logo
100 150
100 7 Geschichts-Schreibungen von peter praschl 150
100    150
1

rebecca west. gewächshaus mit alpenveilchen.

west

"Wie sehr auch ein Mann Recht und Gesetz liebt, er konnte nicht so viel davon lieben, wie sich auf schleppenden Wegen durch das Gerichtsgebäude von Nürnberg wand. Für alle, die da waren, wurde dies ohne Ausnahme ein Ort der Selbstaufopferung, der Langeweile, der Kopfschmerzen, des Heimwehs."

Eine, die da war, war Rebecca West, britische Schriftstellerin, von Virginia Woolf als eine "Mischung aus Putzfrau und Zigeunerin" beschrieben, womit Frau Woolf möglicherweise gewisse handgreifliche Züge in der Prosa und gewisse nomadische Unruhen im Leben Frau Wests gemeint hat. Rebecca West war vom "Daily Telegraph" entsandt worden, um im Nürnberg des Jahres 1946 über den Prozeß gegen die erste Garnitur der Nazis zu berichten. Wie jeder, der damals in Nürnberg und kein Nazi war, sehnte sie sich nach einem schnellen Ende dieser merkwürdig legalistischen Veranstaltung, und wie jedem waren ihr die Deutschen, die nichts gewußt und nichts dafür gekonnt hatten, milde ausgedrückt: verdächtig. Die Reportage, die in Erwartung des Urteilspruchs entstand, schildert in erbarmungslos verächtlichen und deswegen erbarmungslos wahren Sätzen, wie man sich als zivilisierter Mensch im "Herzen des Weltfeinds" so fühlte - beschmutzt, leicht schmierig, belästigt. Man hätte sie gleich umlegen sollen. Stattdessen mußte man in Nürnberg herumhängen und dem Recht Genüge tun. So war das damals, und niemand hat es so gut erzählt wie Mrs. West. Wer sich je ernsthaft gefragt hat, warum Nichtdeutsche Deutschen immer alles zutrauen (bis hin zur Anmaßung, fair behandelt zu werden, nachdem man eben sechs Millionen Juden gekillt hat), wird im "Gewächshaus" die nötigen Antworten finden.

pp
7
 
       
2

karl-markus gauß. die vernichtung mitteleuropas.

gauss

"Die Rückkehr wäre vergebens, und die Heimkehr ist nicht möglich, weil die Welt, in die sie zurückführen sollte, nicht mehr existiert, zerstört ist und nicht wieder gefunden werden kann, es sei denn, im Gedächtnis der Literatur."

Karl-Markus Gauß, Österreicher und Essayist, was ein Synonym sein sollte, es aber viel zu selten ist, ist ein Historiker der "Ränder", und tatsächlich heißt so eine von ihm herausgegebene zweibändige Anthologie. In seinen Büchern beschäftigt er sich mit der Literatur Mitteleuropas - nicht des geopolitischen Raums, von dem die Politiker und Militärs sprechen, wenn sie darüber nachdenken, wo man Geschäfte machen und wo man Herrschaften errichten könnte, sondern des ethnisch unsortierten, balkanesischen, ehemals kaiserlich-königlich-anarchistischen Mitteleuropas, mit dem es immer schon schwer war, Staat zu machen. In DIESEM Mitteleuropa hat es eine Unzahl von immens lesenswerten Schriftstellern gegeben, die entweder vergessen oder gar nicht erst bemerkt worden sind. Nicht, weil ihre Literatur nicht bemerkenswert wäre. Sondern weil die Menschen, die sie lesen, lieben und rühmen könnten, vermutlich ebenso versprengt sind wie ihre Produzenten: Wer interessiert sich schon für Kroaten, die wütende Abrechnungen mit Habsburg verfaßten, auch wenn diese jederzeit alle erdenklichen Großschriftstellergroßwerke beschämen könnten? Wer nimmt schon die Mühe auf sich, Banatschwaben, vielfach vertriebenen Galiziern, ethnisch suspekten Dorfsagaschreibern Gehör zu schenken? In der "Vernichtung Mitteleuropas", erschienen im Lojze Wieser Verlag (Klagenfurt oder Celovec, wie Klagenfurt slowenisch heißt), erinnert Gauß an ein Dutzend dieser Autoren - Johannes Weidenheim zum Beispiel, der grandiose Romane erfunden hat, aber auch Kurt Sonnenfeld, einen, wie die Nazis gesagt hätten, jüdischen Asphaltliteraten, der immens instruktive Kolportagegeschichten über die Wiener Unterwelt der 20er und 30er Jahre schrieb. Zerrissene Biographien, neglected talents, Welten, in denen das Wunder und das Pogrom immer ganz knapp nebeneinander liegen. Gaußens Texte sind so etwas wie ein Epitaph auf eine Gesellschaft, die das Multikulturelle jedenfalls noch versucht hat, und in der man noch wußte, daß man sich völkischen Nationalismus nur um den Preis des gegenseitigen Abschlachtens leisten kann. Das ist vorbei. Mitteleuropa gibt es nicht mehr. Dafür richten die Europäische Wertegemeinschaft und die Internationale Staatengemeinschaft denen dort unten jetzt Kantone ein. Fortschritt nennt man das wohl.

