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glenn branca.

glenn branca

Zwölf, sechzehn, zwanzig Leute auf der Bühne, weiß nicht mehr so genau. Zwei Drittel von denen haben selbstgebaute Gitarren. Elektrisch kann man das nicht mehr nennen. Sagen wir: infernalisch. Dazu ein paar Keyboarder. Möglicherweise auch Schlagzeuger, weiß nicht mehr. Sie spielen eine Symphonie aus Noise. Keine Sounds, sondern Noise. Monotones Geschrammel, das immer lauter wird. Nach ungefähr drei Minuten sind vier Fünftel des 700köpfigen Publikums geflohen, und das Fünftel, das bleibt, hat panische Angst vor dem Hörsturz. Ganz langsam werden Musikmassen im Saal verschoben. Von den Betonwänden prallt das Echo zurück und versetzt dir Schläge gegen den Hinterkopf. Nicht übel. Musik, die stärker ist als du. Musik, bei der du keine Chance hast, dir zu überlegen, wie das nun eigentlich ist. Das einzige, was du machen kannst, ist: standhalten. Nach zehn Minuten hörst du von irgendwoher Melodien, ganz zart, in Tonregionen, in denen man nie gewesen ist. Zwei oder vier oder neunundneunzig Oktaven über dem Krach ist da plötzlich mehr. Ich weiß, daß man das Obertöne nennt, aber das ist ein technisches Wort, das nicht beschreiben kann, wie schön das ist. Der Krach und die Schönheit gehören zusammen, das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Auf Platten kriegt man davon kaum etwas mit, so, wie Feuerwerke im Fernsehen keine mehr sind. Branca war Musik, die sich selbst verbrennt. Gute Sache, das.

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gil scott-heron.

gil scott heron

Das erste Mal in New York sein, und alles ist, wie man es sich immer vorgestellt hat. Die Wolkenkratzer kratzen Wolken, der Central Park parkt mitten in der Stadt. Feels like coming home. In den New York Times steht, daß heute abend Gil Scott-Heron im S.O.B. spielt. Gil Scott-Heron ist der Mann, der "The Revolution Won´t Be Televised" geschrieben hat, und er singt das mit einer Stimme, die verhindert, daß MTV es zum Soundtrack eines revolutionären Videos macht. Gil Scott-Heron ist der Mann, der "Whitey On The Moon" geschrieben hat, und er rappt das mit einer Stimme, daß man die Weißbrot-NASA auf den Mond schießen möchte. So einer ist Gil Scott-Heron, und er spielt im S.O.B. S.O.B. ist die Abkürzung für sonofabitch, aber die Venue ist dann eine Latino-Kneipe und heißt "Sounds of Brazil". Guten Caiprinha gibt es da. Die Leute sitzen an Tischen, trinken Caipirinhas, und vorne auf einer kleinen Bühne spielt Gil Scott-Heron. Er hat diese Stimme, die dir sagt, daß du jetzt besser aufstehen und Revolution machen solltest. Leider ist diese Stimme so gut, daß man doch sitzen bleibt und weiter zuhört. Und wenn er zu Ende ist und die Caipirinhas ausgetrunken sind, hast du keine Stimme mehr, die dir sagt, was das Richtige ist. Deswegen wird es nie eine Revolution geben, dafür MTV und whiteys on the mars. Es gibt eine Live-Platte von Gil Scott-Heron, "Winter in America" heißt sie, und jeder sollte sie haben.

  
       
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prince.

prince

Prince ist der Frauenversteher. Er spielt in der Wiener Stadthalle, Sign O´ The Times-Tour, und alle warten nur auf das eine Lied. If I Were Your Girlfriend. Prince stellt sich darin vor, er wäre die Freundin seiner Freundin, und er stünde mit ihr vor dem Kleiderschrank und ginge mit ihr die Klamotten durch, in denen man gleich killermäßig aussehen würde. Im Konzert ist das noch viel besser als auf der Platte, weil Prince, wenn er das singt, zu deinem Girlfriend wird, und während du ihm zusiehst, möchtest du dringend eine Freundin sein, die ihn zur Freundin hat. Gender chaos. Die beste Sexshow, die ich je gesehen habe.

