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leerräume.

leerräume

Die Leerräume waren ursprünglich hektographierte Mitteilungsblätter eines Jugendzentrums in der Linzer Bischofsgasse, das "Studentenzentrum" hieß und mit diesem Namen signalisieren wollte, daß dort Gymnasiasten - also keine Lehrlinge verkehrten. Fürs richtige Klassenbewußtsein sorgten wir dann. Wir übernahmen die Redaktion, machten die Lerräume (die wir selbst nie so genannt hätten) zu einer offsetgedruckten "Zeitschrift für Literatur und Politik", und nach einigen Monaten war das Studentenzentrum so genervt von uns, daß es uns das Blatt schenkte. Weil ich über 18 war, nicht mehr bei meinen Eltern wohnte, sondern in Wien studierte, wurde ich der Chef: Verantwortlich im Impressum, verantwortlich für die Druckereirechnungen. Redaktionssitzungen gab es, wenn ich nach Linz kam - zum Wäsche-von-der-Mutter-Waschen-Lassen und eben auch für die Literatur und die Politik.

Die Literatur in der "Zeitschrift für Literatur und Politik" kam anfangs von uns selbst; ich kann mich bloß noch daran erinnern, daß alles klein geschrieben war. Als wir ehrgeiziger wurden, begannen wir wirkliche Schriftsteller um Texte anzubetteln - Elfriede Gerstl, Elfriede Jelinek, Antonio Fian and the like. Einmal hatten wir sogar einen Text von Heiner Müller. Wir bekamen ihn gratis vom Rotbuch Verlag, im Gegenzug mußten wir ein ganzseitiges Inserat drucken. Weitere Höhepunkte: Györgi Dalos, die Lyrics von verbotenen tschechischen Frank Zappa-Epigonen und immens ausgeklinkte Kurzgeschichten eines Londoner Anarcho-Schriftstellers namens Ted Burns. Es war gar nicht so schlecht, was wir da machten, vor allem, wenn man bedenkt, daß ich der einzige über 18 war.

Politik, die zweite Hälfte des Programms, fand nicht statt. Wir wollten zwar, aber wir konnten uns nicht einigen. Die Redaktion (meistens waren wir acht) bestand aus zwei Hälften, einer diffus linksradikalen-langhaarigen Fraktion, der ich angehörte, und einer autoritär-maoistisch-kurzhaarigen, die uns unterwandern wollte, sonst aber ganz nett war. Der Kampf der beiden Linien endete schachmatt: Politik kam im Heft nicht vor, dafür gab es keine redaktionsinternen Schulungen über Lohn, Preis, Profit, wie es die Maoisten wollten.

Unsere Druckauflage lag bei 3000. Wenn wir tausend verkauften, stiegen wir mit Null aus. Wir verkauften selten tausend. Falls wir nur tausend gedruckt hätten, wäre die Druckereirechnung allerdings höher gewesen, ein Geheimnis von Preis und Profit, Lohn gab es sowieso nicht.

Hergestellt wurde das Blatt von mir alleine. Als Student war ich der einzige, der eine Schreibmaschine besaß, eine dunkelgelbe DDR-Erika. Natürlich gab es damals noch keinen Blocksatz, das konnten erst ein paar Jahre später die Brother-Maschinen, die allerdings nur mit Thermopapier funktionierten. Um den Effekt von Blocksatz zu erzielen, zählte ich Buchstaben und schob Zweier- und Dreier-Spatien zwischen die Wörter, damit jede Zeile rechtsbündig endete. Der einzige Effekt, den ich damit erzielte, war der von Löchrigkeit. Und weil ich viel zu schlampig war, um die Lettern regelmäßig zu reinigen, waren die as und os übel verschmiert. Die Überschriften wurden mit Letraset-Buchstaben geklebt, keine Ahnung, ob die noch jemand kennt. Es war eine Welt, die von Design noch nichts wußte. Contents first.

