logo
100 150
100 7 filme von peter praschl 150
100    150
1

frühstück bei tiffany´s.

tiffany

Es gibt vermutlich mehr als 100 gute Gründe, diesen Film innig zu lieben. Ein paar davon kann ich beitragen. Der Hals von Audrey Hepburn. Ihre flatternden Arme, wenn sie geht. Die Perlenkette. Das Kleid. Moon River von Henri Mancini. Daß es keinen Film gibt, zu dem Kartoffelpürree, Martinis, Bitterschokolade besser schmecken. Und dann stand ich mit Meike bei Tiffany´s, und es sah genauso aus wie im Film, und wir kauften Eheringe. Wo sonst als bei Tiffany´s. Mit wem sonst als mit Meike. Ja sage ich ja ja ja.

pp
7
 
       
2

pierrot le fou.

pierrot le fou

Pierrot le Fou ist ein klassischer Rebellenpärchenfilm. Belmondo und Bardot in einer Rolle à la Bonnie et Clyde oder Baader und Ensslin, so in der Art. In den 70ern waren ja Rebellenpärchen sexy und nicht Leute wie Harry and Sally. Sexy Anarchismus gegen die unsexy spießige kleinbürgerliche geldgeile Gesellschaft. In einer phantastischen Szene wird eine Party gezeigt, bei der die Männer einander Werbespot-Texte über Autos, die Frauen einander Frauenzeitschriften-Texte über Kosmetika um die Ohren hauen, die Frauen alle oben ohne, ohne daß das jemand bemerken würde, ist eben so. Natürlich geht die Sache tödlich aus. Für Belmondo. So ist das ja immer mit Rebellionen

  
       
3

live and let die

bond

Ich war 16, ich war auf Sprachferien in England, ich war das erste Mal in London, der neue James Bond war raus, um das Kino stand eine immens lange Schlange von Menschen, die ihn sehen wollten, wir bekamen noch Tickets, das Kino war das erste große Kino, in dem ich je saß, eine gigantische Leinwand, Plüschlogen, Popcorntüten, Eisverkäufer, 20 Minuten großartige Werbespots, Vorhang zu, Vorhang wieder auf, Live And Let Die. Seitdem halte ich auch Paul Mc Cartney für den besseren Beatle. Wer mir widerspricht, muß zur Strafe fünfzigmal John Lennons Working Class Hero hören.

  
       
4

la battaglia di alghieri.

revolution!!!!

Eines der wenigen wirklich guten pädagogischen Angebote meiner Schulzeit war der Filmring der Jugend. In der 6. und 7. Klasse des Gymnasiums (in Deutschland die 10. und 11.) gingen wir einmal monatlich vormittags ins Kino. Das wäre schon alleine deswegen klasse gewesen, weil ausnahmslos jeder Film besser gewesen wäre als, sagen wir Latein bei Riedesser oder Sport bei Weiss. Merkwürdigerweise aber waren die Filme, die man uns vorsetzte, außerordentlich gut. Achternbusch, Bierkampf zum Beispiel, der reinste Anarchismus. Oder Faßbinders Effi Briest, eine Literaturverfilmung zwar, aber dennoch.

Und eben die Schlacht um Algier über den Befreiungskampf der Algerier gegen die französische Kolonialmacht. Ein explizit revolutionärer, um nicht zu sagen: terroristischer Film. Der den Volksaufstand rühmte. Abgesehen davon, daß es sich um einen fantastischen Action-Movie mit fantastischen Schauspielern handelte. Das alles 1977, man erinnert sich: Deutscher Herbst. Wir waren zwar in Österreich, aber dennoch. Irgendetwas wollte man uns damit sagen, nehme ich an. Diese merkwürdige Hysterie, die damals in der Luft lag. Am Tag nach der Erstürmung der Landshut durch die GSG 9, dem Selbstmord der RAF-Häftlinge in Stammheim, der Entdeckung von Schleyers Leiche in einem Kofferraum nahe der deutsch-französischen Grenze sagte meine Deutsch-Professorin (wir nannten Lehrer Professoren...), eine Frau mit Kleopatra-Frisur, in die ich mich verknallt hatte, wir sollten nicht alles glauben, was in den Zeitungen stünde. Es gäbe sicher auch politische Gründe für das, was die RAF täte. Und Schleyer wäre SS-Mann in Prag gewesen und hätte dort die Judenabtransporte mitorganisiert. Nein, sie war weit davon entfernt, eine Linke zu sein. Bloß jemand, der couragiert genug war, Schüler aufzufordern, die ganze story zu recherchieren. Was das mit der Schlacht um Algier zu tun hat? Dasselbe Jahr, dasselbe Zittern der Erde unter den Schuhen. Ist lange her. Sehr lange.

