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100 7 unerfüllte Wünsche von peter praschl 150
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entführt werden.

entfuehrt werden

Eines Sommernachmittags sollte ein Mann auf dem Spielplatz auftauchen, auf dem ich gerade wieder einmal im Tor stehen musste, weil ich der Längste war. Der Mann sollte einen Nadelstreifenanzug tragen und eine aristokratische Nase haben. Der Mann sollte kein Wort sagen, sondern mit dem Finger auf mich zeigen. Der Mann sollte in einem verfallenden Schloss wohnen und einen Collie haben. Im Kamin sollte ein Feuer brennen, obwohl es Sommer sein sollte. Der Mann sollte mich einem Pagen übergeben, der Page sollte mich in eine Badewanne mit Löwenkopffüßen stecken und mir mit einer harten Bürste den Rücken schrubben. Danach sollte mir eine dicke Kinderfrau, die blonde Haare haben sollte, die in einer Welle auslaufen sollten, mein Zimmer mit den Worten "hier wirst du ab jetzt schlafen" zeigen und mir einen dunkelblauen Pyjama mit hellblauen Längsstreifen überreichen, als wäre er ein Geschenk. Der Mann sollte ein Baron sein. Der Mann sollte abends mit mir an einer langen Tafel sitzen und mich italienische Vokabeln abfragen. Der Mann sollte mich zum Taschendieb abrichten.
Leider ist er nie gekommen.

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weltrevolution.

weltrevolution

Die Maschinen hätten alles für uns gemacht, insbesondere Eiscreme, Schlaghosen, schwarzen Afghanen, KTM-Mopeds, Che Guevara-Poster, Pink Floyd-Platten, Barrikaden-Erinnerungsbücher, E-Gitarren, Schmalzbrote mit Zwiebelringen und Rosenpaprika und Freibäder, in denen der Zehnmeterturm nicht mehr so hoch aussah. Und während die Maschinen das alles für uns gemacht hätten, wären wir, die siegreichen Weltrevolutionäre, auf der Schlossbergwiese gesessen, hätten schwarzen Afghanen geraucht, an der Eiscreme geleckt und zu Pink Floyd-Platten Weltrevolutionärinnen geküsst, und danach wären wir vom Zehnmeterturm gesprungen und von den Weltrevolutionärinnen bewundert worden. Die besiegten Konterrevolutionäre hätten unsere Platten umdrehen, unsere Joints bauen, die Che Guevara-Poster abstauben und uns aus den Barrikadenerinnerungsbüchern vorlesen müssen, und wenn sie ins Becken gepinkelt hätten, wären sie zu einer Runde Selbstkritik verurteilt worden.
Leider sind die Konterrevolutionäre immer noch an der Macht.

  
       
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singen können.

singen

Praschl, hätte Kocian gesagt, und ich hätte zum ersten Mal keine Angst gehabt, sondern herausfordernd gegrinst, tief durchgeatmet und einfach losgesungen, und zwar nicht die verlangte oberösterreichische Landeshyme ("Hoamatland, Hoamatland, i hob di so gern / wia a Kindal sei Muatta, wia a Hindal sein Herrn"), sondern ein Medley aus THE FIRST CUT IS THE DEEPEST und ANGIE, und während ich gesungen hätte, wäre Kocian zu einem Haufen Asche zerfallen, und Angelika Wurm hätte mich von der Seite aus angesehen, und jeder hätte gewusst, dass mit ANGIE sie gemeint war, und nach der Musikstunde wären wir miteinander gegangen, und einen Einser hätte ich auch bekommen.
Leider lachen immer noch alle.

  
       
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dazugehören.

dazugehoeren

In zwanzig bis fünfzig Jahren werden im Spiegel und im Stern Artikel erscheinen, in denen Rückblick gehalten wird auf die 70er, 80er und 90er Jahre des zweiten Jahrtausends. Noch einmal wird erzählt worden, wie in Detroit die ersten Houseparties stattfanden, wie der Neue Markt die Ökonomie rockte, wie immer mehr junge hedonistische Europäer sich dazu entschlossen, nach Sidney auszuwandern, wie die Imode-Phones von DoCoMo in Tokyo auftauchten, wie der Kampf gegen die transkontinentalen Megakonzerne in die heiße Phase trat, wie glatzköpfige Männer mit dicken Brillen und österreichischem Akzent zu Sexsymbolen wurden. Auf all den Fotos, mit denen man diese Geschichten illustrieren wird, bin ich zu sehen. Ich tanze Deep House in Detroit, ich mache eine Boris-Becker-Faust, während der Nasdaq die psychologisch entscheidende Schallmauer von 400.000 Indexpunkten durchbohrt, auf dem Bondi Beach cremt mir Kylie Minogue den Rücken ein, ich telefoniere in Tokyo, lege Feuer an Microsoft und sitze mit Sophia Coppola in der Bar des Mercer. Ich bin nicht das Entscheidende auf diesen Fotos, sondern bloß im Hintergrund; und in den Bildunterschriften kommt mein Name nie vor, sondern ist bloß die Rede von "Barrikadenkämpfen in Seattle" oder "Sophia Coppola im Mercer Hotel". Aber der Typ, der da zufällig noch auf dem Foto zu sehen ist, dieser Typ bin immer ich.
Die einzige Band, in der ich je spielte, wurde aus gutem Gründen nach dem ersten Konzert aufgelöst.