  
       
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jamiroquai.

jamiroquai

Das Festivalzelt gleich um die Ecke des Hamburger Hauptbahnhofs war so voll, daß der Schweiß als Kondenswasser von der Zeltdecke auf dich regnete. Ich war mit Meike da, in der Zeit, als wir schon verknallt ineinander, aber noch kein Paar waren. Alle zwanzig Minuten boxten wir uns aus dem Zelt, kauften uns eine Flasche Sekt, das einzige, was sie literweise hatten, setzten uns auf den Parkplatz und tranken in langen, gierigen Zügen. Besoffen hat uns das nicht gemacht, es verdampfte gleich wieder. Jamiroquai war als dritter dran und begann gegen drei Uhr morgens. Jason K war der einzige im Zelt, dem kalt zu sein schien. Er trug eine seiner Pelzmützen und brach dennoch nicht auf offener Bühne zusammen. Er wird lange geübt haben dafür. Das Beste an Konzerten ist, daß die Stücke viel länger dauern als auf der Platte. Der Grund dafür, konservierte Musik letztlich doch zu hassen, ist für mich: daß sie dann doch immer gleich wieder aufhört. Musik muß endlos sein, finde ich, eine ewige extended version. In Konzerten kommt man manchmal in die Nähe davon. Gegen sieben Uhr morgens, die Sonne ging gerade auf, spielte Jamiroquai eine halbstündige Version von Too Young To Die. Hörte dann leider doch auf. Und wir fingen an, einander zu lieben. Danke, Jamiroquai. Das mußte auch mal gesagt werden.

  
       
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bob dylan.

dylan

Bob Dylan habe ich zweimal gesehen, 1994 in Dresden und 1997 in Hamburg. Über das Dresdner Konzert habe ich eine Geschichte im "Stern" geschrieben, die ich hier ohne nachträgliche overdubs noch einmal veröffentliche. Man merkt dem Text an, daß ich ein Pathetiker bin. Und wie sehr ich Bob Dylan liebe.

"Bob Dylan ist jetzt 53, aber er hat es nie geschafft, sich mit mythischer Aura zu umgeben. Immer noch trägt er Klamotten, die aussehen, als hätte er sie im Fundus eines Billig-Westerns abgegriffen, immer noch lächelt er nicht, niemals, immer noch richtet er keine Sätze an sein Publikum. Dylan ist kein Popstar, nicht einmal einer dieser lächerlichen Rückfalltäter à la Mick Jagger, die alle paar Jahre beweisen müssen, daß sie ihre eigene Routine noch beherrschen. Dylan ist bloß ein Mann im betagten Nadelstreifensakko, der sich als »Columbia recording artist« ansagen läßt, eine Gitarre nimmt und seine Arbeit tut.

Sein Gesicht sieht alt und verschlissen aus, viele Erfahrungen, viel Alkohol. Ein wenig wirkt er wie einer, der am liebsten autistisch in einem Zimmer rumsitzt, aber sich dann doch bereitgefunden hat, wieder einmal den Unterhalter für ein paar tausend Leute zu geben, wie jetzt in Dresden am Elbufer, mit einem politisch korrekten Vorprogramm, »Gundermann und Seilschaft«, der »Dylan des Ostens«, aber Gundermann kann nichts dafür, so genannt zu werden. Die 12 000, die gekommen sind, nimmt Dylan kaum zur Kenntnis, seine Verbeugungen sind linkisch, aber er singt seine Lieder vor, wie seit mehr als 30 Jahren.