  
       
5

im reich der sinne.

reich der sinne

Als Reich der Sinne in die Kinos kam, war ich siebzehn. Selbstverständlich war der Film erst ab 18. Selbstverständlich sah ich ihn mir gleich an. In einer Nachmittagsvorstellung in einem Linzer Kino, das es längst nicht mehr gibt. Neben mir saß als lebendes Klischee ein Mann im Trenchcoat, im Schoß einen Hut, unter dem er nach dreißig Minuten zu onanieren begann. Bis ich ihm so laut sagte, daß die Reihen vor uns sich umdrehten, daß er mit dem Wichsen aufhören sollte, ich würde gerne den Film sehen. Was die reine Wahrheit war. Das Reich der Sinne war der erste Porno meines Lebens, und ich wünschte, er wäre der einzige geblieben, obwohl es ja insgesamt nur vier oder fünf waren, rein forschungshalber, versteht sich. Was ich umso leichter sagen kann, als mich das Gerammel in ihnen nun wirklich nicht erregt hat.

Das Reich der Sinne allerdings erregte mich. Und wie. Weil in ihm die Schauspieler keine Schauspieler waren, sondern es ernst meinten. Das Sterbenwollen beim Sex. Das Außersichsein beim Sex. Das Überwältigtwerden beim Sex. Weil der Sex im Reich der Sinne mächtiger ist als die Menschen, die sich auf ihn einlassen. Weil er dazu führt, daß das Bewußtsein, die Identität, das Ich nachhaltig verwirrt, verstört, aus der Bahn geworfen werden. Während in den anderen Pornos die Ichs immer nur Ichs blieben, die man nicht kennenlernen wollten. Reich der Sinne war Ekstase. Ekstase hat, wie das Wort ja sagt, etwas mit dem Aus-dem-Stand-geworfen-zu-werden zu tun. Manchmal bilde ich mir ein, daß Sex nur deswegen mögen konnte, weil ich mit 17 Das Reich der Sinne sah. Die Mächtigkeit von etwas, das größer ist als man selbst. Wie eine Welle, auf der man surft. Oder der Himmel über uns. Das moralische Gesetz in uns. Erhabenes, ganz kantianisch, Kritik der Urteilskraft. Schade, daß 17jährige im Jahre des Herrn 2000 eher RTL II-Filme sehen werden als das Reich der Sinne. Physik statt Metaphysik.

  
       
6

der dialog.

conversation

Keine Ahnung, warum ich diesen Film so mag. Das Gesicht von Gene Hackman, natürlich. Diese Paranoia die ganze Zeit. Das Kammerspielhafte. Daß einer dasitzt und die ganze Zeit Tonbändern zuhört. Die cinéma verité - Sequenzen. Leute, die auf der Straße gehen, und irgendwas ist im Gange, aber man weiß nicht was. Daß es so sehr ums Hören geht in diesem Film und nicht so sehr ums Sehen. Wahrscheinlich ist es das. Sonst würde ich Blow Up lieber mögen. Mir sind aber immer die Tonspuren wichtiger gewesen. Und Tonbänder. Krapps Last Tape. Nono. Hörspiele im Radio. Was immer das bedeuten könnte, falls es überhaupt etwas bedeutet.

  
       
7

die mutter und die hure.

maman

Die Mutter und die Hure von Jean Eustache ist ein Film wie ein Kater nach einem gigantischen Besäufnis. Wie der große Katzenjammer nach einem großen Leichtsinn. Wie der Blues nach einem Pop-Hit. Oder wie die Wahrheit, wenn die Lebenslüge an der Wirklichkeit scheitert. Der Pop-Hit ist 1968, das 1968 in unseren Köpfen. Alles ist leicht, keine Probleme, wir machen die Welt neu. Vor allem die Liebe. Ein Maulheld, Student, très libertaire, hat eine Liaison mit einer Boutiquenbesitzerin. Und eine zweite mit einer polnischen Krankenschwester. Lange sieht man zu und wünscht sich, genau so zu leben. Abhängen im Café, cool sein, coole Gespräche führen, unbeschwerten Sex haben. Ohne Besitzansprüche, na klar, wir haben eine reinere Moral als die des Kleinbürgertums.

Und dann. Dann geht alles schief. Nach mehr als drei Stunden (der Film ist nur unwesentlich kürzer als Titanic) geht alles schief. Irgendjemand bezahlt immer für das easy going, und natürlich ist es die Frau. Eine blöde polnische Krankenschwester, die auf einen Studenten hereingefallen ist. Und die sich weggeschmissen, benützt, ausgebeutet fühlt. Warum bloß? Weil sie es ist. Und in einem der besten Monologe der Filmgeschichte heult sie die ganze schäbige Wahrheit. Über 68, die freie Liebe, den Klassenkampf, die Emanzipation und das Maulheldentum heraus. Daß das Ficken nichts taugt, daß es nichts taugt, wenn man keine Babies dabei riskiert, daß es nichts taugt, wenn man einander dabei verwundet und ausbeutet und benützt und einander nicht liebt.

Für diesen Monolog verleihe ich der polnischen Krankenschwester meinen own private Oscar.