sollte ein Baron sein. Der Mann sollte
abends mit mir an einer langen Tafel sitzen und mich italienische Vokabeln
abfragen. Der Mann sollte mich zum Taschendieb abrichten. |
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weltrevolution.
Die Maschinen hätten alles für uns gemacht, insbesondere
Eiscreme, Schlaghosen, schwarzen Afghanen, KTM-Mopeds, Che Guevara-Poster,
Pink Floyd-Platten, Barrikaden-Erinnerungsbücher, E-Gitarren,
Schmalzbrote mit Zwiebelringen und Rosenpaprika und Freibäder, in
denen der Zehnmeterturm nicht mehr so hoch aussah. Und während die
Maschinen das alles für uns gemacht hätten, wären wir, die
siegreichen Weltrevolutionäre, auf der Schlossbergwiese gesessen,
hätten schwarzen Afghanen geraucht, an der Eiscreme geleckt und zu
Pink Floyd-Platten Weltrevolutionärinnen geküsst, und danach
wären wir vom Zehnmeterturm gesprungen und von den
Weltrevolutionärinnen bewundert worden. Die besiegten
Konterrevolutionäre hätten unsere Platten umdrehen, unsere Joints
bauen, die Che Guevara-Poster abstauben und uns aus den
Barrikadenerinnerungsbüchern vorlesen müssen, und wenn sie ins
Becken gepinkelt hätten, wären sie zu einer Runde Selbstkritik
verurteilt worden. | ||||
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singen können.
Praschl, hätte Kocian gesagt, und ich hätte zum ersten Mal keine
Angst gehabt, sondern herausfordernd gegrinst, tief durchgeatmet und
einfach losgesungen, und zwar nicht die verlangte oberösterreichische
Landeshyme ("Hoamatland, Hoamatland, i hob di so gern / wia a Kindal sei
Muatta, wia a Hindal sein Herrn"), sondern ein Medley aus THE FIRST CUT IS
THE DEEPEST und ANGIE, und während ich gesungen hätte, wäre
Kocian zu einem Haufen Asche zerfallen, und Angelika Wurm hätte mich
von der Seite aus angesehen, und jeder hätte gewusst, dass mit ANGIE
sie gemeint war, und nach der Musikstunde wären wir miteinander
gegangen, und einen Einser hätte ich auch bekommen. |
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dazugehören.
In zwanzig bis fünfzig Jahren werden im Spiegel und im Stern Artikel
erscheinen, in denen Rückblick gehalten wird auf die 70er, 80er und
90er Jahre des zweiten Jahrtausends. Noch einmal wird erzählt worden,
wie in Detroit die ersten Houseparties stattfanden, wie der Neue Markt die
Ökonomie rockte, wie immer mehr junge hedonistische Europäer sich
dazu entschlossen, nach Sidney auszuwandern, wie die Imode-Phones von
DoCoMo in Tokyo auftauchten, wie der Kampf gegen die transkontinentalen
Megakonzerne in die heiße Phase trat, wie glatzköpfige
Männer mit dicken Brillen und österreichischem Akzent zu
Sexsymbolen wurden. Auf all den Fotos, mit denen man diese Geschichten
illustrieren wird, bin ich zu sehen. Ich tanze Deep House in Detroit, ich
mache eine Boris-Becker-Faust, während der Nasdaq die psychologisch
entscheidende Schallmauer von 400.000 Indexpunkten durchbohrt, auf dem
Bondi Beach cremt mir Kylie Minogue den Rücken ein, ich telefoniere in
Tokyo, lege Feuer an Microsoft und sitze mit Sophia Coppola in der Bar des
Mercer. Ich bin nicht das Entscheidende auf diesen Fotos, sondern
bloß im Hintergrund; und in den Bildunterschriften kommt mein Name
nie vor, sondern ist bloß die Rede von "Barrikadenkämpfen in
Seattle" oder "Sophia Coppola im Mercer Hotel". Aber der Typ, der da
zufällig noch auf dem Foto zu sehen ist, dieser Typ bin immer ich. |
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durchbrennen.
Diesmal waren sie wirklich zu weit gegangen. Diesmal wollte ich es mir
nicht nehr gefallen lassen. Diesmal musste ich ihnen zeigen, dass sie
unwiderruflich zu weit gegangen waren und ich mir nicht alles gefallen
ließ. Ich packte mein Sparschwein, eine Tafel Schokolade und mein
Lieblings-Matchbox-Auto in meinen Schulranzen, und stellte mir vor, wie
traurig sie ihr restliches Leben lang sein würden. Dann haute ich ab.
