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rasierklingenschaben.

klinge

Das Rasierklingenschaben stammt von meinem Vater. Manchmal nimmt er Arbeit nach Hause mit. Mein Vater konstruiert Bahnbaumaschinen. Bahnbaumaschinen verlegen Schienen und machen Menschen arbeitslos. Im Büro meines Vaters hängt eine Schautafel. Links sieht man eine ganze Armee von Arbeitern, die zwar noch mit Schaufeln und Spitzhacken bewaffnet, aber schon von einem großen roten X durchgestrichen sind. Rechts steht eine Bahnbaumaschine, daneben zwei Mann Bedienungspersonal. Solche Maschinen also konstruiert mein Vater. Er ist gut darin, er ist Chef des Konstruktionsbüros. Abends, während ich schon im Bett liege, sitzt er über Konstruktionsplänen und zieht mit Druckbleistiften schnurgerade Linien auf Transparentpapier, die er anschließend mit Tusche nachzieht. Manchmal paßt ihm eine Tuschlinie nicht. Dann schabt er sie mit einer Rasierklinge vom Transparentpapier. Ich kann dieses Schaben noch in meinem Bett hören, ich weiß genau, daß mein Vater danach sorgfältig über das Papier pusten wird, um dann eine Linie zu ziehen, die sitzt. Wenn Proust der Sohn eines Bahnbaumaschinenkonstrukteurs gewesen wäre, hätte die Suche nach der verlorenen Zeit mit diesem Schaben beginnen müssen.

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unterrockrascheln.

klinge

Das Unterrockrascheln stammt von Frau Krischke. Frau Krischke ist unser Babysitter. Sie kommt zweimal in der Woche, damit meine Mutter zum Friseur gehen oder Besorgungen erledigen kann. Früher war Frau Krischke etwas Besseres, in Ostpreußen, glaube ich. Bei Kriegsende mußte sie fliehen. Jetzt lebt sie mit einer Frau namens Elli in einer Zweizimmerwohnung. Elli trägt dicke Weitsichtigenbrillen, Faltenröcke und beige Rollkragenpullover, ihre Aussprache ist immer leicht gurgelnd. Wahrscheinlich ist sie ein wenig zurückgeblieben oder bei der Flucht aus Ostpreußen traumatisiert worden, ich bin noch zu jung, um solche Fragen zu stellen. Frau Krischke aber ist eine Dame. Deshalb müssen wir sie mit einem Diener begrüßen. Sie bringt uns immer eine Kleinigkeit mit, die doch gar nicht nötig gewesen wäre, eine Nikolaustüte in rotem Kreppapier oder Schokoladentafeln, die sie zusätzlich in Seidenpapier verpackt hat. Frau Krischke schält Orangen nicht wie wir, gierig mit bloßen Händen. Sie schneidet mit einem kleinen Messer (das Wort "Obstmesser" lerne ich erst viel später kennen) vom Orangennordpol zum Orangensüdpol die Schale in Blätter, ohne das Fruchtfleisch zu verletzen. Dann klappt sie Schale auf. Nun sieht es aus, als wüchse ein Orangenball aus Seerosenblättern. Eines Nachmittags bin ich beim Spielen unter den Tisch gekrochen. Ich liege, umzingelt von Tischpfählen und Stuhlbeinbäumen, auf dem Rücken und sehe mir das Zimmer von unten an. Plötzlich stockt mein Blick: Frau Krischke trägt unter ihrem einen noch einen zweiten Rock. Ich begreife sofort, daß ich das gar nicht sehen dürfte. Man darf die Unterwäsche von Respektspersonen nicht sehen, das ist streng verboten. Es ist zwar nur ein seidener Saum etwas oberhalb der Knöchel, aber es ist ein verbotener Saum. Ich bleibe noch ein wenig so liegen und schaue und schaue gleich wieder weg und gleich wieder hin. Bis heute bilde ich mir ein, Frau Krischkes Unterrock hätte geraschelt, seiden. Ich weiß zwar, daß ich es nicht hören hätte können, wenn es wirklich so gewesen wäre, aber in meiner Erinnerung lebt immer noch ein scharf konturiertes Unterrockrascheln. So sind Frauen für mich Frauen geworden. Ich habe nie eine kennengelernt, die Unterröcke getragen hätte. Schade eigentlich.

  
       
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kirchengehecho.

kirche

Das Kirchengehecho stammt von meinen Schritten. In fremden Städten suche ich immer Kirchen auf. Ich bete nicht, ich glaube nicht, obwohl ich glücklicher wäre, wenn ich es könnte. Ich gehe nur herum, die Seitenschiffe auf und ab, meistens kaufe ich noch eine Kerze und zünde sie an, ehe ich wieder auf die Straße hinausgehe. Im Kirchendunkel gibt es Geräusche, die sonst überall ausgestorben sind. Die Holzbänke knacken. Die Kerzen knistern. Die Wörter, falls jemand spricht, hallen nach. Und das Schrittecho eben, das nach oben steigt, und das Ohr immer erst einen halben Schritt später erreicht. Es ist, als ginge man hinter sich selbst her und gäbe acht. Ich habe mich nie damit beschäftigt, aber mir scheint, daß es den Kirchenbauern genau darum gegangen ist. Wundern würde es mich jedenfalls nicht.

