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my first cassettenrecorder.

tape heaven

war ein Aiwa. Ich war 13 oder 14, so genau weiß ich es nicht mehr. Es handelte es sich um ein Weihnachtsgeschenk, und es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Karton auspacken durfte, in dem sich eine Styroporverschalung befand, von der man die obere Hälfte abheben mußte, um ein Gerät vorfinden, das seinerseits in eine Schutzfolie eingeschlagen war und Satelliten in weiteren Schutzfolientüten hatte - Kabel, die mit kleinen Drähten zusammengebunden waren, ein Garantieschein ("heb den bloß auf", sagten meine Eltern) und ein Handbuch in mehreren Sprachen: Das war eine Initiation.

Das Teil war Mono, natürlich. Aber es war ein Radiorecorder, FM/AM. Man konnte also die Ö3-Hitparade aufnehmen. Und später die Musicbox, die wesentlich cooler war, vor allem der eine Tag pro Woche, an dem es hieß: Die komplette LP. Eine komplette LP, an die ich mich erinnern kann, war Ziggy Stardust von David Bowie. Eine andere stammte von der Nitty Gritty Dirt Band. Das wurde alles mitgeschnitten. Und natürlich die fünfteilige Rolling Stones Story. Und sowieso alles von den Beatles. Mein größter Ehrgeiz war es, alle 180 Beatles-Lieder aufzunehmen (aus irgendeinem Grund war ich überzeugt, sie hätten exakt 180 gemacht...). Ich schaffte 120. Dann begann ich die Stücke, die ich schlecht fand, obwohl sie von den Beatles waren, auszusortieren, Love Me Do, I Want To Hold Your Hand und allsowas. Keine Geduld für Gesamtwerke damals.

Man mußte Platz schaffen für neue Stücke, die man plötzlich gut fand. Man hatte ja nicht unendlich viele Cassetten, man konnte nicht einfach zu den Eltern sagen, dass man dringend noch fünfzehn neue C90er bräuchte (Chromdioxid of course - der erste Begriff für einen technischen Standard, den ich kannte), also mußte man löschen und verklebte die Löschsperrlöcher wieder (erst nach zwei oder drei Jahren war ich soweit, die Plastikzähne erst gar nicht mehr auszubrechen) und bespielte erneut. Auf manchen meiner Cassetten befanden sich sicher zehn oder zwölf Schichten Musik, und man hörte ihnen es auch an. Aber es war SELBST aufgenommene Musik.

Schlimm war es, wenn eine Cassette kaputt ging. Das Band konnte reißen. Dann schraubte man die Cassette mit einem Kreuzschraubenzieher auf und flickte es wieder zusammen (mit Tixo, in Deutschland: Tesa). Natürlich fehlten danach ein paar Sekunden. Wenn die Cassette sehr kaputt war, konnte es vorkommen, dass man ein Stück Band falsch einklebte: dann hatte man mitten in einem Lied ein paar Takte lang das Lied von der Rückseite - rückwärts abgespielt. Im nachhinein kommt es mir vor, dass es sich wie Dub angehört hat. Ich kann mich auch erinnern, dass damals eine Menge Pop-Paranoia umhergeisterte, der zufolge manche rückwärts abgespielte Lieder geheime, natürlich höchst satanische Botschaften enthielten; Charles Manson zum Beispiel soll die Kommandos zum Sharon-Tate-Massaker durch das White Album der Beatles erhalten haben. Heute ist mir klar, dass diese Paranoia nur durch verzweifelte Teenager geboren wurde, die ihre Tapes schlampig repariert hatten....

Ein Jahr später bekam mein Bruder seinen Cassettenrecorder. Er war viel schicker als meiner. Flach statt hoch. Und mit einer orangen Aufnahmetaste. Dafür beneide ich ihn bis heute.

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my first schallplattenspieler.

tonarm

stammte vom Wiener Naschmarkt. Eine dieser Kofferlösungen mit einem Lautsprecher im Deckel. Immer noch Mono. Ein gräßlicher scheppernder Klang. Ich stellte das Teil im Studentenheim auf, in dem ich ein Semester lang wohnte, legte David Bowies Always Crashing In The Same Car auf und spielte es zwanzigmal hintereinander. Danach war die Platte kaputt. Ich fühlte mich großartig. Es war mein erster Schallplattenspieler.