Nach einer Stunde kam ich wieder. Meine Eltern hatten gar nicht bemerkt,
dass ich weggewesen war. |
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mit einer opernsängerin schlafen.
Sie hieß Pia, und in der elendsten Zeit meines Lebens war ich ein
Vierteljahr lang ihr Untermieter. Meine Frau war mit dem Makler
durchgebrannt (siehe Wunsch 5), bei dem ich eine Eigentumswohnung für
sie und mich gekauft hatte. Ich hatte eine halbe Million Mark Schulden und
kein Dach über den Kopf, da die Eigentumswohnung ein übles Loch
war und generalsaniert werden musste; bevor sie das Weite suchte, hatte
Madame viel von Eigenleistung geredetet, und es hatte sich sehr romantisch,
sehr nach Paar angehört. Irgendjemand besorgte mir ein Exil bei Pia.
Pia war sehr blond und weiß und sommersprossig, sie studierte
Medizin, Knochenkolloquium, wollte aber Sängerin werden und übte
für die Aufnahmeprüfung am Konservatorium. Jeden Morgen, wenn ich
hochfuhr aus meinen Schuldturm-Makler-Mord-und-Totschlag-Träumen, war
da eine Stimme. Pias Stimme. Keine Arien, immer nur Koloraturen. Ein echter
Alt, kein heruntergedimmter Sopran. Warmsingen nannte sie das. |
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einen bh öffnen.
Es ist mir ein wenig peinlich, es zugeben zu müssen, aber ich habe in meinem Leben erst zwei- oder dreimal einen BH geöffnet. Damit man ermessen kann, WIE peinlich das ist, sollte ich nicht verschweigen, dass ich ein 41jähriger heterosexueller Mann mit einer sexuellen Autobiografie bin, für deren Stationen ich mit Fingern und Zehen durchaus nicht auskäme und aus der ich einige Ankedoten beizusteuern hätte, die mir einen bleibenden Ruf als Immoralisten einbrächten. Das Problem ist: das Schicksal trieb mich immer an die Seite von Frauen, die BHs nicht nötig hatten, und das ist noch sehr untertrieben ausgedrückt. Die ungeschminkte Wahrheit lautet: Ich habe es nur mit Frauen getan, an denen BHs so lächerlich ausgesehen hätten wie an mir ein Netz-T-Shirt. Selbst für Push-Ups braucht man bekanntlich etwas, was man pushen könnte. Gab es aber nie. Sondern immer nur hohe, feste, meine kleinen Patschhändchen füllende Brüste. Man könnte sie Gerade-so-Brüste nennen, aber nur wenn man gutmütig ist. Wenn man nicht gutmütig, sondern Hugh Hefner ist, müsste man sie Nicht-wirklich-Brüste nennen. Ich weiß nicht, warum das in meinem Leben immer so war, aber es ist nun einmal so, und es ist mir nicht im geringsten peinlich, zuzugeben, dass es für mich genau so und nicht anders sein soll. Genau so fühlt es sich gut an. So und nicht anders. Einerseits. Andererseits. Andererseits würde ich gerne BHs öffnen, würde ich gerne mit nervösen Fingern BH-Säumen entlang wandern, mich beiläufig zum Rückenverschluss vortasten, linkisch nesteln, und dann das Teil öffnen. Und noch lieber würde ich es haben, dass auf dem Schlafzimmerboden ein BH herumliegt, oder noch besser unter dem Kopfkissen ein wenig hervorschaut. Aus schwarzer Spitze müsste er sein, sowieso, und es ist mir völlig egal, ob mich gerade jemand für unoriginell hält. Außerdem möchte ich endlich, wenn ich eine Frau umarme, unter ihrem T-Shirt einen BH-Verschluss fühlen. Keinen BH-Verschluss hab ich nämlich selber. Leider hat auch die Frau, an deren Seite ich mein Leben aushauchen werde, perfekte hohe mäusefaustkleine Brüste. Manchmal frage ich sie, ob sie sich mir zuliebe nicht vielleicht doch einen BH kaufen könnte. Ich würde ihn auch bezahlen und wahlweise ein Jahr lang nackt das Bad putzen, im Anzug das Bad putzen oder im Netz-T-Shirt das Bad putzen. Immer, wenn ich sie frage, sieht sie mich an, als wäre ich geistesgestört, lacht hell auf, schüttelt den kopf, und dann sagt sie: Träum weiter.
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