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sidney.

sidney

In Sydney möchte ich einmal leben. Erstens ist es am anderen Ende der Welt. Zweitens haben 90 Prozent aller Sidneysider zu Fuß höchstens zehn Minuten zum Meer. Drittens tragen die meisten Männer kurze Hosen. Viertens ist mir in der einen Woche, die ich in Sidney war, kein einziger unfreundlicher Mensch aufgefallen. Fünftens gibt es die Sailor´s Thai Canteen, ein kleines Restaurant, in dem ein einziger schmaler Aluminiumtisch steht, an dem ungefähr fünfzig Esser Platz haben, die unter tiefgezogenen Lichtkegellampen aus höchstens zehn großartigen Gerichten wählen können. Mein Favorit war crispy fish, Fisch, der zuerst im Backrohr luftgetrocknet, dabei völlig entwässert und dann noch einmal gebraten wird, so daß er am Ende nur aus Kruste besteht. Weil zu meinen Kinderträumen Gerichte nur aus Kruste gehörten, kann ich mir kein besseres Restaurant vorstellen. Sechstens erscheint in Sydney die beste Foodie-Zeitschrift der Welt, die Australien Vogue Entertaining, die immer dann Sommermenüs zur Titelgeschichte macht, wenn in Hamburg Winter ist. Siebtens gibt es in Sidney eine Nachtbuchhandlung, in der man zu Burt Bacharach-Songs und Kruder & Dorfmeister-Stücken auf Midcentury-Stühlen lesen kann, so lange man will, und beim Bezahlen von einem freundlichen Angestellten Schokolade geschenkt bekommt - was keinem deutschen Buchhändler einfiele, weil Schokolade und Bücher zwar für Leser, nicht aber aber für sauberkeitsfanatische Buchhändler zusammenpassen. Achtens kann man in den Souvenirläden Känguruhfelle kaufen. Neuntens gibt es den Satellitenkanal Encore, in dem rund um die Uhr nur Filmklassiker gespielt werden. Und zehntens habe ich keine andere Stadt so wunderbar kennenlernen dürfen. Zwei Tage nach Meikes und meiner Ankunft fand Sydney Open statt, eine Veranstaltung, bei der man für 15 Aussie-Dollar einen Tag lang gut 50 der Öffentlichkeit sonst verschlossene Orte besichtigen durfte: rennomierte Anwaltskanzleien im 30. Stockwerk eines Wolkenkratzers mit Blick auf den Hafen, die Küche des Paramount-Restaurants und viele irrwitzig eingerichtete Privatwohnungen, zum Beispiel die Stadtvilla eines schwulen Juweliers, deren Wände mit nachtblauem Samt beschlagen waren, in dem aberhunderte massivgoldene Bienen (Wespen? Hornissen?) steckten. Weil ich mir nicht vorstellen kann, daß irgendeine andere Stadt Voyeure so zuvorkommend behandelt, muß ich nach Sidney auswandern. Irgendwann schaffe ich das auch.

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trieste.

trieste

Bei Trieste habe ich zum ersten Mal das Meer gesehen. In Trieste gibt es das Schloß Miramare, in dem Maximillian von Österreich residierte, bis er sich überreden ließ, den Kaiser von Mexiko zu spielen und prompt von republikanischen Aufständischen füsiliert wurde. In Miramare hat Elisabeth von Österreich oft gewohnt, auf der Flucht von Irgendwo nach Nirgendwo. Trieste ist ein transitorischer Ort: Man bleibt nicht da. Joyce hat ein paar Jahre in Trieste gewohnt und sich von Ettore Schmitz, besser als Italo Svevo bekannt, Italienisch und den Inneren Monolog beibringen lassen. Vielleicht ist Trieste ein Ort, an dem man schneller als anderswo innerere Monologe führt. In Trieste gibt es die Illy-Dynastie, die den besten Espresso aller Völker, Kulturen und Epochen erfunden hat. In Trieste unterrichtet Claudio Magris, der das beste transitorische Buch geschrieben hat, das ich gelesen habe, "Donau", eine Reise von den Quellen bis zum Schwarzen Meer. In Trieste habe ich als Kind in einem Restaurant gegessen, in dessen Speisesaal ein dicker Baum wuchs: der Besitzer hatte ihn nicht fällen wollen und deswegen ein stammdickes Loch im Dach ausgespart. Man saß drinnen draußen, draußen drinnen. Das ist eine Metapher, vielleicht nicht nur, aber ganz sicher für Trieste.