  
       
3

totenbuch theresienstadt.

theresienstadt

"Pragmann, Oskar    *5.4.74
1-211                      Bo-1624

Praus, Helene          *8.3.72
14c                         **15.4.43

Prazak, Friedrich       *7.9.74
3-414                      **11.5.45

Prazak, Otto             *10.6.76
                              14o                          **23.2.44

                           ¶ Preis, Hermine            *14.9.70
                              7                                          ?"

Das traurigste Buch, das ich besitze, besteht nur aus Namen, von Alexander, Jeni bis Zwirn, Herrsch.

"1. Das Buch enthält ohne Rücksicht auf Staatsbürgerschaft und letzten ordentlichen Wohnsitz die Namen jener Verfolgten, welche aus Österreich nach Theresienstadt deportiert wurden und entweder dort starben oder von dort nach dem Osten deportiert wurden und nicht zurückkehrten. In der überwiegenden Zahl der Fälle handelt es sich aber um Österreicher.
Vollständigkeit wurde angestrebt, aber vermutlich nicht erreicht.
(...)
3. Alle Transporte aus Österreich nach Theresienstadt waren mit der Zahl IV gekennzeichnet. Diese Ziffer wurde daher im Buch weggelassen. Ihr folgte die Zahl des Transportes und die Nummer der Verfolgten im Transport unter arabischen Ziffern. 1-100 bedeutet somit, daß der Verfolgte mit dem ersten Transport aus Österreich nach Theresienstadt unter der Nummer 100 deportiert wurde.
4. Unter dem Namen des Deportierten ist die Nummer des Transportes und seine Transportnummer nach Theresienstadt, in der zweiten Zeile das Todesdatum oder die Nummer des Transportes nach dem Osten angeführt.
¶ vor dem Namen des Verfolgten bedeutet, daß dieser in Wien als nach Theresienstadt deportiert verzeichnet ist, jedoch in der Prager Kartei nicht aufscheint. Infolgedessen ist sein weiteres Schicksal in der Regel nicht bekannt.
(...)
5. Unbekannte Daten sind durch ein Fragezeichen (?) ersetzt.(...)
(...)
9. Ist unter dem Geburtsdatum nicht das Todesdatum angeführt, dann bedeuten die angeführten Buchstaben den Transport aus Theresienstadt nach dem Osten, die Ziffer die Transportnummer des Deportierten. Die Transporte gingen nach den im folgenden Verzeichnis angeführten Orten. (...)
(...)
Bo      Maly Trostinec?     21.9.42
(...)"

Dieses Buch erschien erstmals 1971 und wurde 1987, herausgegeben von Mary Steinhauser und dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, vom Wiener Junius Verlag neu verlegt. Die Buchpräsentation fand am Sonntag, dem 22. März, um 11 Uhr, im Jüdischen Gemeindezentrum, Seitenstettengasse 2, 1010 Wien, statt. An jenem Tag hingen überall in Wien judensterngelbe Plakate, auf denen in einer Art Sprühschrift-Typographie der Slogan "Jetzt erst recht!" stand. Die Plakate forderten die Österreicher zur Wahl des ehemaligen SA-Mitglieds und UN-Generalsekretärs Kurt Waldheimzum österreichischen Bundespräsidenten auf. Die Österreichische Volkspartei, die diese Plakate damals anbringen ließ, ist heute Regierungspartei, und der aktuelle Bundeskanzler, Schüssel, war damals schon deren Mitglied.

  
       
4

hans h. hiebel (hrsg). kleine medienchronik.

medien

"1753 In der Februarausgabe des Scot´s Magazine schlägt ein anonymer Verfasser mit den Initialen C.M. erstmals einen elektrischen Telegraphen vor. Seine Idee umfaßt das Anziehungsverhalten elektrisierter Kügelchen oder auch unterschiedlich hoher Glockentöne für den Wechselsprechbetrieb.
1767 Josephus Bozolus macht den Vorschlag eines Funkentelegraphen mit nur einer einzigen Leitung und einem Code für die Übertragung von Buchstaben. Mit C.M. und Bozolus sind die beiden grundlegenden Möglichkeiten der buchstabenweisen Nachrichtenübertragung (eine individuelle Leitung pro Zeichen und eine einzige Leitung für einen codierten Zeichensatz) formuliert."

Der Mensch ist ein sign producing animal. Was er sich ausgedacht hat, um die Zeichen von A nach B zu bekommen, ist in der "Kleinen Medienchronik" Eintrag für Eintrag penibel aufgelistet. Es gibt auch eine "Große Medienchronik" mit Kommentaren und Einführungen. Ich ziehe die auf die Fakten abgespeckte Kurzversion vor. Sie ist poetischer, weil sie die einzelnen Erfindungen nicht in Fortschrittslinien einschreibt. Glockentöne bleiben Glockentöne und sind nicht bloß charmante Vorspiele des eigentlich Entscheidenden. Ich lese oft in diesem wundersamen Buch und male mir aus, es gäbe all diese ausgestorbenen, nie realisierten, bloß ausgedachten Kommunikationswege noch, und wir könnten zum Beispiel elektrisierte Kügelchen verschicken, um einander die Liebe zu erklären.