Drucken ließ ich anfangs bei der Remaprint, der Druckerei der GRM, Gruppe Revolutionärer Marxisten, Österreichische Sektion der IV. Internationale, mit denen ich sympathisierte, weil die Trotzkisten die einzigen Linken waren, die mit keinem Staat sympathisierten. Außerdem hatte ich Vorlesungen von Ernest Mandel (dem Vorsitzenden der IV. Internationale) an der Uni belegt und mich sofort in diesen merkwürdigen Belgier verknallt, der aussah wie ein Bankbeamter und sprach wie ein Revolutionär, sogar über Kriminalromane. Irgendwann gelang den Redaktions-Maoisten eine Finte, und die Druckerei des Kommunistischen Bundes machte mir ein besseres Angebot. Man könnte auch sagen: ich ließ mich bestechen.

Zwei Ausgaben lang ging das gut. Dann spaltete sich der KB in eine chinesische und in eine albanische Linie. Viererbande, Hua Guo Feng, was weiß ein Fremder? Bei dieser Spaltung wurde erbittert um die Druckereimaschinen gekämpft, die jede Fraktion dringend benötigte, um ihren Königsweg gegen Revisionismus, Imperialismus und Sozialimperialismus unter die Leute zu bringen. Leider gingen bei diesen Kämpfen auch meine mühsam getippten Druckvorlagen für die geplante Ausgabe über slowenische Literatur in Österreich verloren. Ich hatte keine Lust, mich noch einmal an die Erika zu setzen. So starben die Leerräume. Schade eigentlich.

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falter.

cover

Der Falter ist immer noch die beste Stadtzeitschrift, die ich kenne. Das liegt daran, daß das Genre der Stadtzeitschrift immer nur so etwas wie ein Vorwand war (was nicht bedeutet, daß der Falter Wien nicht ernst nimmt, im Gegenteil, genauer kennt niemand die Stadt), und daß es nie darum ging, journalistisch zu sein. Journalistisch heißt ja: einen bestimmten Diskurs zu sprechen, der sich herausnimmt, das Wesentliche zu sagen und das Beiläufige nur als unterhaltsames Dekor zuzulassen, im Vermischten. Der Falter, von Leuten gegründet, denen Gegenöffentlichkeit immer bedeutete, auch anders zu sprechen, als die Diskurse von Öffentlichkeit das so regeln, ist so etwas wie ein Kaleidoskop in Form einer Zeitung: lauter kleine Splitter, die neu geschüttelt, immer neue Bilder geben und sich immer nur kurz in Balance halten. Kleine, immens lesenswerte Kolumnen (unter anderem von der Sofistin Comandantina Dusilova), Phettbergs Predigtdienst, Tex Rubinowitz, Miszellen, Marginalien, all so was. So lange ich in Wien lebte (ich lese den Falter leider kaum noch), gab es auch die besten Filmkritiken, die ich je gelesen habe, von Hans Hurch über Filmemacher, von denen heute niemand mehr weiß, Peter Nestler zum Beispiel oder Ingemo Engström.

Auch ich habe drei, vier Artikel im Falter veröffentlichen dürfen, wofür ich bis heute dankbar bin, ohne Bezahlung natürlich. Damals wäre es mir sehr merkwürdig vorgekommen, für das Schreiben Geld zu bekommen. Auf einen, viel zu langen und natürlich komplett unverständlichen Text bin ich bis heute stolz: Er handelte von Peeping Tom mit Karlheinz Böhm, den ich während der Semesterferien im Londoner ICA gesehen hatte und für den ich etwas tun wollte. Tatsächlich kaufte danach das Wiener Stadtkino eine Kopie dieses Films. Ich bilde mir natürlich ein: deswegen.

  
       
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wiener, 1985.

wiener

Zum Journalisten bin ich aus reiner Geldgier geworden. 1985 begleitete ich meine Freundin, die Claudia Preschl hieß und Theaterwissenschaften studierte, auf die Bibliothek des Theaterwissenschaftlichen Instituts. Am Schwarzen Brett hing ein Zettel, mit dem die Theaterkritikerin des Wiener einen Nachfolger suchte und zu Proberenzensionen ermunterte. Claudia und ich brauchten Geld, beschlossen, uns getrennt voneinander zu bewerben, für den Fall, daß man einen von uns nähme, die Arbeit und die Honorare zu teilen, und gingen noch an diesem Abend in zwei verschiedene Theateraufführungen. Für mich wurde es der zweite Theaterbesuch meines Lebens.