  
       
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oswiecim.

auschwitz

Oswiecim ist eine Stadt, die es gibt und auch wieder nicht. Daß es sie nicht gibt, liegt am Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, das sich in der Nähe befindet. So wird alles, auch das Banalste, was man in Oswiecim tut, von einem schwarzen Loch verschlungen, in dem alle Oswiecim-Bedeutungen durch Auschwitz-Bedeutungen ersetzt werden. Man geht, spricht, lacht, erzählt, ißt, wechselt Geld in einer Stadt, die Oswiecim sein will und immer Auschwitz bleiben wird. Ich bin zweimal für je eine Woche dagewesen, einmal 1991, einmal 1996, um eine Geschichte über einen Mann zu schreiben, der KZ-Häftling war und seit 1946 wieder im Konzentrationslager wohnt, in einem ehemaligen SS-Block gleich gegenüber einem Krematorium. Fast ebenso verstörend wie das, was ich in Auschwitz empfand, war es, in Oswiecim zu sein. Abends saß ich in Diskotheken, in denen auf Silbertabletts Tetrapacks mit Aldi-Orangensaft serviert wurden und Modern Talking-Hits dröhnten: Aldi, dachte ich, Dieter Bohlen, dachte ich, deutsche Musik, dachte ich, Mördermusik, ich konnte mir nicht helfen. Im Hotel Glob gleich beim Bahnhof (Bahnhof, dachte ich, Viehwaggons dachte ich, nächste Station Birkenau, dachte ich, Rampe, dachte ich), konnte man Postkarten kaufen, auf denen sich tapfer die Normalität behauptete, Kirchen, Plätze, Stadtkern: Wo ist Auschwitz, dachte ich, und dann dachte ich gleich: Wie kann man aus Auschwitz Ansichtskarten schicken? In einem Restaurant bin ich von drei Betrunkenen beinahe verprügelt worden. Ich habe sie auf deutsch beschimpft, weil mir nichts Besseres einfiel, und sie mir damit vom Leib gehalten. Danach dachte ich: Ich habe in Auschwitz drei Polen angebrüllt, deutsch. So eine Stadt ist Oswiecim.

  
       
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tokyo.

tokyo

Nach Tokyo hatte er sich von Kind an geträumt. Es war das Entfernteste, was er sich vorstellen konnte. Darum wollte er hin. Vor Tokyo hatte er Angst. Auf dem Stadtplan hatten die Straßen keine Namen. Er konnte nicht lesen, nicht sprechen, nicht hören. Er hatte Angst, verloren zu gehen, nie wieder zurückzufinden. In Tokyo ist er eine Woche lang nur gegangen, aufs Geratewohl irgendwohin. Es gab kein System, kein Zentrum, keine Orientierung. Um die Wolkenkratzer schmiegten sich kleine baufällige Holzhäuser. Mitten in der Stadt lagen Dörfer. Ein Fisch konnte eine Million Yen kosten oder hundert, derselbe Fisch, dasselbe Glück im Mund, dieselbe innerweltliche Erleuchtung. Alles zerfiel in Einzelheiten, in distinkte Sinneseindrücke. In den Aufzügen sprachen Lautsprecher, auf der Straße sprachen Automaten, alle Dinge hatten immer etwas zu sagen. Von allem gab es mehr, als man sich vorstellen konnte. Millionen von Fischen, Millionen von Hochzeits-CDs, Millionen von Menschen. In Akihibara gab es Warenhäuser nur für elektronische Navigationssysteme. Er war glücklich. Er wäre gerne verloren gegangen in Tokyo.

  
       
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wien.

wien

Wien ist rolled in one, wie wir Sidneysider sagen, die einzige komplette Stadt, in der ich gelebt habe (es waren aber bis jetzt auch nur vier). Deswegen fühle ich mich in Hamburg auch nach dreizehn Jahren immer noch nicht zu Hause und tagtäglich amputiert; mir fehlen sozusagen ein paar Organe, und ich muß mir mit Prothesen behelfen, Bücher sind es meistens. Deutsche Städte sind nicht vollständig, sondern "Medienzentren", "Kunstmetropolen", "Finanzmetropolen", "Hauptstadt" und so weiter. Ich will aber alles haben. Ich will ein Filmmuseum, in dem der Panzerkreuzer Potemkin mit russischen Untertiteln fährt, ich will Museen, die nicht nach dem "Kapital-Kunstkompaß" zusammengekauft wurden, ich will, daß die Intellektuellen und die Künstler alle an einem Ort sind, damit sie einander besser ignorieren und verachten können, ich will, daß es hundert Restaurants, Beisln, Kaffeehäuser, Tschecherln und Bars gibt, in denen man sitzen kann, und nichts davon ist ein Geheimtip, ich will, daß das Arbeiten, Saufen, Herumhängen und Reden beieinander und nicht in verschiedenen Stadtteilen stattfinden, ich will Imperiales und Karl-Marx-Höfe mit Schießscharten, von denen aus man sich gegen die Regierungstruppen wehren kann. Ich will Verdichtung, gehen können, ohne daß die Stadt aufhört, nachläßt, Pausen einlegt. Wien ist wie Balzac: eine ganze Welt. Deutsche Städte sind das nicht. Also habe ich Heimweh. Warum ich dann nicht wieder nach drüben gehe? Weil Fremder zu sein genauso spannend ist wie ein Einheimischer zu sein.