  
       
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my first schreibmaschine.

keyboard

war eine orange Erika. Made in GDR. Das fand ich aus einem mir nicht mehr erinnerlichen Grund aufregend. Das Gehäuse war aus Plastik. Die Typen verhakten sich so häufig ineinander, daß ich bald auf alle abnehmbaren Gehäuseteile verzichtete, um mit schneller enthaken zu können. Ich kaufte auch bald keine schwarzroten Farbbänder mehr, wer braucht schon rot? Das reinschwarze Farbband konnte man umdrehen, wenn die untere Hälfte keine Farbe mehr enthielt. Nach spätestens einem Vierteljahr verstand ich, warum in manchen Kriminalfilmen Erpresser aufgrund ihrer Schreibmaschinen-Erpresserbriefe identifiziert werden konnten: auch meine es, as und os sahen recht individuell aus.

  
       
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my first stereoanlage.

lautsprecher

war (und ist noch immer) eine schwarze Marantz, 1985 gekauft. Ich hatte viel Geld: mein erster Zivildienersold, ein "Wiener"-Theaterkritiker- Monatslohn und ein Monatsscheck von meinen Eltern ergaben zusammen 15 000 Schilling. Damit konnte man sich eine Marantz-Anlage kaufen. Eins, zwei, drei, vier Geräte, und zwei Boxen, man legte die Hand drauf und die Musik zitterte die Nervenbahnen entlang. Der Cassetten-Recorder hatte Dolby B und Dolby C, einen Limiter zur automatischen Begrenzung des Aufnahmepegels, einen Balance-Regler, sehr fein. Das Radio konnte automatisch getuned werden, Grob- UND Feinabstimmung, zwei Antennen, zweimal 16 programmierbare Stationstasten für UKW und MW. Der Verstärker war so gut, dass ich bis heute nie Musik jenseits der Lautstärke 3 gespielt habe (von 10 möglichen). Wenn ich bei "1" bin, beginnt Meike ungehalten zu werden und die Existenz der Nachbarn zu erwähnen: so ein Verstärker ist das. Und natürlich noch ein Plattenspieler, bei dem man alle möglichen Zentrifugalkräfte stufenlos regulieren konnte. Die Anlage ist siebenmal mit mir umgezogen und immer noch großartig. Schwarz und mächtig, nachts, wenn man das Licht ausmacht, leuchten unzählige Anzeigen. So muß es sein. Nicht alles sollte man miniaturisieren, Stefan.

  
       
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my first elektrische schreibmaschine.

BROTHER

war eine Brother. Sah aus wie ein Laptop ohne Monitor. Schwarz und flach. Man konnte auf normalem Papier schreiben, benötigte aber dazu unverschämt teure Einmal-Farbbänder, für die ich jedesmal Halbtagesreisen quer durch Wien antreten musste. Oder man entschied sich für Thermopapier. Thermopapier hatte den Nachteil, dass es, nun ja, auf Wärme reagierte. Zwei Tage Sonne: und der Text war vergilbt. Also gewöhnte ich mir an, Texte kühl und schattig zu lagern. Manchmal fiel beim Schreiben heiße Asche auf das Blatt: und schon wieder war ein halber Satz weg, der einem nie wieder so genial einfiel. Oder man stellte eine Kaffeetasse ab: das ergab nette Ringe auf der Seminararbeit über protestantische Arbeitsethik. Das Beste an der Brother war der Speicher. Man konnte in einen SPEICHER schreiben. Und wenn der Speicher voll war, konnte man per Tastendruck ausdrucken. Wie von Zauberhand gezogen tanzte der Schlitten mit dem Hitzekopf von links nach rechts übers Thermopapier und hinterließ Zeilen. Zehn ungefähr (bei einer Breite von 80 Zeichen pro Zeile). Mehr schaffte der Speicher nicht. Aber es war ein Speicher, es war magisch, es schrieb von selbst.