  
       
5

gunther schuller. early jazz.

early jazz

"All previous attempts to comprehend African rhythmic usages hat made two fatal mistakes: the African music was approached by way of European music, and no knowledgeable African was consulted who could, on one way or another, verify or refute the results of the findings. It is important to realize that the European point of view in this case does not merely lead to a wrong slant on the subject or to slight discrepancies in the facts, but, because the rhythmic organization of European music is totally different, it leads to "discoveries" diametrically opposed to the actual African musical practice. Prior to Jones´s work, even the most careful notations of African rhythms were of little value, since their basic orientation was wrong. I recall somewhat shamefacedly my own efforts to transcribe African musical examples from recordings, in which I tried naively to harness the music within Eureopean-based time concepts, and I remember my bewilderment in the face of the enormity of the transcriptual problems."

Früher Jazz gilt meistens selbst Jazz-Liebhabern als Vorstufe, noch nicht angekommen, Begräbnis-, Bordell- und Unterhaltungsmusik. Gunther Schuller, Musikwissenschaftler, Arrangeur (auf frühen Miles Davis-Platten) und Komponist des sogenannten "Third Stream", zeigt in diesem titanischen Buch, was früher Jazz tatsächlich ist: etwas völlig Neues, die Geburt einer unerhörten Musik, gezeugt aus einer Rhythmik, die so komplex ist, daß weiße Musikologen sie lange nicht mal notieren konnten und einer genialen Doppelstrategie ehemaliger Sklaven, denen die eigene Musik von den slave masters verboten wurde: Sie nahmen die der Europäer und remixten sie sozusagen. Sie taten so, als spielten sie Musik ihrer Unterdrücker nach - und machten ihre eigene. Samples, Loops, Zitate: all das sind schon die Waffen der frühen New Orleans-Jazzer. Schuller, ein klassischer WASP übrigens, war der erste, der das ernst genommen hat; seine Beweisführung bedient sich der avanciertesten Methoden der Musikologie. Deswegen ist das Buch gelegentlich nicht einfach zu lesen (wer etwas mit Partituren beginnen kann, hat mehr davon), aber wer die Mühe auf sich nimmt, kann viel lernen. Auch lieben lernen: eine Musik, die zu Unrecht mißachtet wird.

  
       
6

robert kurz. schwarzbuch des kapitalismus.

kurz

"Nach Angaben des Agrarhistorikers Slicher van Bath hat Wallerstein dazu eine entlarvende Tabelle bezüglich des Reallohns eines englischen Zimmermanns pro Tag (in Kilogramm Weizen) vom 13. bis zum 19.Jahrhundert zusammengestellt.

Zeit             Reallohn
1301-1350       94,6
                              1401-1450      155,1
                              1601-1650       48,3
                              1701-1750       94,6
                              1751-1800       79,6
                              1801-1850       94,6

Es ist ein Hohn: Im glorreichen 19. Jahrhundert der Industrialisierung erreichte der Lebensstandard gerade wieder einmal das Niveau des hohen Mittelalters, ohne auch nur im entferntesten an den spätmittelalterlichen Standard des 15. Jahrhunderts heranzukommen."

Robert Kurz, einer der Köpfe der "krisis"-Gruppe, über deren Arbeiten man sich auch im Internet informieren kann, ist ein auch von den meisten Linken beschimpfter Historiker. Was daran liegt, daß auch die meisten Linken dem Kapitalismus viel und der historischen Wahrheit wenig abgewinnen können. Der Tenor der Kritik lautet: Wo bleibt denn das Positive, Herr Kurz? Jeder vernünftige Mensch weiß, daß das eine Frage ist, die Einverständnis erpressen will. Kurz läßt sich nicht erpressen. Sondern schreibt, ganz rankehaft, auf, wie es gewesen und, in den Zeiten der New Economy, immer noch ist. Keine schöne Geschichte.

  
       
7

egon friedell. kulturgeschichte der neuzeit.

friedell

"Die experimentelle Psychologie und die experimentelle Physik gelangen zu demselben Resultat. Die Seele ist überwirklich, die Materie ist unterwirklich. Zugleich aber erscheint ein schwacher Lichtschimmer von der anderen Seite.
Das nächste Kapitel der europäischen Kulturgeschichte wird die Geschichte dieses Lichts sein."

Stattdessen kamen die Nazis. Am 16. März 1938, kurz nach dem Einmarsch Hitlers in Wien, nahm sich Friedell, Schauspieler, Theaterautor und Privatgelehrter von einer wahrhaft zyklopischen Belesenheit, das Leben. Niemand hat so verzückt, so apodiktisch, so nervös und so bösartig über die Abenteuer des Geistes geschrieben wie er.