Einige Wochen später bekam ich zwei Anrufe, einen für Preschl, einen für Praschl, und mußte erst mühsam erklären, daß ich mich nicht als Frau ausgegeben hatte, um die Geschlechterpräferenzen des Wiener zu testen. Von da an hatte der Wiener ein Theaterkritikerpaar: Preschl und Praschl, ladies first. Claudia stieg nach eineinhalb Jahren wieder aus, ich blieb Journalist.

Zwei Jahre lang bin ich jede Woche fünfmal ins Theater gegangen, man nennt das wohl learning bei doing. 95 Prozent aller Vorstellungen waren beleidigend schlecht, die restlichen fünf so gut, daß ich sie für immer und ewig in Erinnerung behalten werde. Zadeks Baumeister Solness zum Beispiel. Oder die Gruppe Amok im Dramatischen Zentrum. Oder das Beinharttheater mit Sophie Rois, bekannt aus Film und Fernsehen. Die übelste Vorstellung: eine Jan Fabre-Produktion beim Frankfurter Festival Theater der Welt: Schauspieler liefen, mir kam es stundenlang vor, um Tellertürme herum. Aha. Nach zwei Jahren haßte ich jedes Theaterstück, jede Idee von Theater, jede Idee von Schauspielerei, Als-ob, Nur-so-tun. Ich war immer knapp davor, mitten in der Vorstellung aufzuspringen, zur Bühne zu laufen und zu brüllen, ob denn niemand merke, daß das alles nur gespielt sei. Tat ich dann aber doch nicht, obwohl es gut gekommen wäre, besonders bei Shakespeare.

Weil mir das Studieren zusehends auf den Geist schlug und weil ich mit dem Theater nicht mehr konnte, habe ich dann begonnen, auch über anderes zu schreiben. Mein peinlichster Artikel war ein satt aufgemachtes Zeitgeist-Stück über Zierfische als neueste Yuppie-Haustiere, nebst einem Infokasten zum Thema: Welcher Fisch paßt zu welchem Typ (Piranhas zum Wall Street Tycoon und so weiter).

Woran ich mich auch gerne erinnere: Als wir einmal in der Redaktionskonferenz stundenlang über die Möglichkeit multipler Orgasmen bei Männern diskutierten, eine Titelgeschichte namens "Fünfmal kommen - kein Problem" beschlossen, die sich in Masturbationsübungen zur Erzielung desselben erschöpfte, und am Erstverkaufstag von ungefähr 999 Journalistenkollegen angerufen wurden, die alle wissen wollten, ob wir heute schon gewichst hätten. Als wir einmal eine Geschichte über die japanische Szene Sex, Dlugs and Lock´n´Loll nannten (und es war die Titelgeschichte!). Als ich mich einmal für eine Geschichte mit einer 50jährigen Stripperin namens Magda Mayer traf, die mir von ihrem Engagement auf einem Offshore-Casino-Schiff vor Dubai erzählte (fand ich alles gut, was sie erzählte, vor allem, daß sie dabei fast nichts anhatte...). Und wie Lukas Lessing, heute Berlin, in der Reitschule, wie wir unser Großraumbüro nannten, beim Artikelschreiben immer wieder mal seine mitgebrachte Tochter wickeln mußte: roch nicht so toll, sprach aber für den Arbeitsplatz.

Der Wiener war so lange in Ordnung, bis Michael Hopp, heute Hamburg, gefeuert wurde. Danach kündigten alle. Die meisten gingen zu Tempo, ein paar zum deutschen Wiener, ich mußte noch so lange bleiben, bis ich meinen Zivildienst hinter mich gebracht hatte. Dann war auch ich weg.