  
       
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vinylschallplattenknacken.

vinyl

Das Vinylschallplattenknacken stammt von meinen LPs. Du bist ein elender Schlampsack, sagt Claudia, wie oft soll ich dir noch sagen, daß man Platten wieder in die Papierhülle tut und nicht offen herumliegen läßt. Aber ich kann das nicht. Ich habe keine Zeit, vor der nächsten Platte die gerade gespielte erst mühsam in die Hülle und dann ins Cover zurückzuschieben und wegzustellen, es muß gleich weitergehen. Ich blase auch nicht jedesmal die Nadel sauber, ehe ich eine neue Platte auflege. Manchmal ist der Saphir so verflust, daß der Tonarm ins Schlittern kommt und über die Platte kratzt. Die Platten, die mir am liebsten sind, knacken am meisten. Manche bleiben sogar hängen, ausgerechnet bei den wichtigsten Stücken. Auf der Schallplatte kann man die Biographie meiner Ohren hören. Mit CDs geht das nicht mehr. Mehr kann man vom Leben nicht erwarten, als ein Knacken in David Bowies I´m always crashing in the same car zu sein. Das Knacken bin ich.

  
       
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zikadenzirpen.

zikade

Das Zikadenzirpen stammt aus Jugoslawien. Ich liege in einem Hotelbett und kann nicht einschlafen. Tagsüber habe ich Seeigel gefangen und Seesterne und sogar ein Seepferdchen. Alles schmeckt anders als zu Hause, sogar das Serbische Reisfleisch. Zum Mittagessen darf ich Mischmasch trinken, Orangensaft mit ein wenig Rotwein, obwohl Alkohol für Kinder ja nun wirklich nichts ist, wie meine Mutter sagt. Wenn ich aus dem Meer komme, trockne ich mich nie ab, sondern warte, bis das Salz zu jucken beginnt. Auf der Haut bleiben manchmal Salzflecken zurück, an denen ich lecke. Ich habe das Meer erst mit zehn zum ersten Mal gesehen und noch viel nachzuholen. Auf jugoslawischen Geldscheinen steht alles in mehreren Sprachen, sogar in einer Schrift, die ich nicht lesen kann. Ein Land, in dem man bis auf die Geldscheine mehrere Sprachen spricht, muß einfach besser sein als das, aus dem ich komme. Ich kann nicht schlafen, weil ich Sonnenbrand zwischen den Schulterblättern habe, dort, wo man nicht kratzen kann. Die Haut geht schon ab, im Spiegel sehe ich, daß kleine rosa Flecken durchschimmern, wo die neue Haut nachwächst. Draußen singen Zikaden. Die ganze Nacht. Es ist ein stetiges Singen, das nie nachläßt, nie einhält, nie Anlauf nehmen muß. Wenn man nicht schlafen kann und genau hinhört, merkt man, aus wievielen Tönen dieses Singen gebaut ist, ineinandergeschachteltes Summen, immer noch ein Summen mehr, das man gerade eben noch nicht gehört hat. Jugoslawien ist für mich dieser Zikadengesang. Jugoslawien gibt es nicht mehr.

  
       
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kinderstampedetrampeln.

kids running

Das Kinderstampedetrampeln stammt von Stella und Janosch. Manchmal wachen sie nachts auf, weil sie etwas geträumt haben, laufen zu Heike und mir, legen sich zu uns ins Bett und schlafen weiter, ohne je wirklich aufzuwachen dabei. Wir können sie schon kommen hören. Zwei kleine Kinder genügen für eine Stampede, ihre Beine sind ja noch kurz, die Füße trampeln in einem schnelleren Rhythmus, im Halbschlaf sind sie außerdem schwerer als sonst, der Schwerpunkt liegt tiefer. Es kommt immer näher, wird immer lauter. Dann sind sie da und schlafen neben einem, kleine von Träumen gehetzte Kreaturen. Dieses Geräusch beherrschen Kinder nur, bis sie vier sind. Danach braucht es mindestens acht Kinder für eine Stampede, acht, die gleichzeitig zum Eiswagen laufen oder einen Kindergeburtstag stürmen. Erwachsenenstampeden habe ich nie erlebt. Ich möchte auch nicht.

  
       
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hörspielstimmen.

radio

Die Hörspielstimmen stammen von Menschen, die man nie zu Gesicht bekommt. Sie sind nur fürs Ohr gedacht, Stimmen, die körperlos im Raum schweben. Es muß schön sein, körperlos zu sein, man kommt überall hin und taumelt ein wenig dabei. Die Hörspielstimmen reden, wie sonst niemand redet, eindringlicher als Stimmen mit Körper dran, sie müssen ja alles, was sie haben, in die Stimme legen. Fünf Mann Menschen zum Beispiel. Oder der gute Gott von Manhattan. Gleich möchte ich ein Kriegsblinder sein, in seiner Nachkriegsdunkelheit sitzend und den Stimmen nachlauschend, wie sie von der linken zur rechten Box wandern. Immer schon habe ich viel lieber gehört als gesehen. Vor den Hörspielen im Radio waren es Hörspielplatten, die meine Eltern uns geschenkt haben, der Untergang des Hauses Usher von Edgar Allan Poe. Kein Film, kein Bild hätte schrecklicher sein können, als alles, was ich mir zu diesen Platten ausmalte. Und mein Lieblingstheaterstück ist eigentlich auch ein Hörspiel, Krapps Last Tape von Samuel Beckett. Ein alter Mann sitzt an einem Tisch und hört Tonbändern mit körperlosen Stimmen zu. Wie gern wäre man eine solche Stimme, man käme von irgendwo her und ginge irgendwo hin, aber dazwischen wäre man da. Das Hören ist der ältere Sinn als das Sehen. Erkenntnis war bis zur Aufklärung immer ein Hören, die Wahrheit ist eine innere oder göttliche Stimme. Descartes und Kant sehen schon, wenn sie etwas erkennen. Das Gesehene geht nicht weg, das Gehörte verklingt. Aber solange es klingt, kann man die Ohren nicht verschließen. Wenn ich Hörspielstimmen höre, möchte ich immer das Licht ausmachen. Licht ist sowieso etwas Überschätztes.