Warum er das immer noch tut, weiß niemand. Dylan taumelt um den Planeten, auf einem rastlosen Zickzackkurs ohne Navigator. In Juni hat er in Japan vor einem buddhistischen Tempel gespielt, in Deutschland trat er an so unglamourösen Orten wie Gotha oder Balingen auf, im August wird er auf Max Yasgur´s Farm in Bethel auftauchen, bei einem Woodstock-Gedächtniskonzert. Die Medien nennen, was er macht, seit langem beharrlich eine »Never Ending Tour«, obwohl er sagt, das sei Blödsinn, in Wirklichkeit handele es sich um völlig verschiedene Tourneen, alleine 1992 wären es fünf gewesen, darunter »The One Sad Cry of Pity Tour« oder die »Why Do You Look At Me So Strangely Tour«. Er legt Wert darauf, nirgendwo zu Hause sein, nicht einmal im Mythos einer Nie-Zu-Ende-Gehenden-Reise. Nur manchmal dringen Nachrichten aus seinem abgeschotteten Nomadenleben an die Öffentlichkeit. In Japan hat er, das war eine Sensation, den buddhistischen Mönchen Autogramme gegeben, in seinem Tourbus soll er manchmal tagelang nur rumsitzen und nichts sagen, an einer Autobahnraststätte hat er 64 Paar Clogs gekauft, in Santa Monica eine Synagoge.

Dylan ist der wichtigste Mann in der Geschichte der Popmusik: Er hat, aber das ist lange her, bewiesen, daß man sie betreiben kann, ohne davon dumm werden zu müssen, daß sich über Gefühle singen läßt, die mehr sind als das ewig pubertäre Cars & Girls-Geschmachte, er hat mit seinen Liedern die Menschen freundlicherweise stets über ihrem Niveau angesprochen und sie nicht mit Dummheit korrumpiert. Eine Zeitlang schien es, und daran trug er die Schuld, als könne populäre Musik nicht nur Spaß, sondern auch Sinn machen. Diese Zeiten sind vorbei, heutzutage landet jeder Popsong, der erträglich intelligent ist, bloß in der Alternativ-Ecke bei MTV und bedeutet nicht mehr als ein Zusatzangebot für ein bestimmtes Publikumssegment.

Dylan weiß das, er hat über die zeitgenössischen Poseure des gegenwärtigen Pop in harschen Worten das Nötige gesagt (»egoistischer degradierter existentialistischer dionysischer Idiot« oder »Alternativ-Lifestyle-Verarsche«). Und so wie er sich an keinem Ort mehr niederläßt, sind ihm auch seine eigenen Lieder, die einst Sinn machten, keine Heimat mehr. Er singt sie, natürlich, die ganzen ollen Kamellen zwischen »Mr. Tambourine Man« und »Masters Of War«, zwischen »Just Like A Woman« und »All Along The Watchtower«. Aber er zersingt sie dabei, legt keinen Wert darauf, daß sie schön klingen, oder wie eine Evergreen-Parade für Nostalgie-Süchtige. Er hat sich eine neue Band zugelegt, die beste seit vielen Jahren, manchmal läßt er ganze Strophen aus und seine Musiker machen, die dann unversehens in Hardrock-Läufen landen oder jäh in Country-Zitate ausbrechen. Dylans Musik könnte klasse zur neuen Rezessionskultur der Generation X passen, all die Bitterkeit, die hellsichtige Desillusioniertheit. Aber er legt keinen Wert darauf, auf seine alten Tage nochmals zu einer Gallionsfigur für Junge zu werden. Natürlich singt er auch seine »Protestsongs«, wie man in naiveren Zeiten gerne sagte, »Masters of War« mit den schönen Zeilen »Ich hoffe, daß ihr sterbt und daß euer Tod bald kommt«, aber sie sind an niemand bestimmten mehr adressiert, an wen auch? Vielleicht will er, wenn er seine Lieder sind, einfach seine Pflicht erfüllen, es sind ja nach wie vor gute Lieder, und in seinem Begleittext zu seiner letzten Platte »World Gone Wrong« hieß es ja: »Keine Rechte ohne Pflicht ist der Name des Spiels & Ruhm ist ein Trick«, und so steht er immer noch rum und macht seinen Job und ist ein rastloser Untoter - was bedauerlicherweise nichts darüber aussagt, ob die, die ihm dabei zuhören, noch lebendig sind oder ganz tot."