  
       
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stern.

stern

Rewind: Der Stern brachte ein Doppelseitenfoto. Der aufgebahrte verhungerte Holger Meins. Models hätten getötet für diese Wangenknochen, aber diese Wangenknochen waren ad majorem gloriam revolutionis so knochig. Er hat sie sich verdient, den Staat wollte er zwingen, aber der Staat blieb hart und gab ihm nichts zu essen. Da lag er nun. Seine großen toten Augen waren zwei schwarze Strudel, in die ich hineinlaufen wollte mit meinem Hunger nach Revolution. Zwei Meins-Augen wollte ich selber haben und mit einem Meins-Hirn denken. Der Stern war ein deutsches Magazin und erzählte jeden Donnerstag deutsche Geschichten, die ich nicht verstand, nur die Andreas Baader-Ulrike Meinhof-Holger Meins-Geschichten verstand ich, den Plattenspieler von Baader, den Galgen von Meinhof, die Wangenknochen von Meins. Einen Vollbart hatte er sich wachsen lassen, ausgeborgt von den russischen Narodniki, und es krallten sich in seinem linnenen Totenhemd knöcherne Hände ineinander. Sein Leib komme, sein Wille geschehe. Doppelseite, randabfallend, ein prima Foto war das.

Fast Forward: Im Februar 1988 habe ich beim Stern begonnen, Kulturressort. Ich war beim deutschen Wiener in München, ein Scheißjob zum Schluß, weil der Bauerverlag das Blatt gekauft und die Redaktion nach Neuperlach verlegt hatte, jeden Morgen mußte man eine dreiviertel Stunde in die Pampa hinaus, und der Teppichboden war kackbraun und die Kantine hieß "Brotzeitstüberl", und am Weg zu unserer Redaktion mußte man an der des Playboy vorbei, die dreidimensionale Titten in die Flure gehängt hatte, und eigentlich wollte ich ja zu Tempo, aber dann rief der Stern an und wollte mich haben. Ich dachte an das Holgermeinsfoto und sagte zu.

Im Stern bin ich mir dann ein Jahr lang wie der größte Idiot aller Zeiten vorgekommen. Mein Ressort lag im siebenten Stock, ich hatte mein Büro im achten, der Geschäftsführungs-Etage, die Teppichböden waren spinatgrün. Da saß ich nun und hörte dem Rauschen der Klimaanlage zu. Manchmal kam eine Frau in weißem Kittel vorbei und brachte mir Kaffee. Es war mir nicht wirklich klar, was man von mir wollte. Ich war eingestellt worden, weil ich bei einem Zeitgeistmagazin gewesen war, und nun sollte ich über Justus Frantz schreiben. Oder über David Hockney, was zwar okay war, aber beim Briefing sagte mein Ressortleiter, ich solle besonders auf seine Socken achtgeben, ja die Socken, Herr Praschl, und das hat mich hochgradig verstört. Lange ist nichts gedruckt worden von mir, man begann allmählich, mich als Fehlinvestition zu betrachten, ich kann mich erinnern, daß sogar das Wort Probezeit fiel. Nach einigen Monaten zog ich in den vierten Stock um, in den Autorenflur, wo die Edelfedern saßen. Den Kaffee mußte man sich jetzt selber holen, die Klimaanlage rauschte noch immer, ich wußte noch immer nicht, was man von mir wollte. Draußen vor meinem Zimmer hörte ich die Edelfedern intrigieren, und oft fiel dabei das Wort "unterirdisch", das Schlimmste, was einem im Stern nachgesagt werden konnte. Manchmal unterhielt ich mich mit dem Kollegen Gütt. Wir waren beide depressiv, und nach der deutschen Wiedervereinigung hat er dann ja auch Selbstmord begangen.