  
       
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my first computer.

mac se

war ein Apple SE. Grauer Würfel, graphische Benutzeroberfläche, Maus, Diskettenlaufwerk, Willkommen-Grinsgesicht beim Booten. 1987 war das, und der Apple gehörte dem "Stern" und war nichts anderes als eine elektrische Schreibmaschine mit Bildschirm. Die einzige Vernetzung war die mit dem Drucker. Man schrieb einen Artikel, druckte ihn aus, korrigierte auf dem Ausdruck handschriftlich, übertrug die Korrekturen in die Datei auf dem Apple, druckte aus. Das gab man dann der Ressort-Sekretärin. Die gab den Text noch einmal ins Stern-Redaktionssystem ein ("Kranz" hieß das). Man hätte zwar auch die Redakteurs-Computer mit dem Netzwerk verknüpfen können, aber dagegen hatte der Betriebsrat etwas: Gefährdung der Sekretärinnen-Arbeitsplätze. Ich schämte mich entsetzlich dafür, dass jemand meine Texte völlig überflüssigerweise noch einmal eingeben musste. Erst um 1990 herum wurde so etwas Ähnliches wie ein Redaktionssystem beim Stern eingeführt - weil da aber wieder Stümper am Werk gewesen waren, mussten wir unsere Texte mit Steuerzeichen ausstatten, zum Beispiel für einen neuen Absatz - es begann mit einem "Klammeraffen", heute besser bekannt als @. Die meisten beim Stern waren viel zu faul, um sich die zehn oder zwölf Steuerzeichen zu merken - also schickten sie ihre Texte per Quickmail an die Sekretärinnen, die den Job dann erledigen mussten. Als ich im Frühjahr 1995 eine Geschichte übers Internet schreiben wollte, dauerte es vier Monate, bis man mir einen Anschluß organisiert hatte - und ich durfte keinem davon erzählen (wegen Internet-Neid). Tat ich natürlich trotzdem - half aber nichts: 95 wollte im Stern keiner außer mir (und den paar Freaks aus dem Computer-Ressort) Internet haben. Wozu brauchen wir das denn?

  
       
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my first persönlicher digitaler assistent.

psion

war ein Psion. Meike hatte ihn bei Jeopardy gewonnen, samt einem Infrarot-Drucker und einem grauen Alu-Koffer. Den Psion schenkte sie mir (sie hat schon immer dazu geneigt, technische Innovationen voreilig als Jungskacke abzutun. Ihr erstes Urteil über das Internet lautete: "Toll! Jetzt kannst du zuschauen, wie in Kalifornien eine Kaffeemaschine Kaffee macht." Na ja. Jetzt guckt sie jeden Tag, wo die Preise für Russell Wright-Kaffeetassen stehen....) Der Psion konnte schreiben, rechnen, Daten verwalten, Musik abspielen, wecken, die Zeit in 24 Zeitzonen und die Entfernungen zwischen Wladiwostok und Peking angeben, man konnte alle Daten mit dem Bürorechner abgleichen (das allerdings war ziemlich mühsam). Und er hatte eine Infrarot-Schnittstelle. Wenn man andere Psionisten kannte, konnte man einander Files zubeamen. Das Problem war nur: es dauerte sechs Monate, bis ich jemanden kennenlernte, der auch einen Psion hatte. Der Mann hatte den fantastischen Namen RAVEN ROCK (wirklich!), and we met in Tokyo. Nach einer Stunde, in der wir einander alles über unsere Psionphilie gestanden, taten wir ES! INFRARED SEX! Und es war PHANTASTISCH!

Natürlich besitze ich jetzt einen Palm. Geschenk von Meike. Die auch einen Palm hat und ihn noch inniger liebt als ich (das ist immer so bei ihr, zuerst mault sie rum, dann tut sie, als hätte sie das Teil höchstselbst erfunden). Und natürlich ist der Palm besser als der Psion (obwohl mir schon klar ist, dass es sich beim um einen wirklichen Computer handelt, und er wesentlich mehr kann als der Palm). Aber ich werde den Psion nie, niemals vergessen, und auch nicht Raven Rock.