  
       
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durchbrennen.

durchbrennen

Diesmal waren sie wirklich zu weit gegangen. Diesmal wollte ich es mir nicht nehr gefallen lassen. Diesmal musste ich ihnen zeigen, dass sie unwiderruflich zu weit gegangen waren und ich mir nicht alles gefallen ließ. Ich packte mein Sparschwein, eine Tafel Schokolade und mein Lieblings-Matchbox-Auto in meinen Schulranzen, und stellte mir vor, wie traurig sie ihr restliches Leben lang sein würden. Dann haute ich ab. Nach einer Stunde kam ich wieder. Meine Eltern hatten gar nicht bemerkt, dass ich weggewesen war.
Leider brannten immer die anderen durch.

  
       
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mit einer opernsängerin schlafen.

saengerin

Sie hieß Pia, und in der elendsten Zeit meines Lebens war ich ein Vierteljahr lang ihr Untermieter. Meine Frau war mit dem Makler durchgebrannt (siehe Wunsch 5), bei dem ich eine Eigentumswohnung für sie und mich gekauft hatte. Ich hatte eine halbe Million Mark Schulden und kein Dach über den Kopf, da die Eigentumswohnung ein übles Loch war und generalsaniert werden musste; bevor sie das Weite suchte, hatte Madame viel von Eigenleistung geredetet, und es hatte sich sehr romantisch, sehr nach Paar angehört. Irgendjemand besorgte mir ein Exil bei Pia. Pia war sehr blond und weiß und sommersprossig, sie studierte Medizin, Knochenkolloquium, wollte aber Sängerin werden und übte für die Aufnahmeprüfung am Konservatorium. Jeden Morgen, wenn ich hochfuhr aus meinen Schuldturm-Makler-Mord-und-Totschlag-Träumen, war da eine Stimme. Pias Stimme. Keine Arien, immer nur Koloraturen. Ein echter Alt, kein heruntergedimmter Sopran. Warmsingen nannte sie das.
Pias Koloraturen haben mir damals das Leben gerettet. Seitdem stelle ich mir manchmal vor, wie schön es wäre, mit einer Opersängerin eine Eigentumswohnung zu kaufen. Und Nacht für Nacht neben ihrem weißen sommersprossigen Körper zu liegen, nachdem wir miteinander geschlafen haben, und zu wissen, dass beim Aufwachen Koloraturen im Flur auf und ab wandern würden.
Leider singt die Frau, die ich liebe, nur zu Whitney Houston- und Celine Dion-Liedern mit, und auch das nicht mehr, seitdem ich das Radio kaputt gemacht habe.

  
       
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einen bh öffnen.

bh

Es ist mir ein wenig peinlich, es zugeben zu müssen, aber ich habe in meinem Leben erst zwei- oder dreimal einen BH geöffnet. Damit man ermessen kann, WIE peinlich das ist, sollte ich nicht verschweigen, dass ich ein 41jähriger heterosexueller Mann mit einer sexuellen Autobiografie bin, für deren Stationen ich mit Fingern und Zehen durchaus nicht auskäme und aus der ich einige Ankedoten beizusteuern hätte, die mir einen bleibenden Ruf als Immoralisten einbrächten. Das Problem ist: das Schicksal trieb mich immer an die Seite von Frauen, die BHs nicht nötig hatten, und das ist noch sehr untertrieben ausgedrückt. Die ungeschminkte Wahrheit lautet: Ich habe es nur mit Frauen getan, an denen BHs so lächerlich ausgesehen hätten wie an mir ein Netz-T-Shirt. Selbst für Push-Ups braucht man bekanntlich etwas, was man pushen könnte. Gab es aber nie. Sondern immer nur hohe, feste, meine kleinen Patschhändchen füllende Brüste. Man könnte sie Gerade-so-Brüste nennen, aber nur wenn man gutmütig ist. Wenn man nicht gutmütig, sondern Hugh Hefner ist, müsste man sie Nicht-wirklich-Brüste nennen. Ich weiß nicht, warum das in meinem Leben immer so war, aber es ist nun einmal so, und es ist mir nicht im geringsten peinlich, zuzugeben, dass es für mich genau so und nicht anders sein soll. Genau so fühlt es sich gut an. So und nicht anders.

Einerseits.

Andererseits.

Andererseits würde ich gerne BHs öffnen, würde ich gerne mit nervösen Fingern BH-Säumen entlang wandern, mich beiläufig zum Rückenverschluss vortasten, linkisch nesteln, und dann das Teil öffnen. Und noch lieber würde ich es haben, dass auf dem Schlafzimmerboden ein BH herumliegt, oder noch besser unter dem Kopfkissen ein wenig hervorschaut. Aus schwarzer Spitze müsste er sein, sowieso, und es ist mir völlig egal, ob mich gerade jemand für unoriginell hält. Außerdem möchte ich endlich, wenn ich eine Frau umarme, unter ihrem T-Shirt einen BH-Verschluss fühlen. Keinen BH-Verschluss hab ich nämlich selber.

Leider hat auch die Frau, an deren Seite ich mein Leben aushauchen werde, perfekte hohe mäusefaustkleine Brüste. Manchmal frage ich sie, ob sie sich mir zuliebe nicht vielleicht doch einen BH kaufen könnte. Ich würde ihn auch bezahlen und wahlweise ein Jahr lang nackt das Bad putzen, im Anzug das Bad putzen oder im Netz-T-Shirt das Bad putzen. Immer, wenn ich sie frage, sieht sie mich an, als wäre ich geistesgestört, lacht hell auf, schüttelt den kopf, und dann sagt sie: Träum weiter.