  
       
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nukualofa.

tonga

Nukualofa ist die Hauptstadt des Königreichs Tonga. Das Königreich Tonga hat etwa 100.000 Einwohner, auf der Hauptinsel Tongatapu leben 30.000 Menschen. Man kann sich vorstellen, was in Nukualofa los ist: Nichts. Das größte Gebäude ist die taiwanesische Botschaft. Tonga gehört zu den wenigen Staaten, die Taiwan anerkannt haben, und Taiwan hat sich das etwas kosten lassen. Das zweitgrößte Gebäude ist das International Dateline Hotel, ein ziemlich verstaubtes Etablissement mit so vielen Zimmern, das man vermutlich für jedes seiner Kleidungsstücke ein eigenes bekommen könnte. In der Hotelbar habe ich an zähen Kassava Chips genagt und mich mit lauwarmem Gin Tonic betrunken und war sehr glücklich dabei. Das drittgrößte Gebäude ist der Königspalast, aus weißem Holz, so hat man sich als Kind immer das Haus vorgestellt, in dem Frau Holle wohnt. Im Supermarkt gibt es vor allem Corned Beef, die Leibspeise des Tonganers. Nukualofa ist der einzige Ort, an dem ich mir wie ein Bulimiker vorgekommen bin. Das alleine war es schon wert. Aber das Beste an Nukualofa ist: Es gibt nichts zu tun. Es ist nichts los. In Worten: nichts. Am International Airport, aufgrund genialer diplomatischer Winkelzüge des Königs von den Amerikanern so groß angelegt, daß Jumbos bequem ausrollen können, durchläuft man bei den Einreiseformalitäten fünf Stationen: Einer nimmt den Paß, der zweite guckt ihn an, der dritte macht einen Stempel rein, der vierte fragt, ob man was zu verzollen hat, der fünfte gibt den Paß wieder zurück. Die Leute, die einen weniger stressigen Job als die Einreisebeamten haben, hängen den ganzen Tag herum und trinken Royal Tongan Beer. Aus irgendeinem Grund klappt das. Jeder ist faul, niemand hungert. Polynesian Paralysis lautet der Fachausdruck für diese Lebensart. Eine bessere ist mir nie untergekommen.

  
       
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san francisco

Wenn ich nicht nach Sidney auswandern würde, wollte ich in San Francisco leben. Gegen San Francisco spricht nur, daß es nicht Sidney ist. Für San Francisco spricht erstens: Meer. Zweitens: viele fröhliche Schwule - aus irgendeinem Grund fühle ich Hete mich immer in Städten mit großem Gay-Anteil besonders wohl, in Amsterdam zum Beispiel. Drittens: Man kann zu Fuß gehen. Städte, in denen man zu Fuß gehen kann, sind essentiell für mich. Deswegen mag ich zum Beispiel auch Paris sehr (ich schummle gerade Bonus-Städte auf die Liste...). Viertens: Der Buchladen von Lawrence Ferlinghetti. Es bedienen dich Menschen, die aussehen wie im Woodstock-Film. Fünftens: Es gibt guten Kaffee. Sechstens: In den Straßen von San Francisco sieht es genauso aus wie in den Straßen von Francisco. Siebtens: Die Stadtgeschichten von Armistead Maupins zeichnen ein untertriebenes Bild davon, wieviele glückliche Verrückte einem auf Schritt und Tritt begegnen. Ich habe tatsächlich eine Nonne auf Inline-Skates gesehen. Achtens: Auch hier sind alle Menschen fröhlich. Neuntens: Nachdem ich bei Williams-Sonoma ein Thanksgiving-Platter für die legendären Winnemuth-Thanksgiving-Truthähne gekauft hatte, fragte der Rezeptionist im Plaza-Hotel angesichts meiner Sonoma-Tüte: Sind Sie etwa Koch? Das hat mir extrem geschmeichelt.