Nach ungefähr einem Jahr hatte ich mich freigeschrieben, nach einem weiteren Jahr wurde ich, mehr aus Zufall, Kulturressortleiter, zuerst kommissarisch, dann richtig. Es war ein gutes Ressort, Albig Michaelsen Siemens Winnemuth, the old spirit, nichts Unterirdisches mehr. Wir arbeiteten viel, es wurde gedruckt, manchmal wunderten wir uns selbst darüber. Sechzehn Seiten über Grateful Dead. Ein Gipfeltreffen zwischen Mulisch und Nooteboom, das immense Spesen verschlang, weil die beiden Herren einander bei der Weinauswahl bis zu unserem Bankrott überbieten wollten. Große Enthüllungsgeschichten über die Hitparaden-Manipulationen der deutschen Musikindustrie, sogar über den Golfkrieg haben wir geschrieben. Winnemuth recherchierte wochenlang eine Geschichte über Haschisch, nahm im Amsterdam am Cannabis Cup teil und kam bewußtseinserweitert zurück, wurde damit aber leider nie gedruckt, weil die Chefredaktion schließlich befand, daß Haschisch doch eine Einstiegsdroge ist. Und so weiter.

War gut. All good things must pass. War irgendwann mal nicht mehr gut. Meike und ich gingen zur Amica, die sich merkwürdigerweise immer noch mehr wie eine richtige Zeitschrift anfühlt.

Ach, und meine Lieblingslehre aus der Sternzeit stammt vom Textchef Dietrich Langenkamp: "Hauptsache, die Scheiße blockt." Da hatte er recht.

  
       
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jungle world.

jungle world

Die Jungle World ist eine linke Wochenzeitung und erscheint in Berlin. Niemand hat so gute Interviews, niemand hat ein so gutes Feuilleton. Und niemand einen so guten Seite-Zwei-Zeichner (wenn Tex Rubinowitz im Falter auf Seite Zwei stattfände, wäre ich allerdings unsicher). Meine Lieblingszeichnung in der Jungle World ging so: Ein Radiomoderator sitzt vor seinem Mikrophon und sagt: "Ich verlese jetzt die Namen der Personen, die mich am Arsch lecken können. Die nachfolgenden Sendungen verschieben sich um etwa dreieinhalb Tage...". In der Jungle World schreiben manchmal auch Georg Seeßlen, Filmkritikergott, obwohl er Eyes Wide Shut dufte fand, und Robert Kurz, Theoretikergott, dem sogar viele Linke vorwerfen, er befände den Kapitalismus für zu negativ. Auch der Schriftstellergott Uwe Nettelbeck hat in der Jungle World veröffentlicht - und zwar ein Dossier über seinen Briefwechsel mit dem Verleger Klaus Wagenbach über dessen Vorschlag für einen Autorenvertrag angelegentlich einer geplanten Neuauflage der "Dolomitenschlacht", aus der dann doch nichts geworden ist, weil Wagenbach nicht angemessen löhnen wollte. Eine Zeitlang hatte die Jungle World eine Kolumne mit dem Titel "Wo waren Sie, als das Sparwasser-Tor fiel?" (Für die nichtdeutschen Sofa-Leser: Sparwasser war DDR, das Tor fiel gegen die BRD). Die Jungle World ist antideutsch, lustig, macht schlauer, ist großartig layoutet, nannte die Titelgeschichte über Jörg Haider juristisch genial "Ski Heil!" (über einem zum Haidergruß erhobenen Paar Skiern...), und ihr Diskussionsteil nennt sich "Disko". So eine Zeitschrift ist die Jungle World, und wenn ihr mir einen Gefallen tun wollt, kauft ihr sie gleich morgen früh.

  
       
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new yorker.

new yorker

Einmal würde ich gerne eine Geschichte im New Yorker veröffentlichen. Sagen wir, über einen Bienenforscher. Oder über einen Typen, der seit zwanzig Jahren die Särge in der Kapuzinergruft abstaubt. Oder von mir aus über Jörg Haiders Postgraduate-Studien in Harvard. Der New Yorker bringt solche Geschichten, vierzig Manuskriptseiten, kein Problem. Ich weiß das, weil ich seit sieben Jahren jeden New Yorker lese und archiviere, in einem Industrieregal, das es nicht mehr lange machen wird. Wenn ich eine Geschichte im New Yorker veröffentlicht hätte, könnte ich im Bewußtsein sterben, daß mein Leben nicht vergeudet war. Warum sagt meine innere Stimme jetzt: In Wirklichkeit magst du bloß steinalt werden, Praschl...