Das zweite Dylan-Konzert auf der Horner Trabrennbahn war ebenso schön. Meike hat die ersten drei Stücke durchgeweint, fassungslos, diesen alten Columbia Recording Artist zu sehen. Das will etwas heißen bei Meike.

  
       
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gil evans.

gil evans

Gil Evans ist die Definition von Style. Gil Evans ist ein schwarzer Anzug, ein weißes Hemd, glänzende Schuhe. Gil Evans ist Arrangeur - was etwas anderes ist als Musiker, Komponist, Dirigent oder Produzent. Arrangeure sind die, die dafür sorgen, daß alles zusammenpaßt. Arrangeure sind die, die Bilder in Museen aufhängen, Möbel in Bungalows aufstellen, Buchstaben in richtigen Typographien setzen, eigentlich die wichtigsten Menschen, die es gibt, obwohl man das meistens nur ungern zugibt. Miles Davis hat viel von Gil Evans gelernt - und Miles Davis hatte bekanntlich nun wirklich nicht viel zu lernen. Gil Evans sah ich in einem Konzert mit drei Bands, an die beiden anderen kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich war todmüde, hatte Kopfschmerzen, wollte nur noch ins Bett. Eine innere Stimme sagte: Gib Gil Evans eine Chance. Eine halbe Stunde nach Mitternacht kam er mit seinem Orchester dann endlich auf die Bühne. Er setzte sich ans Klavier, ein hagerer weißhaariger Mann in dunklem Anzug und weißem Hemd und schlug einen Akkord an. Dieser Akkord hat mich wach gemacht. So wach bin ich nie vorher und nie nachher gewesen. Stellt euch einen Kalligraphen vor, der vierundzwanzig Jahre ein einziges Schriftzeichen übt. Und dann malt er es hin, und es ist das perfekte Schriftzeichen. Stellt euch einen Sushi-Schneider vor, der vierundzwanzig Jahre übt, Thunfischbauch richtig zu schneiden. Dann schneidet er den Thunfischbauch so, wie Thunfischbauch geschnitten werden muß. So ein Akkord war das. Lieber Gott, falls es dich gibt, möchte ich diesen Akkord wiederhaben!

  
       
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prefab sprout.

prefab sprout

Das schönste Konzert, das ich nicht gesehen habe: Roman Kocholl erzählte mir, daß Prefab Sprout eine kleine Tour machen würden. Newcastle, Glasgow und so weiter. Am nächsten Tag rief ich im Dubliner OlympiaTheatre an und bestellte für Meike und mich zwei Karten für das Konzert am 16. April 2000. Dritte Reihe Mitte. Kann es ein größeres Glück geben als Prefab Sprout in Dublin, dritte Reihe Mitte zu sehen? Mit den Flugtickets ließen wir uns Zeit. Wer wird schon nach Dublin fliegen. Am 6. April begannen wir, uns darum zu kümmern. Es gab keineFlüge mehr. Nicht einmal über Singapur oder New York. Der Luftraum über Dublin war dicht. Dumm gelaufen. Roman schrieb mir dann noch eine Email. Über das Konzert, das er gesehen hatte, in Newcastle. Diese Email ging so:

"tag herr praschl,
du hättest tränen in den augen gehabt - wunderbar! traumhaft.
better than ever.
this guy looks like harry rowohlt now, but the voice, the music........................
we let the stars go.
and I don´t want to sell you lies,
roman"