  
       
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twen.

twen

When I was just a little girl, I asked my mother: what will I be? Will I be pretty, will I be rich? This is what she said to me: Que sera sera, what ever will be will be.

Dass ich Journalist geworden bin, lag dann zu einem nicht unerheblichen Teil an der Zeitschrift twen. twen war von 1959 an die erste hippe Zeitschrift in Deutschland. Es wurden dort Fragen verhandelt wie: "Jungfräulich in die Ehe?", "Liebhaber oder Ehemann?", "Wie fühlt man sich eigentlich in einem neuen Ferrari?". Zeitgeist also, ehe es Zeitgeist gab. Jeden Monat brachte mein Vater das neue Heft mit (wie das "konkret", in dem damals noch Ulrike-Marie Meinhof schrieb, und die deutsche "Epoca", eine Art Geo-Vorläufer, nur wesentlich cooler und nicht so bildungshubernd, Italian style eben...). Ich war 12, 13, 14, als ich begann, auf twen zu gieren, anfangs wahrscheinlich wegen der Hippie-Geschichten da drin und der Sex-and-Love-Texte, man braucht ja Orientierung in der Pubertät, und immer nur die Bademodenstrecken im Quelle-Katalog waren langweilig. Bald aber gierte ich auf die Machart, auf den Stil, die Attitude: so umwerfend wie in twen war sonst kein einziges Zeitschriften-Layout. In twen gab es radikal beschnittene Fotos, Doppelseiten randabfallend nur eine Hand oder ein Gesichts-Close-Up. Es gab Ziffern in 234 Punkt. Es gab noch und nöcher Weißraum. Es gab Bildgeschichten: einer der interviewt wurde, viermal hintereinander, während er eine Zigarette raucht. Es gab Fotostrecken mit Paaren, die einander küssten, realistisches Schwarzweiß, nix Inszenierung, nix Models. Niemand hatte das sonst, und es elektrisierte mich. Nicht, dass ich damals verstanden hätte, warum, nicht, dass ich damals gewusst hätte, dass man so etwas "Layout" nennt: es sah bloß unfassbar gut aus. So gut, dass ich dachte: So etwas mag ich auch einmal machen, bei so einem Laden will ich auch einmal sein...

Im August 2000 habe ich für 635 Mark 66 Hefte von twen antiquarisch gekauft, per Internet beim Antiquariat des Wiener Burgverlags. Es sind die Hefte, die ich nicht mitbekommen habe damals, die frühen Jahre zwischen 59 und 67, in denen ich mich eher für "Andy und Bessy" oder "Fix und Foxi" interessierte als für eine Zeitgeistzeitschrift. Macht aber nichts, denn damals war twen ganz in der Hand des Art Director-Genies Willi Fleckhaus, des besten Zeitschriftenmachers, den es je in Deutschland gab (er hat später das FAZ-Magazin gestaltet, und Ihr kennt seine edition suhrkamp-Cover). Fleckhaus war ein visuelles Genie, er konnte sehen, er erzählte in Bildern, er vertraute den Fotos, er müllte nicht jede Seite mit 6 Bildern zu, sondern zog irgendein Detail riesig groß, und man wußte auf den ersten Blick, was die Geschichte wollte. Jetzt sitze ich oft da und studiere die alten twens und muss oft lachen über die Probleme, die man damals hatte und bin gelegentlich sehr erschrocken darüber, wie die Generation meiner Eltern dachte: dass man deswegen Jungfrauen bevorzuge, heisst es etwa in Leserbriefen, weil man ja auch keinen Gebrauchtwagen fahre.... Es gibt pro twen ein, zwei gute bis brillante Artikel - und sonst viele entbehrliche bis ärgerliche. Aber das Layout elektrisiert mich noch immer. Und immer noch wäre ich gerne in so einem Laden....

(P.S.: Die beste Version von "Que Sera" stammt von Sly and the Family Stone" und ist Track 9 des 1973 erschienenen Albums "Fresh")